08/05/2026
Auf Wunsch einer Mutter aus unserer Gemeinschaft teilen wir nachfolgende persönlichen Worte in anonymisierter Form.
Sie hat uns gebeten, diesen Text als präventiven Beitrag sichtbar zu machen – in der Hoffnung, mehr Verständnis für seelische Erkrankungen zu schaffen, Vorurteile abzubauen und Menschen zu ermutigen, genauer hinzusehen, zuzuhören und Not ernst zu nehmen. Diesem Wunsch kommen wir als AGUS von Herzen gerne nach.
Mehr als nur „Der kleine Prinz“
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Dieses berühmte Zitat stammt von Antoine de Saint-Exupéry aus seinem Werk Der kleine Prinz. Es bedeutet, dass wahre Werte wie Liebe, Freundschaft und Vertrauen nicht äußerlich sichtbar sind, sondern durch Fühlen und innere Haltung erkannt werden.
Es betont, dass oberflächliches Betrachten – mit den Augen – das Eigentliche, Wichtige oft verfehlt.
😥
Vor einem Jahr hat eine seelische Erkrankung einem geliebten Menschen das Leben genommen. Sie litt unter anderem an einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung.
„Zwanghafte Persönlichkeitsstörung“ – das klingt nüchtern, einfach, ist viel weniger bekannt als die Diagnose Depression.
Für Betroffene bedeutet es einen ständigen inneren Kampf. Einen Druck, der niemals nachlässt ...
Betroffene sind unglaublich gewissenhaft, sensibel und tragen oft weit über ihre persönliche Grenze hinaus eine Last. Sie wollen alles richtig machen. Ihr Körper funktioniert wie ein Smartphone ohne Empfang. Alle Funktionen sind da, aber nichts kommt an. Betroffene wollen niemanden enttäuschen, niemandem zur Last fallen. Ihr Leben besteht aus unerbittlicher Kontrolle.
Und egal, wie sehr wir – meine jüngere Tochter und ich – diesen Menschen liebten: In sich selbst fand sie dieses Gefühl von „genug sein“ seit vielen Jahren nicht mehr. Sie hatte gelernt, ihre Maske zu pflegen, damit niemand sieht, was sich in ihr bewegt. Sie hat ihre Zweifel und ihren inneren Kampf tief in der Brust versteckt. Oft sahen wir sie stehen, den Blick voller Fragen; ihr Blick wollte hinaus in alle Welt. Manchmal wartete sie vielleicht darauf, dass jemand sie erkennt – doch sie zog die Mauern hoch, so sicher gebaut. Gefühle hatten selten Raum.
Nach außen wirkte sie teilweise kontrolliert. Innen war da ein unerbittlicher Maßstab, der ihr keine Pause ließ. Dieses „Nie genug“ begleitete sie wie ein Schatten. Nie genug zu sein, um unter anderem in der Schule – ohne Gewalt – anerkannt zu werden. Innerlich, mit einem verlorenen Lachen, zerbrochen.
Ich wünsche mir so sehr – und das nicht erst seit ihrem Versterben –, dass wir Menschen seelische Erkrankungen anders sehen lernen.
Dass wir hinter Leistung, Ordnung und Funktionieren auch die Erschöpfung erkennen. Dass wir begreifen, wie zerstörerisch ein innerer Kritiker sein kann.
Wenn wir Menschen begegnen, die extrem streng mit sich sind, die sich selbst immer infrage stellen, sollten wir das ernst nehmen. Weniger kleinreden, nicht wegsehen, nicht ignorieren, nicht vorverurteilen. Manchmal ist genau dort große Not verborgen.
Erkrankungen wie z. B. Diabetes mellitus oder ein geschwächtes Immunsystem werden ernst genommen. Weshalb so selten auch ein „Seelenkrebs“, nur weil er nicht objektiv – wie in einem Blutbild – festgehalten werden kann? Weshalb wird seelisches Leid, obwohl Heilungschancen oft jahrelange Energie benötigen, derart verglichen, ja teilweise sogar unter den Teppich gekehrt? 🤔
Sie war ein wunderbarer Mensch. Voller Tiefe, voller Gefühl.
Sie war und bleibt geliebt – doch wie sehr, das konnte sie schon lange nicht mehr für sich annehmen.
Zwischen uns bestand eine außergewöhnlich tiefe, innige Bindung. Wir haben so viel geteilt – Erinnerungen und Gedanken, Gespräche, Sorgen, kleine Alltagsmomente.
Ich kannte ihre leisen Zwischentöne. Und doch gab es einen Schmerz in ihr, der größer war als alles, was wir erreichen konnten.
In Liebe –
und in der Hoffnung, dass ihr Versterben nicht nur nie endenden Schmerz hinterlässt, sondern auch ein Stopp für Stigmatisierung wird, ein Stopp für Gewalt in jeder Form, ein Stopp für Mobbing als gesellschaftlich geduldete Haltung.
Für mehr Verständnis, Toleranz, Hinsehen, Zu- und Hinhören, Wertschätzung und füreinander Dasein.