03/04/2026
Stellungnahme des Verbandes Deutsch-Syrischer Hilfsvereine e.V. (VDSH) zur aktuellen Debatte über Rückkehr von Syrerinnen und Syrern.
Die jüngste öffentliche Debatte über eine mögliche Rückkehr von bis zu 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrerinnen und Syrer innerhalb von drei Jahren - unter anderem ausgelöst durch Aussagen von Herrn Friedrich Merz - hat in der syrischen Community in Deutschland große Aufmerksamkeit und auch erhebliche Verunsicherung ausgelöst.
Als bundesweiter Zusammenschluss syrischer Vereine sehen wir es als unsere Verantwortung, diese Diskussion sachlich einzuordnen und zugleich die Perspektive der betroffenen Menschen sichtbar zu machen.
Hinter jeder Zahl stehen Menschen - Familien mit Kindern, junge Menschen mit Zukunftsplänen sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich in Deutschland ein Leben aufgebaut haben. Flucht ist keine abstrakte Statistik, sondern eine menschliche Realität. Deshalb sollten politische Aussagen dieser Tragweite mit besonderer Verantwortung und Sensibilität getroffen werden.
Hinzu kommen erhebliche rechtliche Rahmenbedingungen. Das deutsche und europäische Asylrecht basiert auf dem Grundsatz des Schutzes vor Abschiebung in unsichere Verhältnisse. Jede Entscheidung über eine Rückkehr erfordert eine individuelle Prüfung und kann gerichtlich überprüft werden. Pauschale Zielmarken widersprechen diesem rechtsstaatlichen Grundprinzip und würden zwangsläufig zu einer erheblichen Belastung der Verwaltungsgerichte führen.
Darüber hinaus ist die Situation in Syrien weiterhin von großen Herausforderungen geprägt. In vielen Regionen bestehen erhebliche Defizite in der Stromversorgung, beim Zugang zu Trinkwasser, im Gesundheitswesen und beim Wohnraum. Der Wiederaufbau des Landes wird auf sehr hohe Summen geschätzt, während große Teile der Bevölkerung weiterhin unter schwierigen Lebensbedingungen leiden. Viele Menschen sind weiterhin auf humanitäre Unterstützung angewiesen.
Zugleich sind weite Teile der Infrastruktur zerstört oder nur eingeschränkt funktionsfähig, was die Versorgungslage in zahlreichen Regionen erheblich belastet. Besonders vulnerable Gruppen, darunter Binnenvertriebene und Minderheiten, sehen sich weiterhin besonderen Herausforderungen und Risiken gegenüber. In den vergangenen Jahren ist es zudem zu schweren Menschenrechtsverletzungen gekommen, die in vielen Fällen noch nicht umfassend aufgearbeitet wurden. Funktionierende rechtsstaatliche und gerichtliche Strukturen befinden sich weiterhin im Aufbau.
Vor diesem Hintergrund bestehen in Teilen des Landes weiterhin erhebliche Unsicherheiten und strukturelle Defizite, die ein sicheres und stabiles Leben für viele Menschen erschweren. Eine nachhaltige Rückkehr setzt daher verlässliche Rahmenbedingungen, Sicherheit und funktionierende staatliche Strukturen voraus.
Eine groß angelegte Rückkehrbewegung ohne stabile Rahmenbedingungen könnte
humanitäre Probleme verschärfen und die Stabilität des Landes gefährden. Nachhaltige
Rückkehr setzt funktionierende Strukturen voraus.
Gleichzeitig wird in der öffentlichen Debatte häufig übersehen, dass viele Syrerinnen und
Syrer heute einen wichtigen Beitrag zur deutschen Gesellschaft leisten. Ein erheblicher
Teil ist sozialversicherungspflichtig beschäftigt und häufig in sogenannten Engpassberufen
tätig, in denen Deutschland dringend Fachkräfte benötigt – etwa in der Pflege, im
Handwerk, in der Logistik oder im Gesundheitswesen. Diese Menschen tragen täglich zum Funktionieren unseres Gemeinwesens bei und sind längst Teil dieser Gesellschaft.
Zudem entspricht die pauschale Vorstellung, ein großer Anteil der Syrerinnen und Syrer
könne kurzfristig zurückgeführt werden, nicht der tatsächlichen Realität. In Deutschland
leben Menschen mit sehr unterschiedlichen Aufenthaltsstatus – darunter eingebürgerte
Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, Familien mit Kindern sowie junge Menschen, die in
Deutschland geboren wurden und Syrien nur aus Erzählungen kennen. Für sie bedeutet
eine Rückkehr faktisch eine Ausreise in ein ihnen fremdes Land.
Die syrische Diaspora in Deutschland versteht sich ausdrücklich als Teil der Lösung. Viele
Menschen bringen Kompetenzen, Qualifikationen und Erfahrungen mit, die sowohl in Deutschland als auch beim zukünftigen Wiederaufbau Syriens eine wichtige Rolle spielen können. Deshalb halten wir es für sinnvoll, neue und pragmatische Ansätze zu diskutieren, die sowohl den Interessen Deutschlands als auch denen Syriens gerecht werden.
Dazu gehören beispielsweise Modelle der zirkulären oder temporären Migration, die es
qualifizierten Fachkräften ermöglichen, sich am Wiederaufbau Syriens zu beteiligen, ohne
ihre Perspektive und ihren rechtlichen Status in Deutschland zu verlieren. Ebenso
erscheint es sinnvoll, den Dialog zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und der
syrischen Community zu intensivieren, etwa im Rahmen eines gemeinsamen Forums oder
runden Tisches.
Wir sind überzeugt, dass eine verantwortungsvolle Migrationspolitik auf Realismus, Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt beruhen muss. Politische Kommunikation in Fragen von Migration und gesellschaftlicher Zugehörigkeit trägt eine besondere Verantwortung. Aussagen in diesem Bereich senden Signale – nicht nur an die Mehrheitsgesellschaft, sondern auch an Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte, die längst Teil dieses Landes sind.
Der Verband Deutsch-Syrischer Hilfsvereine e.V. steht für Dialog, Zusammenarbeit und
gemeinsame Lösungen. Wir sind bereit und offen, unsere Erfahrungen und Perspektiven
aktiv einzubringen, um gemeinsam realistische, verantwortungsvolle und
menschenwürdige Wege zu entwickeln.