19/08/2026
Auf der Seite des SWR findet sich aktuell ein Beitrag, der eine Diskussion aufgreift, die auch in den USA zunehmend intensiver geführt wird: Das Heranwachsen einer Generation, deren Verhältnis zu psychiatrischen Diagnosen v.a. durch Social Media geprägt ist.
In einem Gastkommentar der US-amerikanischen Psychiaterin Suzanne Garfinkle-Crowell in der New York Times, Autorin des Buchs "Girlhood, Translated: Understanding Young Women in the Age of Therapy Speak and Self-Diagnosis”, schreibt sie:
"Natürlich sind nicht nur Mädchen im Teenageralter und junge Frauen diejenigen, die auf die Therapiesprache zurückgreifen. Erhebungen zufolge schreiben sich 50 Prozent der Generation Z selbst psychische Erkrankungen zu; Identitäten, die auf einer Krankheit basieren, haben bei jungen Menschen – sowohl online als auch offline – Fuß gefasst."
Während man die verzerrte Darstellung der Störungsbilder durch vermeintlich oder tatsächliche Betroffene in den "Sozialen Netzwerken" sowie die Selbstdiagnose aus fachlicher Perspektive beklagen kann, sieht Garfinkle-Crowell in diesem Trend dennoch einen Vorteil sowie eine Botschaft. "Um das klarzustellen: Ich lebe nach wie vor lieber in einer Welt, in der alle zu viel über Traumata reden, als in einer, in der man in eine Schublade gestopft wird, nur weil man anders ist."
Und sie formuliert, was sich aus ihrer Sicht häufig hinter der Selbstdiagnose versteckt: "Wer sagt, er habe ADHS, möglicherweise aber nicht alle klinischen Kriterien erfüllt, will damit wahrscheinlich ausdrücken, dass er sich zerstreut oder überfordert fühlt oder befürchtet, sein Leben nicht im Griff zu haben. Wenn jemand von Angstzuständen spricht, kann man ziemlich sicher sein, dass die Person nervös, unruhig oder unsicher ist. Wenn dich das Wort »depressiv« abschreckt, versuche stattdessen zu verstehen, warum sich die betreffende Person hoffnungslos, einsam oder verzweifelt fühlt."
Wer sich durch die Übertragung der Diagnose in einen Gefühlsausdruck nicht in seiner Pathologie ernstgenommen sieht, sollte bedenken, dass es der Psychiaterin nicht darum geht, die Berechtigung einer Diagnose zu hinterfragen, sondern einen Sinn in der Selbstpathologisierung zu finden, sowohl für die Betroffenen als auch sich selbst als Ärztin. "Letztendlich ist das Übertragen ein Akt der Empathie – der Versuch, die Grenzen der eigenen Perspektive zu überwinden. Sich dieser Mühe zu unterziehen, ist eine wirkungsvolle Möglichkeit, einem anderen Menschen zu helfen, sich besser zu fühlen."
Sie sieht in der Tendenz zur Identifizierung mit psychischen Störungen weniger ein medizinisches als ein sprachlich-kulturelles Problem: "Sprache kann bestimmte Aspekte der Wahrheit beleuchten und andere zugleich verschleiern. Vielleicht ist das der Grund, warum Claude Monet die Ansicht zugeschrieben wird, man müsse den Namen einer Sache vergessen, um sie wirklich sehen zu können. [...] Wenn es um die Sprache der Therapie geht – sei es in meiner Praxis oder bei Ihnen zu Hause –, ist eine solche Übersetzung ein wichtiger erster Schritt."
Die im SWR-Artikel zitierten Fachleute sehen allerdings eine andere Gefahr, die auch wir bereits auf diesen Seiten thematisierten. "ADHS und Autismus würden sehr oft als Zeichen von Besonderheit, Kreativität oder Sensibilität gedeutet. Neurodiversität wird als Vielfalt gesehen und nicht mehr mit Defiziten verbunden, sondern positiv gewertet. Doch die Grenze zwischen ganz alltäglichen Schwierigkeiten und tatsächlich schwereren Erkrankungen ist so kaum mehr zu ziehen. »Dieses Pathologisieren von Alltagserlebnissen ist eine Gefahr bei der Sache«, warnt Mittmann."
Gloria Mittmann, Psychologin an der Karl-Landsteiner-Privatuniversität in Krems und Mitautorin einer Studie, die dieses Jahr im "International Journal of Clinical and Health Psychology" erschien, in deren Verlauf 93 klinische Psychologinnen und Psychologen zur Selbstdiagnose von Klienten befragt wurden, fasst die Studienbefunde zusammen: "Viele Patienten und Patientinnen kommen heute gar nicht mehr mit einer offenen Frage in die Praxis, sondern mit einer festen Erwartung. Besonders häufig ginge es dabei um ADHS und Autismus. Schizophrenie, Depression und Angststörungen spielten deutlich seltener eine Rolle."
Wer sich für den Artikel der New York Times (in englischer Sprache) interessiert, findet ihn unter folgendem Link: https://www.nytimes.com/2026/08/18/opinion/therapy-speak-daughter-trauma-anxiety.html
Der SWR-Beitrag (in deutscher Sprache) findet sich unter:
https://www.swr.de/leben/gesundheit/adhs-autismus-neurodiversitaet-als-statussymbol-bei-jungen-menschen-100.html