08/01/2019
Wir haben ein Müllproblem
Weihnachten ist vorbei und auch Silvester liegt jetzt bereits über eine Woche hinter uns. Was haben diese beiden Ereignisse gemeinsam – sie erzeugen riesige Müllberge. Die Verpackungsreste vom Weihnachtsfest verschwinden noch relativ unbemerkt in den Mülltonnen aber die Silversterüberreste liegen teilweise noch heute, für alle Augen gut sichtbar, auf unseren Straßen.
„Nun gut, aber wir recyceln ja total viel“ werden hier einige einwerfen und laut zahlreicher Agenturmeldungen, Zeitungsberichten und auch der Bundesregierung, sind wir ja auch Recycling-Europameister und damit scheint sich diese Annahme zu bestätigen [1]. Die Sache hat nur einen Haken – es stimmt nicht. Laut Statistischem Bundesamt trennt jede*r dritte Müll – mal mehr mal weniger intensiv und lediglich jede*r vierte trennt Müll konsequent [2]. Wozu ihr gehört und wie es in eurem Umfeld aussieht, könnt ihr leicht selbst überprüfen aber diese statistische Erhebung zeigt, dass ein bedeutender Teil der Haushalte keinen Müll trennt.
Ob nun getrennt oder nicht, die Deutschen haben im Jahr 2016 412 Mio. Tonnen Abfall erzeugt. Davon sind 13% bzw. etwa 52 Mio. Tonnen Siedlungsabfälle. Das ist der Teil des Mülls, der von uns Bürger*innen erzeugt und hoffentlich getrennt wird. Aufgeteilt auf uns alle ergibt das 626 kg Abfall pro Kopf. Damit liegen wir deutlich über dem EU-Durchschnitt von 480 kg [3]. Lediglich zwei Länder in der EU erzeugen mehr Abfall pro Kopf als wir. Da stellt sich die Frage: Warum ist das so? „Das liegt an der Konjunktur“ könnte Mensch jetzt denken und ja, da ist was dran. Geht es der Wirtschaft eines Landes gut, wird gemein hin mehr konsumiert und was konsumiert wird, erzeugt häufig Abfall. Diese Annahme verbindet also die wirtschaftliche Leistung eines Staates direkt mit der Abfallmenge. Bei genauer Betrachtung stimmt das jedoch nicht so recht. Laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) wuchs die Wirtschaft in der EU im Zeitraum von 2005 bis 2016 um 28%, gleichzeitig schrumpften die erzeugten Müllmengen um 4%. Im gleichen Zeitraum wuchs die deutsche Wirtschaft um 32%, aber unser Müllberg wuchs um 11% [4]. Also woran liegt es, dass es unsere Nachbar*innen aus den Niederlanden oder Frankreich zwischen 150 kg und 200 kg weniger Müll pro Kopf erzeugen als wir und das bei ähnlichen Lebensstandards?
Ist ja alles halb so wild, wir sind ja schließlich Recycling-Europameister – oder doch nicht?
Eine stolze Recyclingquote von 66% gibt das Umweltbundesamt (UBA) aus – Rekord! Eine so große Recycling-Quote kann kein anderes Land in der EU aufweisen [5]. Aber auch hier lohnt sich ein genauerer Blick. Die Quote von 66% gilt nämlich nicht für die gesamte Abfallmenge (412 Mio Tonnen.) sondern nur für die 13 % der Siedlungsabfälle (52 Mio. Tonnen). Und auch da muss unterschieden werden.
Es gibt aber nicht nur negative Zahlen. Beim Recycling von Metallen, Papier und Glas erreichen wir ansehnliche Recyclingquoten von bis zu 90%. Aber es gibt ein Sorgenkind und das heißt Kunststoffe [5]. Bei Kunststoffen in Siedlungsabfällen kommen wir laut UBA auf eine Recyclingquote von 49,7%. Gefordert ist gesetzlich eine Quote von 36% - dann ist doch alles in Ordnung, oder? Nein ist es nicht! Die Quote ist ein rein statistisches Märchen. Aber zunächst ein paar Fakten: Von den pro Kopf erzeugten 626 kg Abfall, sind rund 220 kg Verpackungsabfälle. Seit dem Jahr 2000 nahm der Anteil an Verpackungen im deutschen Einzelhandel um 19% zu – der Anteil der Kunststoffverpackungen an diesem Wert beträgt 74% [5]. Wir erzeugen beim Verpackungsmüll also vor allem Kunststoffmüll und der wird offiziell zu 49,7 % recycelt. Dieser Wert ist aber Augenwischerei und das hat vor allem zwei Gründe:
Erstens, wird diese Quote nach dem Input-Verfahren ermittelt. Das bedeutet, alles was überhaupt über die Sortierbänder eines Recyclingbetriebs läuft, trägt zur Quote bei – egal, ob es dann später tatsächlich recycelt wird oder nicht. In Großstädten beträgt der Anteil an „Fehlwürfen“ (materialfremde Stoffe) in der Gelben Tonne (Verpackungen und Werstoffe), bis zu 50%. Bis zu 50% der Menge aus solchen Tonnen wird in den Betrieben aussortiert und in erster Linie der thermischen Verwertung zugeführt – das heißt, sie werden verbrannt. Die gesamte Menge wird aber der Recyclingquote zugerechnet. Verbrennen ist jedoch etwas anderes als Recycling. In der Praxis sieht es nämlich so aus, dass es viel zu kostenintensiv ist, Mischfraktionen (Verpackungsmengen aus verschiedenen Kunststoffen, also nicht sortenrein) die vielleicht auch noch verunreinigt sind, zu trennen. Da ist es leichter sie zu verbrennen. Nach Einschätzung von Thomas Obermeier, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Abfallwirtschaft (DGAW), beträgt die tatsächliche stoffliche Verwertung höchstens 12%.[6]
Und zweitens, läuft zwar ein erheblicher Anteil des deutschen Plastikabfalls über in Deutschland stehende Sortierbänder und trägt damit zur Recyclingquote bei, wird aber ins Ausland verbracht. Der Löwenanteil bisher nach China. Bis China den Aufkauf von ausländischem Müll weitestgehend stoppte, exportierten wir 516.000 Tonnen (2016) Kunststoffabfälle dorthin. Das ist etwa 1/3 der gesamten Menge, die die gesamte EU exportiert (1.6 Mio. Tonnen) [7]. Da wir unseren Müll nun nicht länger nach China verkaufen können, aber das seit Januar 2019 geltende neue Verpackungsgesetz noch höhere Recyclingquoten verlangt, haben wir ein Problem. Wir sollen noch mehr recyceln, haben dazu aber eigentlich weder die Infrastruktur noch die Kapazitäten. Das führt dazu, dass sich mittlerweile Polen und Rumänien zum Müllplatz der EU entwickeln. Dorthin steigen nämlich unsere Müllexporte. Einmal dort angekommen, ist es nur noch schwer nachvollziehbar, was dort mit unserem Müll geschieht. Recherchen deckten auf, dass der Müll dort vor allem verbrannt oder deponiert wird – also nix mit Recycling [8].
Den Titel Recycling-Meister haben wir nicht verdient – eher den des Müll-Export-Meisters. Wir müssen aufhören uns, und andere, mit verdrehten Statistiken und geschönten Quoten zu belügen. Was wir tun müssen, ist mit realistischen Quoten zu arbeiten, sinnvoll gesetzliche Vorgaben anzupassen und Hersteller stärker in die Pflicht zu nehmen. Natürlich sollten wir auch alle an unserem Konsumverhalten arbeiten.
[1] https://wirtschaft.com/deutsche-sind-recycling-europameist…/
[2]https://de.statista.com/…/muelltrennung---verhalten-in-deu…/
[3]https://www.destatis.de/…/Abfa…/AbfallbilanzPDF_5321001.pdf…
[4] https://www.faz.net/…/abfall-in-deutschland-die-muellberge-…
[5]https://www.umweltbundesamt.de/…/verpackungsverbrauch-in-de…
https://www.destatis.de/…/Abfa…/AbfallbilanzPDF_5321001.pdf…
[6] https://www.sueddeutsche.de/…/muell-kreislauf-das-deutsche-…
[7] https://www.youtube.com/watch?v=G5_lFoGY6Ks
[8] https://www.youtube.com/watch?v=R8W9VqIm1SQ