29/09/2026
„Neulich ging bei uns in der Schule ein Video rum. Fast jeder kannte es. In der Pause wurde darüber geredet, Leute haben sich gegenseitig Ausschnitte gezeigt, darüber gelacht, Sprüche daraus wiederholt. Das Problem war nur: Es war kein normales Video. Es war ein Video mit rechtsextremem Inhalt. Trotzdem wurde es behandelt wie ein harmloses Meme.
Dazu muss man sagen, dass Mobbing an meiner Schule ein großes Thema ist. Oft geht es von Jungs aus, meistens von bestimmten Grüppchen, die sich gegenseitig pushen. Da werden dann Sprüche darüber gemacht, wer nicht in dieses „typische“ Bild passt. Und das, obwohl sich meine Gesamtschule „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ nennt.
Ich habe schon oft erlebt, dass Leute sich aus einem einzigen Video eine komplette Meinung gebildet habenBefeuert wird die Situation durch Tiktok. Denn dort tauchen neben lustigen Videoclips jede Menge rassistische, frauen- und queerfeindliche Inhalte tagtäglich in unseren Newsfeeds auf. Ich habe schon oft erlebt, dass Leute nur ein einziges Video gesehen haben und danach rumlaufen, als hätten sie sich stundenlang mit dem Thema beschäftigt. In Gesprächen mit Freunden merke ich immer wieder, wie viele Dinge einfach wiederholt werden, ohne wirklich verstanden worden zu sein. Und oft wollen sie einen von ihrer Meinung überzeugen.Bei uns auf dem Schulhof fällt man mittlerweile auf, wenn man sich nicht mitfreut, wenn mal wieder jemand wegen seiner Herkunft beleidigt wurde. Und im Bus habe ich neulich mitbekommen, wie mehrere Jugendliche über ein Video gesprochen haben, in dem behauptet wurde, bestimmte Gruppen wären schuld an allem Möglichen. Und plötzlich saßen da Leute und haben genau das nachgeredet, als wäre es ein Fakt. Aber seit wann reicht ein 20-sekündiger Tiktok-Clip, um sich eine politische Meinung zu bilden?
Quelle: taz, 26.09.2026