07/10/2026
Zum Artikel „Vom Stigma zur Absolution. Wunschdiagnosen verstehen und im Praxisalltag begegnen“, erschienen im „Psychotherapeutenjournal“ der Psychotherapeutenkammer Bayern (PTK Bayern), erreichte uns eine wunderbare Glosse des Psychologen und Psychotherapeuten Jörg Dreher. Stellen Sie sich kurz vor, es würde sich um die Diagnose von Kopfschmerzen und Migräne ein vergleichbarer Diskurs entfalten wie um die ADHS? Würde im "Psychotherapeutenjournal" dann ein vergleichbarer Artikel zur Psychopathologie der Migräne veröffentlicht werden?
Herr Dreher hat - mit Unterstützung von KI - die Argumentation der Psychotherapeut/innen Torben Schubert und Clara Lensing auf die Migräne übertragen. Und herausgefunden, was psychotherapeutisch geläuterte ADHS-Betroffene am Ende ihrer Therapie idealerweise über sich selbst sagen müssten: „Heute interagieren mein trigeminovaskuläres System, meine CGRP-vermittelte nozizeptive Signalverarbeitung, meine kontextsensitive Stressregulation und mein innerer Kritiker auf eine Weise, bei der ich gern im Dunkeln liegen und mich übergeben würde.“
Erfahren Sie alles zur Wunschdiagnose Migräne!
Wunschdiagnose Migräne verstehen und im Praxisalltag einfühlsam dekonstruieren. Eine transdiagnostisch-prozessbasierte Glosse über die Gefahren vorschneller neurologischer Selbstfestlegung
Mit KI-Unterstützung erstellt · fachlich geprüft und verantwortet vom Autor
1. Die neue Volkskrankheit: Menschen entdecken plötzlich, dass ihr Kopf weh tut
Auffallend unbedarft berichtete uns kürzlich eine junge Mutter, wie entlastet sie durch die Migränediagnose sei, die sie im vergangenen Monat von ihrem Neurologen erhalten habe. Seither lege sie sich bei Attacken in ein dunkles Zimmer. Früher habe sie versucht, mit Sonnenbrille weiterzuarbeiten, die Kinder abzuholen und anschließend noch das Sommerfest der Kita zu organisieren. Nun sage sie Sätze wie: „Ich kann heute nicht. Ich habe Migräne.“
Therapeutischerseits stellte sich nicht ausschließlich mitfühlende Freude ein. Vielmehr bemerkten wir ein schwer zu lokalisierendes Unbehagen. Interessanterweise halbseitig. Denn selbstverständlich stellt sich die Frage: Warum benötigt diese Frau überhaupt eine neurologische Diagnose, um sich hinlegen zu dürfen? Könnte sie nicht einfach sagen: „Heute möchte mein Organismus offenbar weniger Licht.“ Damit wäre zunächst vermieden, eine komplexe biopsychosoziale Befindlichkeit vorschnell zu einer neurologischen Entität zu verdichten.
2. Migräne - die attraktive Wunschdiagnose unserer Zeit
Die Vorbilder sind inzwischen überall. Prominente berichten rückblickend, sie hätten „schon immer Migräne“ gehabt. In sozialen Medien erzählen Betroffene von Lichtempfindlichkeit, Übelkeit, Flimmerskotomen und dem Bedürfnis, sich während einer Attacke zurückzuziehen. Unter finden Menschen andere Menschen, die erstaunlicherweise ebenfalls Kopfschmerzen haben. Das ist diagnostisch nicht unproblematisch. Denn wer täglich Videos über Migräne betrachtet, beginnt möglicherweise irgendwann, seine eigenen pochenden halbseitigen Kopfschmerzen als Migräne zu interpretieren.
Hier könnte ein klassischer Looping-Effekt diagnostischer Kategorien vorliegen: Die Medizin beschreibt Migräne. Die Bevölkerung lernt den Begriff. Menschen erkennen ihre Beschwerden wieder. Sie gehen zum Arzt. Der Arzt diagnostiziert Migräne. Anschließend steigt die Zahl der Menschen, die wissen, dass sie Migräne haben. Ein bemerkenswert geschlossener Kreislauf. Fast könnte man auf die gefährliche Idee kommen, dass Aufklärung dazu führt, dass bislang nicht erkannte Erkrankungen häufiger erkannt werden.
3. Kontrolle und Kohärenz - warum eine Diagnose so verführerisch ist
Wer seit Jahren wiederkehrend halbseitig pochende Kopfschmerzen, Übelkeit sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit erlebt, könnte sich fragen: „Warum passiert mir das immer wieder?“ Die Diagnose Migräne liefert darauf eine verblüffend einfache Antwort: Weil Sie Migräne haben. Damit wird ein komplexes individuelles Geschehen in eine Kategorie gepresst. Die Patientin erlebt einen sogenannten Aha-Effekt: „Ach deshalb musste ich mich schon als Jugendliche bei Kopfschmerzen ins Dunkle legen.“ Was zunächst wie Erkenntnis aussieht, kann psychologisch allerdings auch als Kohärenzproduktion verstanden werden.
Das diffuse Leiden erhält einen Namen. Und Namen haben bekanntlich Macht. Im ungünstigsten Fall ermöglichen sie sogar eine leitliniengerechte Behandlung.
4. Exkulpation - die gefährliche Entlastung von der Schuld
Besonders problematisch erscheint das neurobiologische Narrativ. Begriffe wie trigeminovaskuläres System, CGRP, hypothalamische Aktivierung, kortikale Spreading Depression, genetische Disposition können beim Patienten den Eindruck erwecken, sein Problem habe etwas mit seinem Nervensystem zu tun. Damit droht eine folgenschwere Exkulpation. Die Patientin könnte nämlich aufhören, sich dafür verantwortlich zu machen, dass sie während einer Migräneattacke nicht konzentriert arbeiten kann. Eltern könnten sogar rückblickend denken: „Unsere Tochter war gar nicht wehleidig.“ Oder noch schlimmer: „Vielleicht hätte sie sich damals tatsächlich hinlegen dürfen.“ Damit werden wertvolle biografische Selbstvorwürfe möglicherweise vorschnell durch ein medizinisches Erklärungsmodell ersetzt.
Aus therapeutischer Sicht sollte deshalb zumindest geprüft werden, welche Funktion der Satz „Ich hatte Migräne“ für das gegenwärtige Selbstkonzept erfüllt.
5. Identität - plötzlich ist alles Migräne
Identität und Zugehörigkeit - „Ich bin Migränikerin!“ Besonders bedenklich wird es, wenn die Diagnose identitätsstiftend wirkt. Betroffene treten Selbsthilfegruppen bei. Sie tauschen Erfahrungen aus. Sie berichten von Lichtempfindlichkeit. Andere antworten: „Das kenne ich auch.“ Damit entsteht Zugehörigkeit. Aus einem Menschen mit gelegentlichen komplexen biopsychosozialen Kopfschmerzprozessen wird plötzlich eine Migränikerin. Im Internet findet sie andere Menschen, die ebenfalls Vorhänge besitzen. Ein klassischer Vorgang diagnostischer Identitätsbildung.
Dass chronisch Erkrankte möglicherweise davon profitieren, erstmals Menschen mit ähnlichen Erfahrungen kennenzulernen, sollte uns nicht vorschnell davon abhalten, die psychodynamische Funktion dieses Vorgangs zu problematisieren.
6. Die Peer-Group als diagnostische Echokammer
Selbstaufwertung - von Hildegard von Bingen bis Virginia Woolf Hinzu kommt die Gefahr narzisstischer Aufwertung. Historische Persönlichkeiten werden nachträglich mit Migräne in Verbindung gebracht. Plötzlich ist man nicht mehr bloß die Kollegin, die bei Neonlicht Kopfschmerzen bekommt. Man gehört kulturell gewissermaßen zu Virginia Woolf. Migräne wird zur besonderen Sensibilität. Das neurologische Defizit erhält einen Hauch von Genialität. Man ist nicht krank. Man ist anders verschaltet. Damit nähert sich das Migränenarrativ gefährlich dem Neurodiversitätsdiskurs.
Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis jemand auf TikTok den ersten Vortrag über Migraine Superpowers hält.
7. Interaktionelle Motive - plötzlich müssen andere das Licht ausschalten
Diagnosen verändern Beziehungen. Sagt jemand: „Das Licht stört mich“, kann das Gegenüber antworten: „Mich nicht.“ Sagt dieselbe Person: „Ich habe Migräne, könnten wir das Licht dimmen?“, wird das Licht womöglich tatsächlich gedimmt. Hier entfaltet die Diagnose ihren normativen Charakter. Sie ermöglicht es der Patientin, Bedürfnisse durchzusetzen. Noch bedenklicher: Menschen in ihrer Umgebung nehmen darauf Rücksicht. Aus klärungsorientierter Perspektive wäre deshalb zu explorieren, warum die Patientin nicht gelernt hat, ihre Bedürfnisse ohne Zuhilfenahme eines neurologischen Etiketts zu vertreten. Das wäre vermutlich reifer. Und heller.
8. Concept Creep - früher Kopfweh, heute gleich Migräne
Auch die Geschichte der Migräne zeigt eine verdächtige Ausweitung des Störungskonzepts. Früher hatte man Kopfweh. Heute existieren Migräne mit Aura, Migräne ohne Aura, chronische Migräne, vestibuläre Migräne, menstruelle Migräne und diverse Vorläufer- und Begleitphänomene. Das diagnostische Konzept hat sich also erweitert. Man könnte das concept creep nennen. Man könnte natürlich auch sagen: Die Medizin hat dazugelernt. Aber damit wäre die wissenschaftstheoretische Pointe verloren. Besonders problematisch ist, dass das Konzept zunehmend auch weniger stereotype Verläufe umfasst.
Früher musste der richtige Migränepatient gewissermaßen im abgedunkelten Zimmer liegen und sich übergeben. Heute behaupten manche sogar, zwischen Attacken völlig normal funktionieren zu können. Damit wird die Diagnose nahezu unfalsifizierbar: Hat die Patientin Kopfschmerzen, bestätigt dies die Migräne. Hat sie gerade keine Kopfschmerzen, befindet sie sich eben zwischen zwei Attacken. Ein perfektes immunisiertes Narrativ.
9. Kein Bluttest - gibt es Migräne überhaupt?
Besonders ernüchternd ist: Es existiert kein einfacher Blutwert, der zweifelsfrei sagt: MIGRÄNE POSITIV. Auch das MRT kann bei einer Patientin mit schwerer Migräne völlig unauffällig sein. Die Diagnose wird klinisch gestellt. Das heißt - man halte sich fest - aufgrund von Anamnese, Symptomkonstellation und diagnostischen Kriterien. Patientinnen erzählen, was sie erleben. Ärztinnen glauben ihnen teilweise sogar. Natürlich gibt es erhebliche genetische Einflüsse und eine umfangreiche neurobiologische Forschung. Aber es existiert eben nicht das eine Migränegen.
Und unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Attacken. Man könnte daraus schließen, dass Migräne eine heterogene neurologische Erkrankung ist. Man könnte daraus allerdings auch schließen: Jeder Mensch hat gewissermaßen seine eigene Migräne. Und sobald man diesen Satz gesagt hat, ist der Weg zur ontologischen Abschaffung der Erkrankung erstaunlich kurz.
10. Stress triggert Migräne - also ist Stress die Ursache
Besonders hilfreich ist die Analyse des Kontextes. Die Patientin berichtet: „Wenn ich wenig schlafe oder großen Stress habe, bekomme ich häufiger Migräne.“ Damit haben wir einen bedeutsamen Hinweis. Stress beeinflusst die Symptomatik. Der nächste gedankliche Schritt liegt nahe: Wenn Stress die Migräne beeinflusst, könnte Stress die Migräne erklären. Und wenn Stress die Migräne erklärt, benötigen wir vielleicht gar keine Migräne mehr. Dass ein biologisches System durch Umweltbedingungen moduliert werden kann, ohne deshalb von diesen Umweltbedingungen erzeugt worden zu sein, würde die elegante Argumentation unnötig verkomplizieren.
Schließlich steigt bei Belastung auch der Blutdruck. Aber niemand käme deshalb auf die absurde Idee, arterielle Hypertonie sei eine körperliche Erkrankung. Moment.
11. Die langfristigen Gefahren der Diagnose
Besonders ernst sollten wir die möglichen Folgen diagnostischer Etikettierung nehmen. Wer weiß, dass er Migräne hat, könnte normalen Kopfdruck plötzlich als Vorboten einer Attacke interpretieren. Confirmation Bias. Wer weiß, dass grelles Licht Attacken verstärken kann, könnte Neonlicht vermeiden. Avoidance. Wer ein wirksames Triptan bei sich trägt, könnte glauben, auf Medikamente angewiesen zu sein. Externalisierung von Selbstwirksamkeit. Wer während einer Attacke nicht zur Arbeit geht, könnte lernen: „Why try?“ Und wer merkt, dass eine Kollegin trotz Migräne Vollzeit arbeitet, könnte die Distinktionskraft der eigenen Diagnose verlieren.
Damit wird deutlich: Nicht nur die Erkrankung kann Leid verursachen. Auch das Wissen um die Erkrankung ist riskant. Konsequenterweise könnte man erwägen, Diagnosen künftig nur noch Personen mitzuteilen, die psychologisch hinreichend stabil sind, um sie nicht zu glauben.
12. Medikamentöse Behandlung als vorschnelle Auflösung therapeutischer Spannung
Eine besondere Gefahr besteht in der Versuchung, das Problem medizinisch zu behandeln. Die Patientin berichtet über starke Schmerzen. Der Neurologe gibt ein Triptan. Der Schmerz verschwindet. Das ist therapeutisch natürlich zunächst beeindruckend. Prozessdiagnostisch bleibt jedoch die Frage: Was wurde damit eigentlich bearbeitet? Die selbstkritischen Standards? Die Mentalisierung? Das Bindungsmuster? Der innere Kritiker? Nein. Lediglich der Kopfschmerz. Damit droht eine vorschnelle Auflösung der therapeutisch produktiven Spannung durch Symptomreduktion.
Besonders perfide ist, dass die Patientin anschließend behaupten könnte, das Medikament habe „gewirkt“.
13. Transdiagnostische Kopfschmerztherapie
Statt vorschnell zu fragen: „Hat diese Frau Migräne?“ könnten wir einen Schritt weitergehen und untersuchen: Auf welcher Ebene entstehen ihre Schmerzen? Mentalisierung? Emotionsregulation? Selbstwert? Bindung? Kognitive Flexibilität? Beziehungsgestaltung? Vielleicht bekommt sie die Attacken besonders häufig nach Konflikten mit ihrem Vorgesetzten. Damit wäre die zentrale Frage nicht mehr: „Welche neurologische Erkrankung liegt vor?“, sondern: „Was möchte der Kopfschmerz im Beziehungssystem ausdrücken?“ Die häufige Beobachtung von Patienten, sie hätten nach einer Migränediagnose „endlich die richtige Behandlung“ erhalten, sollte dabei nicht vorschnell als Beleg für die Nützlichkeit der Diagnose missverstanden werden.
Möglicherweise wurden lediglich allgemeine Wirkfaktoren besser angepasst. Zum Beispiel Dunkelheit. Ruhe. Schlaf. Und ein CGRP-Antikörper. Also im Wesentlichen unspezifische Prozessarbeit.
14. Fallbeispiel: Die gefährliche Wunschdiagnose
Eine 21-jährige Auszubildende stellt sich wegen wiederkehrender halbseitiger pulsierender Kopfschmerzen, Übelkeit sowie ausgeprägter Licht- und Geräuschempfindlichkeit vor. Ihre Mutter habe ebenfalls Migräne. Bereits hier sollte diagnostisch berücksichtigt werden, dass familiäre Erzählungen das eigene Krankheitsmodell prägen können. Die Patientin berichtet außerdem, dass die Beschwerden bei Schlafmangel und beruflichem Stress häufiger auftreten. Stressabhängigkeit. Die Grundschulzeugnisse beschreiben sie als „freundlich, aufmerksam und fleißig“.
Kopfschmerzen werden nicht erwähnt. Allerdings habe sie häufiger wegen „Bauchweh“ gefehlt. Ein neurologisch orientierter Diagnostiker könnte nun auf die Idee kommen, nach pädiatrischen Migräneäquivalenten zu fragen. Der prozessbasierte Therapeut widersteht diesem Reflex. Denn irgendwann muss auch einmal Schluss sein mit der retrospektiven Pathologisierung von Bauchweh. Die Patientin berichtet unter Tränen: „Endlich verstehe ich, warum ich mich früher manchmal zurückziehen musste.“ In der Gegenübertragung entsteht ein leiser Druck, ihr fürsorglich eine Migräne schenken zu wollen.
Dieser wird supervisorisch bearbeitet. Die Patientin erhält schließlich keine Migränediagnose. Stattdessen wird ein kontextsensitives Erklärungsmodell entwickelt: „Wenn mein Leben sehr voll wird, meldet sich mein Kopf.“ Ihre überhöhten Leistungsstandards werden als innerer Kritiker externalisiert und mittels Stuhlarbeit bearbeitet. Im Alltag übt sie, ihre Bedürfnisse früher wahrzunehmen. Bei beginnender Übelkeit schließt sie die Bürotür. Bei Photophobie zieht sie die Vorhänge zu. Eine bemerkenswert individualisierte transdiagnostische Intervention. Fast so, als hätte sie Migräne.
15. Hürden aufseiten der Behandler
Reflex der neurologischen Zuständigkeit: „Das ist Migräne. Damit muss sie zum Neurologen.“ Problematisch. Besser zunächst explorieren, welche psychischen Prozesse hinter dem Wunsch nach neurologischer Erklärung liegen. Infragestellung der Expertenrolle: Patientinnen erscheinen inzwischen mit Begriffen wie „CGRP“, „Aura“ und „Triptan“. Manche haben sich sogar belesen. Diese Vorbereitung sollte wertschätzend aufgenommen werden, ohne dem medizinischen Laienmodell vorschnell nachzugeben. Druck zum Erhalt der Diagnose: „Aber ohne Migränediagnose bekomme ich meine Behandlung nicht.“ Den Druck validieren.
Rahmen setzen. Keine Diagnosen auf Wunsch. Auch nicht bei pochenden Kopfschmerzen. Eigene Reaktanz: „Jetzt hat plötzlich jeder Migräne.“ Eigene Reaktion reflektieren. Nicht persönlich nehmen. Vorschnelle Auflösung der Spannung: Der Patientin einfach ein Medikament geben, das ihre Schmerzen reduziert. Auch hier gilt: Weder für noch gegen die Diagnose argumentieren. Unsicherheit aushalten. Notfalls bis zur nächsten Attacke.
16. Diagnosen als soziale Konstruktionen vermitteln
Besonders wichtig ist die Psychoedukation. Patientinnen sollten verstehen, dass Diagnosen keine kleinen Gegenstände sind, die irgendwo im Gehirn herumliegen und darauf warten, im MRT entdeckt zu werden. „Migräne“ ist eine diagnostische Kategorie. Damit ist sie selbstverständlich eine Konstruktion. Und wie wir seit der Erfindung von Landkarten wissen: Was konstruiert ist, kann unmöglich eine reale Landschaft beschreiben. Die Patientin sollte deshalb lernen: Nicht: „Ich habe Migräne.“ Sondern: „Unter bestimmten biopsychosozialen Bedingungen organisiert mein Organismus zeitweise ein migräneähnliches Erlebensnetzwerk.“ Das ist zwar schwieriger auf den Notfallausweis zu schreiben, schützt aber vor Essenzialismus.
17. Ausblick: Befreit die Menschen von ihren Diagnosen
Wie vertretbar ist eigentlich eine Medizin, die Menschen eine neurologische Diagnose mitteilt und anschließend lediglich versucht, ihre Beschwerden zu behandeln? Sollte Therapie nicht mehr leisten? Sollten wir nicht auch fragen, welche Geschichte der Mensch über seinen Schmerz erzählt? Vielleicht brauchen wir weniger Diagnosen und mehr Offenheit. Vielleicht müssen wir alltägliches Erleben wieder als alltäglich kenntlich machen. Kopfschmerzen. Übelkeit. Lichtempfindlichkeit. Flimmerskotome. Erbrechen. Arbeitsunfähigkeit. Alles zunächst menschliche Erfahrungen.
Erst der diagnostische Diskurs macht daraus „Migräne“. Und vielleicht wäre unsere Patientin ein Stück freier, wenn sie nicht mehr sagen müsste: „Ich kann heute nicht arbeiten, ich habe Migräne“, sondern selbstbestimmt formulieren könnte: „Heute interagieren mein trigeminovaskuläres System, meine CGRP-vermittelte nozizeptive Signalverarbeitung, meine kontextsensitive Stressregulation und mein innerer Kritiker auf eine Weise, bei der ich gern im Dunkeln liegen und mich übergeben würde.“ Das wäre doch endlich ein Mensch jenseits seiner Diagnose.