06/06/2026
Warum verwenden wir den Begriff Co-Abhängigkeit oftmals weiterhin, auch wenn er heute nicht mehr unumstritten ist.
Der Begriff macht die eigene Betroffenheit sichtbar.
Co-Abhängigkeit bedeutet nicht, dass wir schuld an der Sucht sind.
Der Begriff verdeutlicht vielmehr, dass auch wir unter den Auswirkungen der Suchterkrankung leiden und Unterstützung benötigen.
Die Sucht bestimmt auch unser Leben.
Nicht nur der Suchtkranke richtet sein Denken und Handeln auf das Suchtmittel aus.
Auch wir Angehörigen richten oft einen großen Teil unserer Aufmerksamkeit auf den Betroffenen aus. Wir beobachten, kontrollieren, sorgen uns, hoffen und reagieren auf sein Verhalten.
Dadurch wird die Sucht zu einem beherrschenden Thema in unserem eigenen Leben.
Der Suchtkranke kreist um sein Suchtmittel. Wir kreisen um den Suchtkranken.
Beide Seiten konzentrieren sich auf einen Lebensbereich, während eigene Bedürfnisse, Interessen und soziale Kontakte in den Hintergrund treten.
Unser Wohlbefinden wird vom Verhalten der suchtkranken Person abhängig.
Viele Angehörige erleben gute Tage, wenn der Betroffene abstinent ist, und schlechte Tage, wenn er konsumiert. Unsere Stimmung und Lebensqualität werden dadurch stark von seinem Zustand beeinflusst.
Unabhängig davon, ob es um Partner, erwachsene Kinder, Geschwister oder Eltern geht, die wiederkehrenden Muster zeigen, dass es mehr ist als bloße Sorge um einen nahestehenden Menschen.
Der Begriff kann ein Wendepunkt sein.
Viele Angehörige erkennen erst durch die Beschäftigung mit dem Thema Co-Abhängigkeit, wie sehr ihr eigenes Leben von der Sucht eines anderen bestimmt wird.
Diese Erkenntnis ist oft der erste Schritt, um Grenzen zu setzen und wieder mehr Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.
Wir verwenden den Begriff Co-Abhängigkeit nicht, um Angehörige zu beschuldigen. Begriffe wie „Angehörigenbelastung“ oder „Mitbetroffenheit“ reichen einfach oftmals nicht aus.
Die Suchterkrankung betrifft nicht nur den Erkrankten. Sie verändert oft das gesamte Familiensystem und kann dazu führen, dass auch wir unser Leben zunehmend an der Sucht ausrichten, wir machen es davon abhängig, wir machen uns abhängig – nicht von der Substanz des Suchtkranken, sondern von der Beziehung zu ihm.
Das meinen wir, wenn wir von Co-Abhängigkeit sprechen.