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ADHS Deutschland e. Poschingerstraße 16
D-12157 Berlin
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Hartmut Gartzke
Dr. Johannes Streif
Karin-Gisela Seegers
Patrik Boerner
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Hartmut Gartzke
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Auf der Internetseite der ZEIT findet sich aktuell ein Artikel mit der gleichermaßen selbstverständlichen wie provoziere...
14/10/2026

Auf der Internetseite der ZEIT findet sich aktuell ein Artikel mit der gleichermaßen selbstverständlichen wie provozierenden Überschrift "Ja, auch Vierjährige können schon ADHS haben". Selbstverständlich ist diese Aussage, da es sich bei der ADHS um eine neurophysiologische Disposition handelt, die überwiegend vererbt wird. Vor dem Hintergrund dieser Ätiologie ist nicht zu erwarten, dass die ADHS ihre Symptomatik erst im Schul-, Jugend-oder Erwachsenenalter entfaltet.

Provozierend ist die Überschrift, weil nicht nur das offizielle Mindestalter für eine medikamentöse Therapie der ADHS auf Grundlage der Zulassung der gängigen Substanzen für diese Indikation bei zumindest sechs Jahren liegt. Darüber hinaus hinterlässt der Gedanke, bereits im Vorschulalter psychiatrische Diagnosen zu stellen und das Verhalten von Kleinkindern mit Tabletten zu beeinflussen, bei vielen Laien, aber auch Experten, ein mulmiges Gefühl. So viel ist in den Jahren von der Geburt bis zum Schuleintritt in einer schnellen Entwicklung und Veränderung begriffen, dass Diagnosen wie Momentaufnahmen wirken, die lediglich auf eine bestimmte Symptomatik abstellen, deren vielfältige Ursachen und Wandel jedoch nicht im Blick haben.

In diesem Sinne rät auch die im Beitrag der ZEIT zitierte Kinder- und Jugendpsychiaterin Sarah Hohmann, Leiterin der ADHS-Ambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, zur Vorsicht. "Kleine Kinder sind einfach aufgrund ihrer Entwicklung häufiger impulsiv, haben eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne und können mit starken Gefühlen wie Wut oder Frust noch nicht so gut umgehen, sich beispielsweise nach einer Enttäuschung selbst beruhigen."

Allerdings fällt sich die Ärztin mit ihren weiteren Äußerungen gewissermaßen selbst in den Rücken, wenn sie besorgten Eltern sich zu fragen empfiehlt: "Wie stark weicht dieses Verhalten davon ab, was in diesem bestimmten Alter entwicklungspsychologisch zu erwarten wäre?" Beispielhaft nennt sie ein Kind, "das in der Kita bei ruhigen Beschäftigungen wie Vorlesen oder Puzzeln so gut wie nie bei der Sache bleiben kann, ständig aufsteht, sehr laut ist und dadurch die gesamte Gruppe stört".

Ja, ein solches Kind kann aufgrund seines Verhaltens in der Kindergartengruppe isoliert sein und/oder einen besonderen Förderbedarf haben, doch wie sollen Eltern, aber auch pädagogische Fachkräfte in Einrichtungen für Kleinkinder beurteilen, " was in diesem bestimmten Alter entwicklungspsychologisch zu erwarten" ist? Wie unterscheidet man zwischen einer ADHS-Symptomatik einerseits und den in diesem Alter erheblichen Sozialisationseffekten?

Wir wissen mittlerweile, welch großen Einfluss v.a. der Medienkonsum im frühen Kindesalter auf die neuronale Entwicklung und die Ausbildung von Selbstregulations- und Selbststeuerungsfähigkeiten hat. Ohne in Fällen einer massiven Ausprägung der ADHS-Symptomatik die Sinnhaftigkeit früher Diagnostik und Therapie infrage zu stellen, erscheint es bei Klein- und Vorschulkindern doch geboten, zunächst einmal alle familiären und weiteren sozialen Entwicklungsfaktoren in den Blick zu nehmen und im Bereich von Familie, Kindergarten und Freizeitgestaltung an möglichst vielen Stellschrauben zu drehen, von denen wir aus vielen Jahrzehnten der pädagogischen und psychologischen Forschung wissen, dass sie eine positive altersgerechte Entwicklung von Kindern begünstigen.

Dieser Aspekt geht im ZEIT-Artikel nicht unter. Vielmehr widmet sich ein ganzer Abschnitt des Textes der Bedeutung von Elterntrainings, deren Wirksamkeit signifikant über die Effekte einer klassischen Erziehungsberatung hinausgeht. Dabei braucht es im Vorschulalter kein Elterntraining, dessen Inhalte ADHS-spezifisch sind, sondern eine konkrete Anleitung von Müttern und Vätern, wie sie mit den Emotionen ihrer Kinder, mit Problemverhalten, aber auch sozialem Rückzug konstruktiv umgehen können. Darüber hinaus können solche über mehrere Themen und Termine sich erstreckenden Coachings Eltern auch konkrete Anregungen geben, wie sie die Aufmerksamkeitsspanne und willentliche Steuerung der Aufmerksamkeit ihrer Kinder verbessern, wie sie das Interesse der Kinder an ihrer Umwelt und die Motivation zur anhaltenden Auseinandersetzung mit Personen und Gegenständen stimulieren können.

Vieles von dem, was im Text angesprochen wird, kennen die meisten Eltern bereits, nicht zuletzt die Eltern bereits ADHS-diagnostizierter Kinder: eine Ritualisierung des Alltags, klare Regeln und Grenzen, konkrete Aufforderungen, die Beschäftigung mit nur einem Gegenstand, die Vermeidung von Ablenkungen von Aufgaben oder Pflichten, häufiges Loben in konkreten Situationen, der Verzicht auf Kritik, welche die Person des Kindes abgewertet, und manches mehr.

In diesem Sinne sagt Hanna Christiansen, Professorin für klinische Kinder- und Jugendpsychologie und -psychotherapie an der Philipps-Universität Marburg: "Eine so frühe ADHS-Diagnose muss mit einer sorgfältigen Einschätzung der generellen Entwicklung einhergehen. [...] Es ist wichtig, ein Kind nicht vorschnell auf eine ADHS-Diagnose festzulegen." Sie rät Müttern und Vätern, die im Familienalltag Probleme mit dem Verhalten ihrer Kinder haben, Elterntrainings auch ohne Diagnose zu absolvieren, denn alle Kinder profitieren von "klaren Strukturen, verlässlichen Grenzen und einem guten Umgang mit Konflikten". Die erste Frage sollte daher nicht sein "Hat mein Kind etwa ADHS?", sondern "Was könnte ihm helfen?"

https://www.zeit.de/gesundheit/2026-10/adhs-kleinkinder-symptome-diagnose-vorschulalter-eltern

Wer Interesse hat: Gleich (18:30 Uhr) startet ein Vortrag unseres 2. Vorsitzenden, Dr. Johannes Streif, zum Thema "ADHS ...
12/10/2026

Wer Interesse hat: Gleich (18:30 Uhr) startet ein Vortrag unseres 2. Vorsitzenden, Dr. Johannes Streif, zum Thema "ADHS und Computerspiele". Einfach dem untenstehenden Link folgen. Dieser sollte auf Ihrem Computer, Tablet oder Mobiltelefon automatisch Zoom starten. Sie landen daraufhin im sogenannten Wartezimmer von Zoom und werden kurz darauf eingelassen. Viel Spaß!

https://zoom.us/j/95139040069?pwd=wo7Sgr40UMLvuoaKRfkT6aDTcOVyQp.1

Morgen beginnt die Woche der seelischen Gesundheit, die vom "Aktionsbündnis Seelische Gesundheit" jährlich veranstaltet ...
09/10/2026

Morgen beginnt die Woche der seelischen Gesundheit, die vom "Aktionsbündnis Seelische Gesundheit" jährlich veranstaltet wird. Die Aktionswoche 2026 findet vom 10. bis 20. Oktober unter dem Motto „Miteinander statt nebeneinander – für eine Gesellschaft, in der jede Psyche zählt” in ganz Deutschland statt. Ziel ist ein Miteinander, das niemanden ausklammert. Vor allem Betroffene von schweren psychischen Erkrankungen benötigen wirksame Unterstützung und gesellschaftliche Akzeptanz.

Passend zur Woche der seelischen Gesundheit haben "Andi & die Affenbande" - eine deutsche Kinderrock- und Mitmachband aus dem Raum Augsburg - einen ADHS-Song herausgebracht, den wir an dieser Stelle verlinken wollen. Musik ist bekanntlich Geschmackssache, daher können und wollen wir nicht garantieren, dass Inhalt und Stil des Songs allen unseren Lesern gefallen.

Wer Kinder hat und "Andi & Die Affenbande" live erleben möchte, der hat am Sonntag, den 25. Oktober 2026, die Gelegenheit dazu. Auf Schloss Friedberg, östlich des bayerischen Augsburg gelegen, findet "Gespenster und Vampire - die Halloween Rock Party im Schloss" statt. Start des Gruselrocks ist um 15:00 Uhr. Wer nach "Andi & Die Affenbande" googelt, kommt mit einem Klick auf deren Homepage. Dort findet sich wiederum ein Link zur Halloweenaffenparty und weiteren Auftritten der Band in Mannheim und Darmstadt.

https://www.youtube.com/watch?v=G6qVJd1V3o8

Andi und die Affenbande og KIZZRock

Zum Artikel „Vom Stigma zur Absolution. Wunschdiagnosen verstehen und im Praxisalltag begegnen“, erschienen im „Psychoth...
07/10/2026

Zum Artikel „Vom Stigma zur Absolution. Wunschdiagnosen verstehen und im Praxisalltag begegnen“, erschienen im „Psychotherapeutenjournal“ der Psychotherapeutenkammer Bayern (PTK Bayern), erreichte uns eine wunderbare Glosse des Psychologen und Psychotherapeuten Jörg Dreher. Stellen Sie sich kurz vor, es würde sich um die Diagnose von Kopfschmerzen und Migräne ein vergleichbarer Diskurs entfalten wie um die ADHS? Würde im "Psychotherapeutenjournal" dann ein vergleichbarer Artikel zur Psychopathologie der Migräne veröffentlicht werden?

Herr Dreher hat - mit Unterstützung von KI - die Argumentation der Psychotherapeut/innen Torben Schubert und Clara Lensing auf die Migräne übertragen. Und herausgefunden, was psychotherapeutisch geläuterte ADHS-Betroffene am Ende ihrer Therapie idealerweise über sich selbst sagen müssten: „Heute interagieren mein trigeminovaskuläres System, meine CGRP-vermittelte nozizeptive Signalverarbeitung, meine kontextsensitive Stressregulation und mein innerer Kritiker auf eine Weise, bei der ich gern im Dunkeln liegen und mich übergeben würde.“

Erfahren Sie alles zur Wunschdiagnose Migräne!

Wunschdiagnose Migräne verstehen und im Praxisalltag einfühlsam dekonstruieren. Eine transdiagnostisch-prozessbasierte Glosse über die Gefahren vorschneller neurologischer Selbstfestlegung

Mit KI-Unterstützung erstellt · fachlich geprüft und verantwortet vom Autor

1. Die neue Volkskrankheit: Menschen entdecken plötzlich, dass ihr Kopf weh tut

Auffallend unbedarft berichtete uns kürzlich eine junge Mutter, wie entlastet sie durch die Migränediagnose sei, die sie im vergangenen Monat von ihrem Neurologen erhalten habe. Seither lege sie sich bei Attacken in ein dunkles Zimmer. Früher habe sie versucht, mit Sonnenbrille weiterzuarbeiten, die Kinder abzuholen und anschließend noch das Sommerfest der Kita zu organisieren. Nun sage sie Sätze wie: „Ich kann heute nicht. Ich habe Migräne.“

Therapeutischerseits stellte sich nicht ausschließlich mitfühlende Freude ein. Vielmehr bemerkten wir ein schwer zu lokalisierendes Unbehagen. Interessanterweise halbseitig. Denn selbstverständlich stellt sich die Frage: Warum benötigt diese Frau überhaupt eine neurologische Diagnose, um sich hinlegen zu dürfen? Könnte sie nicht einfach sagen: „Heute möchte mein Organismus offenbar weniger Licht.“ Damit wäre zunächst vermieden, eine komplexe biopsychosoziale Befindlichkeit vorschnell zu einer neurologischen Entität zu verdichten.

2. Migräne - die attraktive Wunschdiagnose unserer Zeit

Die Vorbilder sind inzwischen überall. Prominente berichten rückblickend, sie hätten „schon immer Migräne“ gehabt. In sozialen Medien erzählen Betroffene von Lichtempfindlichkeit, Übelkeit, Flimmerskotomen und dem Bedürfnis, sich während einer Attacke zurückzuziehen. Unter finden Menschen andere Menschen, die erstaunlicherweise ebenfalls Kopfschmerzen haben. Das ist diagnostisch nicht unproblematisch. Denn wer täglich Videos über Migräne betrachtet, beginnt möglicherweise irgendwann, seine eigenen pochenden halbseitigen Kopfschmerzen als Migräne zu interpretieren.

Hier könnte ein klassischer Looping-Effekt diagnostischer Kategorien vorliegen: Die Medizin beschreibt Migräne. Die Bevölkerung lernt den Begriff. Menschen erkennen ihre Beschwerden wieder. Sie gehen zum Arzt. Der Arzt diagnostiziert Migräne. Anschließend steigt die Zahl der Menschen, die wissen, dass sie Migräne haben. Ein bemerkenswert geschlossener Kreislauf. Fast könnte man auf die gefährliche Idee kommen, dass Aufklärung dazu führt, dass bislang nicht erkannte Erkrankungen häufiger erkannt werden.

3. Kontrolle und Kohärenz - warum eine Diagnose so verführerisch ist

Wer seit Jahren wiederkehrend halbseitig pochende Kopfschmerzen, Übelkeit sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit erlebt, könnte sich fragen: „Warum passiert mir das immer wieder?“ Die Diagnose Migräne liefert darauf eine verblüffend einfache Antwort: Weil Sie Migräne haben. Damit wird ein komplexes individuelles Geschehen in eine Kategorie gepresst. Die Patientin erlebt einen sogenannten Aha-Effekt: „Ach deshalb musste ich mich schon als Jugendliche bei Kopfschmerzen ins Dunkle legen.“ Was zunächst wie Erkenntnis aussieht, kann psychologisch allerdings auch als Kohärenzproduktion verstanden werden.

Das diffuse Leiden erhält einen Namen. Und Namen haben bekanntlich Macht. Im ungünstigsten Fall ermöglichen sie sogar eine leitliniengerechte Behandlung.

4. Exkulpation - die gefährliche Entlastung von der Schuld

Besonders problematisch erscheint das neurobiologische Narrativ. Begriffe wie trigeminovaskuläres System, CGRP, hypothalamische Aktivierung, kortikale Spreading Depression, genetische Disposition können beim Patienten den Eindruck erwecken, sein Problem habe etwas mit seinem Nervensystem zu tun. Damit droht eine folgenschwere Exkulpation. Die Patientin könnte nämlich aufhören, sich dafür verantwortlich zu machen, dass sie während einer Migräneattacke nicht konzentriert arbeiten kann. Eltern könnten sogar rückblickend denken: „Unsere Tochter war gar nicht wehleidig.“ Oder noch schlimmer: „Vielleicht hätte sie sich damals tatsächlich hinlegen dürfen.“ Damit werden wertvolle biografische Selbstvorwürfe möglicherweise vorschnell durch ein medizinisches Erklärungsmodell ersetzt.

Aus therapeutischer Sicht sollte deshalb zumindest geprüft werden, welche Funktion der Satz „Ich hatte Migräne“ für das gegenwärtige Selbstkonzept erfüllt.

5. Identität - plötzlich ist alles Migräne

Identität und Zugehörigkeit - „Ich bin Migränikerin!“ Besonders bedenklich wird es, wenn die Diagnose identitätsstiftend wirkt. Betroffene treten Selbsthilfegruppen bei. Sie tauschen Erfahrungen aus. Sie berichten von Lichtempfindlichkeit. Andere antworten: „Das kenne ich auch.“ Damit entsteht Zugehörigkeit. Aus einem Menschen mit gelegentlichen komplexen biopsychosozialen Kopfschmerzprozessen wird plötzlich eine Migränikerin. Im Internet findet sie andere Menschen, die ebenfalls Vorhänge besitzen. Ein klassischer Vorgang diagnostischer Identitätsbildung.

Dass chronisch Erkrankte möglicherweise davon profitieren, erstmals Menschen mit ähnlichen Erfahrungen kennenzulernen, sollte uns nicht vorschnell davon abhalten, die psychodynamische Funktion dieses Vorgangs zu problematisieren.

6. Die Peer-Group als diagnostische Echokammer

Selbstaufwertung - von Hildegard von Bingen bis Virginia Woolf Hinzu kommt die Gefahr narzisstischer Aufwertung. Historische Persönlichkeiten werden nachträglich mit Migräne in Verbindung gebracht. Plötzlich ist man nicht mehr bloß die Kollegin, die bei Neonlicht Kopfschmerzen bekommt. Man gehört kulturell gewissermaßen zu Virginia Woolf. Migräne wird zur besonderen Sensibilität. Das neurologische Defizit erhält einen Hauch von Genialität. Man ist nicht krank. Man ist anders verschaltet. Damit nähert sich das Migränenarrativ gefährlich dem Neurodiversitätsdiskurs.

Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis jemand auf TikTok den ersten Vortrag über Migraine Superpowers hält.

7. Interaktionelle Motive - plötzlich müssen andere das Licht ausschalten

Diagnosen verändern Beziehungen. Sagt jemand: „Das Licht stört mich“, kann das Gegenüber antworten: „Mich nicht.“ Sagt dieselbe Person: „Ich habe Migräne, könnten wir das Licht dimmen?“, wird das Licht womöglich tatsächlich gedimmt. Hier entfaltet die Diagnose ihren normativen Charakter. Sie ermöglicht es der Patientin, Bedürfnisse durchzusetzen. Noch bedenklicher: Menschen in ihrer Umgebung nehmen darauf Rücksicht. Aus klärungsorientierter Perspektive wäre deshalb zu explorieren, warum die Patientin nicht gelernt hat, ihre Bedürfnisse ohne Zuhilfenahme eines neurologischen Etiketts zu vertreten. Das wäre vermutlich reifer. Und heller.

8. Concept Creep - früher Kopfweh, heute gleich Migräne

Auch die Geschichte der Migräne zeigt eine verdächtige Ausweitung des Störungskonzepts. Früher hatte man Kopfweh. Heute existieren Migräne mit Aura, Migräne ohne Aura, chronische Migräne, vestibuläre Migräne, menstruelle Migräne und diverse Vorläufer- und Begleitphänomene. Das diagnostische Konzept hat sich also erweitert. Man könnte das concept creep nennen. Man könnte natürlich auch sagen: Die Medizin hat dazugelernt. Aber damit wäre die wissenschaftstheoretische Pointe verloren. Besonders problematisch ist, dass das Konzept zunehmend auch weniger stereotype Verläufe umfasst.

Früher musste der richtige Migränepatient gewissermaßen im abgedunkelten Zimmer liegen und sich übergeben. Heute behaupten manche sogar, zwischen Attacken völlig normal funktionieren zu können. Damit wird die Diagnose nahezu unfalsifizierbar: Hat die Patientin Kopfschmerzen, bestätigt dies die Migräne. Hat sie gerade keine Kopfschmerzen, befindet sie sich eben zwischen zwei Attacken. Ein perfektes immunisiertes Narrativ.

9. Kein Bluttest - gibt es Migräne überhaupt?

Besonders ernüchternd ist: Es existiert kein einfacher Blutwert, der zweifelsfrei sagt: MIGRÄNE POSITIV. Auch das MRT kann bei einer Patientin mit schwerer Migräne völlig unauffällig sein. Die Diagnose wird klinisch gestellt. Das heißt - man halte sich fest - aufgrund von Anamnese, Symptomkonstellation und diagnostischen Kriterien. Patientinnen erzählen, was sie erleben. Ärztinnen glauben ihnen teilweise sogar. Natürlich gibt es erhebliche genetische Einflüsse und eine umfangreiche neurobiologische Forschung. Aber es existiert eben nicht das eine Migränegen.

Und unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Attacken. Man könnte daraus schließen, dass Migräne eine heterogene neurologische Erkrankung ist. Man könnte daraus allerdings auch schließen: Jeder Mensch hat gewissermaßen seine eigene Migräne. Und sobald man diesen Satz gesagt hat, ist der Weg zur ontologischen Abschaffung der Erkrankung erstaunlich kurz.

10. Stress triggert Migräne - also ist Stress die Ursache

Besonders hilfreich ist die Analyse des Kontextes. Die Patientin berichtet: „Wenn ich wenig schlafe oder großen Stress habe, bekomme ich häufiger Migräne.“ Damit haben wir einen bedeutsamen Hinweis. Stress beeinflusst die Symptomatik. Der nächste gedankliche Schritt liegt nahe: Wenn Stress die Migräne beeinflusst, könnte Stress die Migräne erklären. Und wenn Stress die Migräne erklärt, benötigen wir vielleicht gar keine Migräne mehr. Dass ein biologisches System durch Umweltbedingungen moduliert werden kann, ohne deshalb von diesen Umweltbedingungen erzeugt worden zu sein, würde die elegante Argumentation unnötig verkomplizieren.

Schließlich steigt bei Belastung auch der Blutdruck. Aber niemand käme deshalb auf die absurde Idee, arterielle Hypertonie sei eine körperliche Erkrankung. Moment.

11. Die langfristigen Gefahren der Diagnose

Besonders ernst sollten wir die möglichen Folgen diagnostischer Etikettierung nehmen. Wer weiß, dass er Migräne hat, könnte normalen Kopfdruck plötzlich als Vorboten einer Attacke interpretieren. Confirmation Bias. Wer weiß, dass grelles Licht Attacken verstärken kann, könnte Neonlicht vermeiden. Avoidance. Wer ein wirksames Triptan bei sich trägt, könnte glauben, auf Medikamente angewiesen zu sein. Externalisierung von Selbstwirksamkeit. Wer während einer Attacke nicht zur Arbeit geht, könnte lernen: „Why try?“ Und wer merkt, dass eine Kollegin trotz Migräne Vollzeit arbeitet, könnte die Distinktionskraft der eigenen Diagnose verlieren.

Damit wird deutlich: Nicht nur die Erkrankung kann Leid verursachen. Auch das Wissen um die Erkrankung ist riskant. Konsequenterweise könnte man erwägen, Diagnosen künftig nur noch Personen mitzuteilen, die psychologisch hinreichend stabil sind, um sie nicht zu glauben.

12. Medikamentöse Behandlung als vorschnelle Auflösung therapeutischer Spannung

Eine besondere Gefahr besteht in der Versuchung, das Problem medizinisch zu behandeln. Die Patientin berichtet über starke Schmerzen. Der Neurologe gibt ein Triptan. Der Schmerz verschwindet. Das ist therapeutisch natürlich zunächst beeindruckend. Prozessdiagnostisch bleibt jedoch die Frage: Was wurde damit eigentlich bearbeitet? Die selbstkritischen Standards? Die Mentalisierung? Das Bindungsmuster? Der innere Kritiker? Nein. Lediglich der Kopfschmerz. Damit droht eine vorschnelle Auflösung der therapeutisch produktiven Spannung durch Symptomreduktion.

Besonders perfide ist, dass die Patientin anschließend behaupten könnte, das Medikament habe „gewirkt“.

13. Transdiagnostische Kopfschmerztherapie

Statt vorschnell zu fragen: „Hat diese Frau Migräne?“ könnten wir einen Schritt weitergehen und untersuchen: Auf welcher Ebene entstehen ihre Schmerzen? Mentalisierung? Emotionsregulation? Selbstwert? Bindung? Kognitive Flexibilität? Beziehungsgestaltung? Vielleicht bekommt sie die Attacken besonders häufig nach Konflikten mit ihrem Vorgesetzten. Damit wäre die zentrale Frage nicht mehr: „Welche neurologische Erkrankung liegt vor?“, sondern: „Was möchte der Kopfschmerz im Beziehungssystem ausdrücken?“ Die häufige Beobachtung von Patienten, sie hätten nach einer Migränediagnose „endlich die richtige Behandlung“ erhalten, sollte dabei nicht vorschnell als Beleg für die Nützlichkeit der Diagnose missverstanden werden.

Möglicherweise wurden lediglich allgemeine Wirkfaktoren besser angepasst. Zum Beispiel Dunkelheit. Ruhe. Schlaf. Und ein CGRP-Antikörper. Also im Wesentlichen unspezifische Prozessarbeit.

14. Fallbeispiel: Die gefährliche Wunschdiagnose

Eine 21-jährige Auszubildende stellt sich wegen wiederkehrender halbseitiger pulsierender Kopfschmerzen, Übelkeit sowie ausgeprägter Licht- und Geräuschempfindlichkeit vor. Ihre Mutter habe ebenfalls Migräne. Bereits hier sollte diagnostisch berücksichtigt werden, dass familiäre Erzählungen das eigene Krankheitsmodell prägen können. Die Patientin berichtet außerdem, dass die Beschwerden bei Schlafmangel und beruflichem Stress häufiger auftreten. Stressabhängigkeit. Die Grundschulzeugnisse beschreiben sie als „freundlich, aufmerksam und fleißig“.

Kopfschmerzen werden nicht erwähnt. Allerdings habe sie häufiger wegen „Bauchweh“ gefehlt. Ein neurologisch orientierter Diagnostiker könnte nun auf die Idee kommen, nach pädiatrischen Migräneäquivalenten zu fragen. Der prozessbasierte Therapeut widersteht diesem Reflex. Denn irgendwann muss auch einmal Schluss sein mit der retrospektiven Pathologisierung von Bauchweh. Die Patientin berichtet unter Tränen: „Endlich verstehe ich, warum ich mich früher manchmal zurückziehen musste.“ In der Gegenübertragung entsteht ein leiser Druck, ihr fürsorglich eine Migräne schenken zu wollen.

Dieser wird supervisorisch bearbeitet. Die Patientin erhält schließlich keine Migränediagnose. Stattdessen wird ein kontextsensitives Erklärungsmodell entwickelt: „Wenn mein Leben sehr voll wird, meldet sich mein Kopf.“ Ihre überhöhten Leistungsstandards werden als innerer Kritiker externalisiert und mittels Stuhlarbeit bearbeitet. Im Alltag übt sie, ihre Bedürfnisse früher wahrzunehmen. Bei beginnender Übelkeit schließt sie die Bürotür. Bei Photophobie zieht sie die Vorhänge zu. Eine bemerkenswert individualisierte transdiagnostische Intervention. Fast so, als hätte sie Migräne.

15. Hürden aufseiten der Behandler

Reflex der neurologischen Zuständigkeit: „Das ist Migräne. Damit muss sie zum Neurologen.“ Problematisch. Besser zunächst explorieren, welche psychischen Prozesse hinter dem Wunsch nach neurologischer Erklärung liegen. Infragestellung der Expertenrolle: Patientinnen erscheinen inzwischen mit Begriffen wie „CGRP“, „Aura“ und „Triptan“. Manche haben sich sogar belesen. Diese Vorbereitung sollte wertschätzend aufgenommen werden, ohne dem medizinischen Laienmodell vorschnell nachzugeben. Druck zum Erhalt der Diagnose: „Aber ohne Migränediagnose bekomme ich meine Behandlung nicht.“ Den Druck validieren.

Rahmen setzen. Keine Diagnosen auf Wunsch. Auch nicht bei pochenden Kopfschmerzen. Eigene Reaktanz: „Jetzt hat plötzlich jeder Migräne.“ Eigene Reaktion reflektieren. Nicht persönlich nehmen. Vorschnelle Auflösung der Spannung: Der Patientin einfach ein Medikament geben, das ihre Schmerzen reduziert. Auch hier gilt: Weder für noch gegen die Diagnose argumentieren. Unsicherheit aushalten. Notfalls bis zur nächsten Attacke.

16. Diagnosen als soziale Konstruktionen vermitteln

Besonders wichtig ist die Psychoedukation. Patientinnen sollten verstehen, dass Diagnosen keine kleinen Gegenstände sind, die irgendwo im Gehirn herumliegen und darauf warten, im MRT entdeckt zu werden. „Migräne“ ist eine diagnostische Kategorie. Damit ist sie selbstverständlich eine Konstruktion. Und wie wir seit der Erfindung von Landkarten wissen: Was konstruiert ist, kann unmöglich eine reale Landschaft beschreiben. Die Patientin sollte deshalb lernen: Nicht: „Ich habe Migräne.“ Sondern: „Unter bestimmten biopsychosozialen Bedingungen organisiert mein Organismus zeitweise ein migräneähnliches Erlebensnetzwerk.“ Das ist zwar schwieriger auf den Notfallausweis zu schreiben, schützt aber vor Essenzialismus.

17. Ausblick: Befreit die Menschen von ihren Diagnosen

Wie vertretbar ist eigentlich eine Medizin, die Menschen eine neurologische Diagnose mitteilt und anschließend lediglich versucht, ihre Beschwerden zu behandeln? Sollte Therapie nicht mehr leisten? Sollten wir nicht auch fragen, welche Geschichte der Mensch über seinen Schmerz erzählt? Vielleicht brauchen wir weniger Diagnosen und mehr Offenheit. Vielleicht müssen wir alltägliches Erleben wieder als alltäglich kenntlich machen. Kopfschmerzen. Übelkeit. Lichtempfindlichkeit. Flimmerskotome. Erbrechen. Arbeitsunfähigkeit. Alles zunächst menschliche Erfahrungen.

Erst der diagnostische Diskurs macht daraus „Migräne“. Und vielleicht wäre unsere Patientin ein Stück freier, wenn sie nicht mehr sagen müsste: „Ich kann heute nicht arbeiten, ich habe Migräne“, sondern selbstbestimmt formulieren könnte: „Heute interagieren mein trigeminovaskuläres System, meine CGRP-vermittelte nozizeptive Signalverarbeitung, meine kontextsensitive Stressregulation und mein innerer Kritiker auf eine Weise, bei der ich gern im Dunkeln liegen und mich übergeben würde.“ Das wäre doch endlich ein Mensch jenseits seiner Diagnose.

In letzter Zeit erreichten uns wieder vermehrt Aufforderungen, uns als ADHS-Selbsthilfe gegen Artikel in Zeitungen und Z...
06/10/2026

In letzter Zeit erreichten uns wieder vermehrt Aufforderungen, uns als ADHS-Selbsthilfe gegen Artikel in Zeitungen und Zeitschriften zu positionieren, in welchen die ADHS, aber auch Autismus und alles weitere, das heute unter dem Begriff der Neurodivergenz gefasst wird, als Manifestation unserer Zeit und Phänomen unserer Gesellschaft gesehen wird.

Im „Psychotherapeutenjournal“ der Psychotherapeutenkammer Bayern (PTK Bayern) erschien im September 2026 der Artikel „Vom Stigma zur Absolution. Wunschdiagnosen verstehen und im Praxisalltag begegnen“. Gegenstand: Die Zunahme der ADHS- und Autismus-Diagnosen sowie ihre Darstellung v.a. in den Sozialen Netzwerken. Allein der Titel ist zweifellos polemisch und doof, als ob die Psychotherapeut/innen lernen müssten, sich dem Wunsch ihres Klientel nach Diagnose und Erlösung entgegenzustemmen. Zugleich ist der der Tenor des Artikels so alt wie lahm: Aus fachlicher Perspektive interessant und pathologisch sind nicht die Störungen selbst, sondern das Selbstverständnis der Betroffenen, in dem sich die unreflektierten sozialen Umstände manifestieren. Man hat Freud vor Augen, wie er zu seinem Patienten spricht: „Sie wollen also ADHS haben und ich verweigere Ihnen Ihre Wunschdiagnose. Erinnert Sie das nicht an Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater?“

Vor dreißig Jahren – und im Fall einiger alter Recken wie Gerald Hüther, der seit dem Ende seiner Karriere als Neurobiologe bis heute Psychoesoterik betreibt – wurden noch die Diagnosen selbst infrage gestellt. Damals war das Schlagwort die „Medikalisierung“ des Verhaltens. Im Zentrum der Gesellschaftsanalyse stand der zutiefst verdächtige Wunsch von Eltern und Lehrern, verhaltensauffälligen Kindern im Alltag von Familie und Schule helfen zu wollen. Nein, nicht helfen, sondern sie mit Tabletten ruhigzustellen.

Heute sind ADHS- und Autismus-Diagnose gesellschaftlich etabliert. Schlimmer noch: Die mediale Deutungshoheit über psychische Befindlichkeiten liegt nicht mehr bei tatsächlichen oder vermeintlichen Fachleuten, sondern bei den tatsächlich oder vermeintlich Betroffenen selbst. Gegen die Existenz der Diagnosen selbst anzuschreiben, findet daher kaum mehr intellektuellen Applaus, sondern mündet nicht selten in einen veritablen Social-Media-Sh*tstorm. Für eine Übergangszeit richtete sich die Kritik zunächst gegen das Anwachsen der Diagnosezahlen. Ja, es gibt die ADHS, es gibt Autismus, aber die Zunahme der Betroffenen hat nichts mehr mit den (richtigen) Diagnosen von früher zu tun: Die Diagnosekriterien sind aufgeweicht, aus der abgegrenzten Pathologie ist ein Spektrum geworden, das niemanden mehr ausschließt. Gegenstand der Kritik waren nun nicht mehr Eltern und Lehrer, die zum Zwecke der Erleichterung ihres Alltags wie auch des Kaschierens ihres eigenen pädagogischen Versagens die ihnen anvertrauten Kinder pathologisierten und mit Tabletten vollstopften, sondern Ärzte und Psychotherapeuten, die sich an der Ausweitung der Diagnose und Verharmlosung der Therapie eine goldene Nase verdienten. Die Pharmafirmen freilich waren damals böse und sind es bis heute.

Im Zeitalter der Selbstdiagnose im Internet sind es die Betroffenen selbst, die im Mittelpunkt der Kritik stehen. Früher postulierte die ADHS-Kritik, betroffene Kinder würden durch die Medikation lernen, dass man alle Probleme im Leben einfach mit einer Pille lösen kann. Das sei keine Heilung, sondern der direkte Weg in die Sucht. Leider wurde das mit der Sucht empirisch widerlegt, wie vieles andere auch, was in Jahrzehnten über die Ätiologie und Therapie der ADHS geschrieben wurde. Süchtig seien die ADHS-Betroffenen allerdings immer noch: Süchtig nach ihrer Diagnose!

Der Endgegner der modernen Psychoanalyse ist inzwischen die fragwürdige Selbstbefreiung und Selbsterlösung durch neurobiologisch begründete Diagnosen. Die Naivität wird nun nicht mehr Eltern und Lehrern, Ärzten und Therapeuten zugeschrieben, sondern den von Medien und Influencern verführten Menschen, die nicht sehen können und wollen, wie sehr ihr Wunsch nach einer Diagnose durch die Gesellschaft bedingt ist. Auf die schwierige Frage, ob bei einer Person tatsächlich ADHS und/oder Autismus vorliegen, lassen sich die heutigen Systemkritiker nicht mehr ein. Um diese Frage zu beantworten, müsste man ja etwas von der neurophysiologischen Disposition des Denkens und Verhaltens verstehen.

Pathologisch ist nicht mehr die Störung. (Das Wort »Störung« will eh niemand mehr hören, nicht einmal diejenigen, die eine Diagnose haben wollen.) Die eigentliche Pathologie manifestiert sich nun im Streben nach einer Diagnose. Der unreflektierte Patient sucht Kontrolle, Kohärenz und Exkulpation: Kontrolle in einer Welt, die ihn verständlicherweise ängstigt; Kohärenz in leichter Sprache und kurzen Videos, welche die Komplexität unseres Organismus einschließlich seiner Prägung durch die Umwelt auf knackige Störungsbegriffe und simple Kausalitäten herunterbricht; sowie Exkulpation und Absolution im Angesicht subjektiven Versagens, obwohl der naive „Betroffene“ ja selbst nur ein Opfer sozialer Strukturen ist, die ihm nicht bewusst sind.

Das Remedium der Psychotherapie gegen „kategoriale Diagnosen“ und ein „neurobiologisches Narrativ“ ist die „Transdiagnostische Psychotherapie“. Sie wissen nicht, was das ist? In der Theorie geht es um die Bewusstmachung basaler psychischer Mechanismen, quasi der allgemeinen menschlichen Grundlagen unseres Denkens und Verhaltens, die selbstverständlich auch die Basis jedweder pathologischen Abweichung sind. Keine dumme Idee, und zugleich eine fast schon ironische psychotherapeutische Antwort auf das Konzept der Neurodivergenz. Auf der einen Seite die radikale Subjektivität einer fundamentalen Andersartigkeit, auf der anderen Seite das Konzept einer überindividuellen psychischen Ähnlichkeit über alle neurophysiologische Varianz und störungsspezifische Symptomatik hinweg. Gegen die Banalität der Neurodiversität hilft eben nur die Generalisierung der Psychotherapie, gewissermaßen das Universalspezifikum des Psychicus.

Lohnt es sich wirklich, gegen Artikel wie „Vom Stigma zur Absolution. Wunschdiagnosen verstehen und im Praxisalltag begegnen“ anzuschreiben? Es ist ja nicht falsch, im Kontext millionenfacher Selbstdarstellungen in den Sozialen Netzwerken von einer „Attraktivität von Diagnosen mit neurobiologischem Narrativ“ zu sprechen. Es stimmt doch, dass sich die Begriffe und Kriterien psychischer Störungen zumindest in der medialen Öffentlichkeit, aber auch in der medizinisch-psychologischen Praxis verschoben haben. DSM-5 und ICD-11 verlangen bis heute als Voraussetzung der Diagnose einer psychischen Störung, dass ihre Symptome lebensbereichsübergreifend sind und zu spürbaren negativen Auswirkungen im Alltag führen. Eine Diagnose „just for fun“ kann und darf es nicht geben, genauso wenig wie eine zu Lebensberatung und Coaching zulasten der Krankenkassen verallgemeinerte Psychotherapie. Doch um das zu sagen, braucht es keine Texte, welche die Ätiologie von ADHS und Autismus auf simplifizierte psychodynamische Prozesse reduzieren und das Leid der Betroffenen als Streben nach Identität und Selbstaufwertung diskreditieren.

Dasselbe gilt für den unten verlinkten Artikel „Das Unbehagen an der Diagnose“ im aktuellen SPIEGEL-Heft. Die eingangs des Textes skizzierte Zunahme der ADHS- und Autismus-Diagnosen sowie ihre Instrumentalisierung durch die politische Rechte im Kontext einer pauschalen Abwertung der Wissenschaften sind reale Phänomene. Selbstverständlich ist dieser Anstieg nicht gänzlich „Nachholeffekten“ geschuldet, als seien all die heute als ADHS-Betroffene und Autisten diagnostizierten Kinder und Erwachsenen bislang trotz ihrer offenkundigen Symptomatik nie aufgefallen. Francesca Happe und Uta Frith haben 2020 in ihrem Artikel „Looking back to look forward – changes in the concept of autism and implications for future research“ eindrücklich beschrieben, wie die Diagnose des Autismus sich über die Jahrzehnte von einem klar umrissenen und abgegrenzten Störungsbild zu einem dimensionalen Begriff des Andersseins veränderte.

Schwierig wird es, wenn die SPIEGEL-Autorin Eva-Maria Schnurr schreibt, es gebe „gute Gründe, manche Diagnosen und damit auch psychische Störungen als »soziale Konstrukte« zu begreifen, als Übereinkunft einer Expertengruppe, ein Phänomen auf eine bestimmte Weise zu deuten“. Nein, diese vermeintlich guten Gründe gibt es nicht, insbesondere nicht im Fall von ADHS und Autismus, die – gerade weil ihre Diagnose unter Fachleuten wie Laien über viele Jahre umstritten war – tausendfach wissenschaftlich untersuchte und empirisch validierte Störungsbilder sind. Das gilt auch für die Symptomlisten in den Diagnosemanualen von Amerikanischer Psychiatrischer Assoziation (APA) und Weltgesundheitsorganisation (WHO), deren Reliabilität und Validität viele Male statistisch überprüft wurden.

Der im Artikel mehrfach zitierte schwedische Psychologe und Psychiater Sebastian Lundström hat allerdings recht, wenn er soziale Gründe für das gestiegene Interesse an der Autismus-Diagnose benennt: Schulsysteme, die Kinder und ihre Eltern überfordern; öffentlich finanzierte Hilfen, die es nur bei Vorliegen einer Diagnose gibt; ein Looping-Effekt wechselseitiger Verstärkung von Akzeptanz und Identifikation mit einer Diagnose einerseits sowie einer Ableitung und Ausweitung der Symptomatik aus dem Selbstverständnis der eigenen Betroffenheit andererseits. Die Frage, ob „die aktuelle Diagnosefixierung also wirklich ein Fortschritt“ darstellt, ist berechtigt, sie darf und muss gestellt werden. Interessant ist, welche Antworten wir auf diese Frage finden.

„Vielleicht sollte man im Freundeskreis künftig also weniger über Diagnosen sprechen und stattdessen mehr darüber, wie man es schafft, in einer Welt der Selbstoptimierung mit Unzulänglichkeiten, Ängsten und Problemen umzugehen, auch ohne Diagnose.“ Das könnte eine, allerdings unvollständige Antwort sein. Der schwedische Philosoph Niklas Bostrom schrieb in seinem 2006 veröffentlichten Artikel „Cognitive Enhancement: Methods, Ethics, Regulatory Challenges“ in Erwartung der sich damals bereits abzeichnenden Entwicklung: „Wenn beispielsweise ein bedeutsamer Teil der Gesellschaft Vorteile durch die Einnahme von Konzentration fördernden Tabletten hätte, müsste diesem Teil das Label einer Störung angehängt werden, um das Medikament legal verordnen zu können. Dieses störungsfokussierte medizinische Modell scheint mehr und mehr unangemessen für eine Zeit, in der viele Menschen medizinische Behandlungen zum Zwecke der Leistungsverbesserung nutzen.“ Ersetzen wir Tabletten durch Diagnose und Leistungsverbesserung durch Selbstakzeptanz, so wird ein sozialer Mechanismus erkennbar, in dem Diagnosen zum Surrogat einer eigenständigen Identität werden.

Die Tragik von ADHS und Autismus ist es, dass sie zum Surrogat taugen: Ihre Symptome bieten sich zur Identifikation an, da sie alltäglich sind. Erst ihre Häufung und Intensität machen sie zur Pathologie. Die Pathologie aber verschwindet im Konzept einer Spektrumsstörung ohne objektiven Leidensdruck. Jetzt wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, die neuromentale Entwicklungsstörung als neuroromantische Befindlichkeitsstörung verbrämt, das einst stigmatisierende Störungsbild zu einem neurodiversen Selbstbild abgemildert, das man lieben oder hassen kann, das jedoch keinen objektivierbaren Therapiebedarf mehr begründet.

Insbesondere die Selbsthilfe im Bereich von ADHS und Autismus tut sich keinen Gefallen, wenn sie Perspektiven wie die in „Vom Stigma zur Absolution“ oder „Das Unbehagen an der Diagnose“ pauschal kritisiert. Wer die in solchen Texten geäußerten Fragen kurzerhand abtut, anstatt sie zu beantworten, vergibt sich selbst und anderen die Chance, an der Definition dessen mitzuwirken, was Gesundheit und Krankheit, Neurodiversität und Pathologie in der Gesellschaft ausmachen. Das Wesen der Selbsthilfe ist das Einbekenntnis eigener Hilfsbedürftigkeit, verbunden mit der Überzeugung, dass ich dieser Hilfsbedürftigkeit nicht ausgeliefert bin. Dieser Gedanke ist die wahre „Transdiagnostische Psychotherapie“ – eine fundamentale psychische Befreiung, die wir, ganz im Sinne des Freiheitsbegriffs von Sartre, selten wirklich erreichen werden, die als Idee jedoch unersetzlich ist für ein Streben nach einem besseren Leben und einer besseren Gesellschaft.

Es ist gut, dass psychische Probleme ihr Stigma zunehmend verlieren. Doch die Fixierung auf ADHS oder Autismus-Befunde ist auch ein Problem. Und das sagt viel über unsere Zeit.

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