16/08/2021
Berlin, den 16.08.2021
Forderungen des Verbandes für interkulturelle Wohlfahrtspflege, Empowerment und Diversity (VIW) zur Bundestagswahl 2021
Aktuelle Studien des SVR (Sachverständigenrat für Integration und Migration) und des DEZIM (Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung) weisen nach, dass Migrant*innenorganisationen schon heute einen beträchtlichen Anteil an der Wohlfahrtspflege leisten, über die notwendige Fachlichkeit verfügen und ihre Zielgruppen effektiver erreichen als etablierte Strukturen dies vermögen.
Die Leistungen unseres Wohlfahrtspflegesystems (und auch unseres Gesundheits-systems) erreichen die Menschen in unserem Land nicht gleichermaßen. Menschen mit Migrationsgeschichte partizipieren nicht ihrem Anteil in der Gesellschaft entsprechend. Die Corona-Pandemie und die spezifischen Befragungen zu ihren Auswirkungen im Kontext des letzten Armutsberichtes weisen eindeutig auf eine strukturelle Benachtei¬ligung hin. Diese Realität ist mit den Gleichheitsgrundsätzen, auf denen unser Zusammenleben beruht, nicht zu vereinbaren.
Diese Ungleichbehandlung in den etablierten Systemen ist ungerecht und die Unterversorgung der Zielgruppen belastet unsere Volkswirtschaft zudem durch immense Folgekosten.
10 Forderungen an die Politik
1) Der Verband für interkulturelle Wohlfahrtspflege, Empowerment und Diversity (VIW), fordert eine gleichberechtigte Teilhabe migrantischer Perspektiven an den Planungs- und Gestaltungsprozessen für den Bereich der Wohlfahrtspflege. Die etablierte Wohlfahrtspflege bildet unsere Einwanderungsgesellschaft nicht mehr in der notwendigen Weise ab, das zeigen Untersuchungen in Bezug auf die Erreichung von migrantischen Zielgruppen deutlich.
2) VIW fordert überall dort eingeladen zu werden, wo auf Landes – oder Bundesebene die öffentliche Hand gemeinsam mit den Vertreter*innen der BAGFW (Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege) über die Zukunft unseres Landes berät.
3) VIW fordert eine umfängliche Förderung für Migrant*innenorganisationen in der Wohlfahrtspflege zum Aufbau einer effektiven Verbandsstruktur, die auf Landes– und Bundesebene eine Entsprechung der BAGFW–Verbände darstellen kann und die Interessen der migrantisch geprägten Zielgruppen endlich wirksam vertreten kann.
4) VIW fordert eine Qualifizierungsoffensive für Migrant*innenorganisationen, die sich kommunal in den Bereichen der Wohlfahrtspflege engagieren.
5) VIW fordert eine sofortige Öffnung der Regelstrukturen insbesondere in den Bereichen, die in den Studien als Kernkompetenzen der Migrant*innenorganisati¬onen ausgewiesen werden, nämlich die Beratung von Menschen mit Migrationsge¬schichte in den Bereichen MBE (Migrationsberatung für Erwachsene) und JMD (Jugendmigrationsdienste).
6) VIW fordert die digitale Grundversorgung mit Netzausbau, WLAN im öffentlichen Raum und einer Verankerung von sozialrechtlichen digitalen Hilfen im SGB XII als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge in ganz Deutschland.
7) VIW fordert strategische Handlungsansätze, um die Problematik der ungleichen Verteilung gesellschaftlicher Chancen vor allem in der Bildung und Ausbildung zu begegnen, von denen insbesondere Kinder und Jugendliche aus einkommens¬armen Familien vor allem mit Migrationsbiografien betroffen sind.
8) VIW fordert die Einführung einer existenzsichernden Grundsicherung für die Kinder, damit kein Kind in Deutschland in Armut aufwachsen muss.
9) VIW fordert einen Rechtsanspruch auf Angebote der Kinder- und Jugendarbeit, der Bildung und Teilhabe für alle, insbesondere für Kinder aus Familien mit Migrationsbiografien und Fluchterfahrung, garantiert und sicherstellt, dass jedes Kind in Deutschland bestmöglich in seiner Entwicklung gefördert wird. Die Erfahrung aus der Corona-Pandemie hat uns in drastischer Art und Weise vorgeführt, wie defizitär das Bildungssystem in Deutschland aufgestellt ist.
10) VIW fordert mehr öffentlich geförderte Ausbildungsplätze, damit alle Jugendlichen, vor allem diejenigen mit Migrationsbiografien, die einen Ausbildungsplatz suchen auch einen erhalten können.
Der Verband für interkulturelle Wohlfahrtspflege,
Empowerment und Diversity (VIW)
Der VIW ist ein Netzwerk von bundesweit tätigen migrantischen Vereinen, gegründet mit den Zielen die Diversitykompetenz im Bereich der Wohlfahrtspflege zu erhöhen und das ehrenamtliche Potential in den Minderheitengruppen durch Empowerment sichtbar und wirkungsvoll zu machen. Der Verband für interkulturelle Wohlfahrtspflege, Empowerment und Diversity (VIW) möchte die transethnische und transkulturelle Perspektive, das “migrantische Auge” der Migrantengruppen in die gemeinsame Gestaltung der Zukunft unseres Landes einbringen.
Aus diesem Grund setzt sich der VIW ein:
I. Deutschland und seine Bevölkerung haben sich in den letzten Jahrzehnten entscheidend verändert. Die Pluralität der heutigen Gesellschaft bildet sich in den bestehenden Strukturen der Wohlfahrtspflege in ihren Planungs- und Entscheidungsprozessen nicht ausreichend ab.
II. Die Zukunft eines solidarischen Zusammenlebens in Deutschland ist auf jede Form des Bürgerschaftlichen Engagements angewiesen. Jeder Beitrag zur Förderung des Ehrenamtes ist ein Beitrag zur Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.
III. Der VIW möchte das ehrenamtliche Potential der Minderheitengruppen durch Professionalisierung und institutionelle Interessenvertretung fördern, weiterentwickeln und eine transkulturelle Perspektive in die gesellschaftlichen Planungsprozesse einbringen.
Mitglieder des VIW
• Amaro Drom
• Bund der spanischen Elternvereine in der Bundesrepublik Deutschland
• Bundesverband Deutsch-Arabischer Vereine in Deutschland
• Bundesverband russischsprachiger Eltern
• Bundesverband syrischer Vereine in Deutschland
• Iranische Gemeinde in Deutschland
• Korientation
• Kroatischer Weltkongress
• Polnischer Sozialrat
• Türkische Gemeinde in Deutschland
• Verband griechischer Gemeinden in Deutschland
• Zentralrat der Afrikanischen Gemeinden in Deutschland