10/05/2026
„Alles passiert gleichzeitig.“ Und alles kehrt wieder. Auch Überschriften zur ADHS kehren wieder, denn 2018 schrieb Christopher Lauer in der ZEIT unter demselben Titel einen Aufsatz zur eigenen ADHS-Betroffenheit: „Wer ADHS hat, nimmt die Welt anders wahr. Das ist keine Kinderkrankheit, sagt Christopher Lauer, sondern eine Chance. Von Christopher Lauer.“
Christopher Lauer? Wer war das nochmal? Sie erinnern sich: Als Mitglied der Piratenpartei wurde er als einer ihrer Vertreter 2011 ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt. 2014 trat er aus der Piratenpartei aus, 2016 verlor er - wie alle Piraten - seinen Platz im Abgeordnetenhaus. Zuvor war er in die SPD eingetreten, drei Jahre später trat er aus der SPD wieder aus und bei den Grünen ein. Einen aussichtsreichen Listenplatz zur erneuten Wahl ins Berliner Abgeordnetenhaus erhielt er bei keiner Partei mehr. Als erster öffentlich bekennender ADHS-Influencer der deutschen Facebook-Anfangsjahre kann er allerdings auf einen ADHS-typischen Lebenslauf verweisen.
Jetzt passiert also wieder alles gleichzeitig. In einer ZEIT-Reportage schreibt Moritz Hackl über die Münchner „calm-Klinik“, eine „Privatklinik von Morgen“ für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik mit dem Schwerpunkt „Stressfolgeerkrankungen wie u.a. Depressionen, Burnout und AD(H)S“. Gehen wir davon aus, dass der Name „calm“ ( = ruhig) mit Bedacht gewählt wurde. Vielleicht hat die Leiterin, Dr. med. Kira Wolff MPH, ihren „Master of Public Health“ gleichermaßen strategisch gewählt, um ihre Prädestination für die ADHS-Therapie ihrem Namen anfügen zu können. Während MPH zudem für Methylphenidat (© Ritalin) und „Miles per Hour“ steht, was auch irgendwie hyperaktiv klingt, klänge LDX (Lisdexamfetamin) eher wie ein Flughafenkürzel ...
Denen, die nicht hinter die Bezahlschranke des ZEIT-Artikels schauen können, wollen wir kurz verraten, was in den „Geschichten aus der calm-Klinik“ - in unmittelbarer Nachbarschaft des legendären „Paulanergartens“ - so alles passiert. „Die Einrichtung ist spezialisiert auf Stressfolgeerkrankungen und besonders auf ADHS, also Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Wolff ist leitende Ärztin der Privatklinik, die das calm im Namen sehr ernst nimmt. Die Wände sind in einem beruhigenden Mildgrün gestrichen, der Boden ist aus Holz. Wolff spricht in einem Ton, als hätte sie sich selbst das leiseste Flackern von Wut operativ aus den Stimmbändern entfernen lassen: so sanft, verständnisvoll.“
Bevor man darüber streiten mag, ob die ADHS eine „Stressfolgeerkrankung“ ist, taucht man ein in die Geschichten von Dragan, der nachts „mit 200 Gedanken pro Sekunde durch seinen Kopf“ fährt, von Simone, die aufgrund von Essstörungen und Depressionen kam und nun ADHS-diagnostiziert ist, und von Stefan, „freiberuflicher Partyveranstalter und Medienschaffender“, den die ADHS-Diagnose nicht überrascht, der sie weder herbeigesehnt hat noch durch sie erleichtert ist, der sie vielmehr als ein weiteres Problem auf der langen Liste seiner Probleme sieht. Dr. Wolff spricht in diesem Zusammenhang von einer „Demaskierung“ der Störung durch die hohen Ansprüche, die die heutige Zeit an uns stellt, die wir selbst an uns stellen. Die ADHS wird aus dieser Perspektive zur Manifestation des Scheiterns an einem Zuviel-Wollen, und in diesem Sinne durchaus zu einer Stressfolgeerkrankung.
Interessant ist dabei die Dialektik des Artikels. Er nimmt die beschriebenen Patienten der Tagesklinik ernst, denn ihre Alltagsprobleme seien enorm und keiner sehe in der Diagnose eine wesentliche Veränderung seines Lebens. Zugleich mokiert sich der Autor über ADHS-Betroffene, die ihren Befund „in ihre Instagram-Bio“ aufnehmen: »ADHS Mama von 2« oder »Vanlife / ADHS / Hunde«. „Mit gutem Willen lässt sich dieses performative Bekenntnis zu einer Diagnose als eine Form der Selbstermächtigung und Enttabuisierung verstehen.“ Und zitiert den Ethik-Professor Hanno Sauer: „Den eigenen psychischen Zustand zu thematisieren, ist eine Angewohnheit, die man sich leisten können muss, denn die Stigmaprahlerei konzentriert sich sehr stark in bestimmten Kreisen, in denen es zum guten Ton gehört, wenigstens ein paar Traumata verarbeiten zu müssen und gute Therapeuten weiterempfehlen zu können.“ Klingt ein bisschen nach einem Woody-Allen-Film.
Am Ende des Artikels zieht Hackl Parallelen zur Neurasthenie-Diagnose Anfang des 20. Jahrhunderts. „Genau wie heute war damals die Welt im Umbruch, die Menschen waren auf sich selbst zurückgeworfen.“ Der US-Psychiater George Miller Beard hatte 1880 ein zweibändiges Werk unter den Titeln „A Practical Treatise on Nervous Exhaustion (Neurasthenia)“ und „American Nervousness, With its Causes and Consequences“ veröffentlicht und den Begriff der „Neurasthenie“ in die Medizin eingeführt. Im Vorfeld des Ersten Weltkriegs wurde die Diagnose zum Modegrund der Wehruntauglichkeit des gebildeten Bürgertums in Europa. In den USA brachte er die Nervosität seiner Landsleute mit dem technischen Fortschritt in Verbindung: Dampfkraft, Tagespresse, Telegrafie, Wissenschaften sowie die geistige Aktivität von Frauen, die besser nicht zu viel selbst denken sollten.
Moritz Hackl, der Autor des ZEIT-Artikels, fragt sich, ob damals wie heute eine Diagnose die Lösung sein kann? „Es ist überhaupt keine Frage, ob ich ADHS habe oder nicht“, sagt Dragan gleich zu Beginn des Anamnesegesprächs in der calm-Klinik – er habe es. Vielleicht manifestiert sich in dieser rhetorischen Frage das eigentliche Problem unseres heutigen Umgangs mit psychiatrischen Diagnosen diesseits und jenseits von Zeitungsfeuilletons und Social Media: Es ist überhaupt keine Frage, dass man in einer Welt, in der Identität und Individualität ein und alles der menschlichen Existenz sind, etwas braucht, das diese kollektive Einzigartigkeit begründet und rechtfertigt.
Für den Autor erklärt die ADHS-Diagnose, „warum jemand nicht mithalten kann, doch sie stellt nicht infrage, ob die Geschwindigkeit vielleicht viel zu hoch sein könnte“. Wie die Neurasthenie erklärt Hackl die ADHS zum gesellschaftlichen Problem einer unzureichenden Passung von individueller Leistungsfähigkeit und sozialem Anspruch. Doch ist es wirklich die Gesellschaft, die einen unbedingten Takt vorgibt, an dem immer mehr scheitern, als demaskierte, wie Frau Dr. med. Kira Wolff MPH sagt, die Realität die Störung? Es ist doch nicht das Scheitern in der Welt, das ADHS- und Autismus-Diagnosen in den letzten Jahren so populär gemacht hat!
Ist es nicht vielmehr die Idee, dass wir alle gerne Einsteins wären, die uns zwingt, anderen und uns selbst zu erklären, warum wir es nicht sind?! Daher hat die ADHS-Community lange vor der Neurodiversitätsbewegung den vermeintlich zerstreuten Professor zum ADHS-Paradebeispiel erklärt, obwohl nichts in Einsteins Biographie, den seine Gouvernante „Pater Langweil“ nannte, ein belastbares Indiz für seine Betroffenheit bietet. Selbst als die ADHS noch unstrittig eine Störung war, mutete es tröstlich an, zumindest in einer Hinsicht Einstein gleich zu sein: Hochbegabt, aber mit Legasthenie, Dyskalkulie und eben ADHS – noch mehr ADHS als Einstein, weshalb uns der Nobelpreis auf immer und ewig verwehrt bleiben wird.
Einstein wäre niemals Social-Media-Influencer geworden. Er war ein Perfektionist und scheute die Öffentlichkeit in allem, worin er nicht gut war, was er nicht zu Ende gedacht hatte. Er wäre zu keiner Wahl angetreten, bei der er nicht davon ausgehen konnte, dass er sie gewinnt. Hätte es die ADHS-Diagnose zu seinen Lebzeiten bereits gegeben und wäre bei ihm ADHS diagnostiziert worden, so hätte er darüber geschwiegen. Er hätte die ADHS im eigentlichen Sinne des Wortes als Störung begriffen, als ärgerliches Hindernis auf dem Weg zur Erkenntnis. Die ADHS hätte ihm weder zur Individualität noch zur Identität getaugt. Hätte er geglaubt, sie könnte ihn an der Ausarbeitung der Allgemeinen Relativitätstheorie hindern, hätte er sich gar nicht erst an der Theorie versucht. Hätte er die Allgemeine Relativitätstheorie dennoch entwickelt, so wäre es ihm in der eigenen Wahrnehmung trotzdem gelungen, gegen die Konditionen seines Lebens, gegen die ADHS, nicht mit ihr. Unter seiner „Superkraft“ hätte er seinen Willen verstanden, sich in seinem Denken durch nichts aufhalten zu lassen, auch nicht durch die ADHS.
Alles passiert gleichzeitig! Für Einstein wäre diese Feststellung kein Beleg für die Begrenztheit menschlicher Aufmerksamkeit, sondern für den Ereignishorizont, die Grenze des Messbaren. Es ist nicht wahr, dass ADHS-Betroffene die Welt anders wahrnehmen, zumindest nicht aufgrund ihrer ADHS. Jeder nimmt die Welt auf seine Weise wahr, und gehört zu dieser Weise die Annahme, die ADHS veränderte die eigene Wahrnehmung, so ist dem so. Die Demaskierung der ADHS, von der die ärztliche Leiterin der calm-Klinik spricht, ist allerdings keine Folge der Überforderung der Betroffenen, sondern des ADHS-Begriffs selbst, der heute – zumal aufgegangen im Begriff der Neurodiversität – eine gleichermaßen individuelle wie universale Erklärung des Daseins sein soll: so etwas wie eine Allgemeine Relativitätstheorie der Psyche.
Ein solcher von konkreten Symptomen und Beeinträchtigungen befreiter Begriff bietet sich ganz vorzüglich als Identität an. Er lockt auch Menschen in Arztpraxen, Ambulanzen und private Kliniken, die oft zweifellos leiden und sich selbst verstehen wollen. Sicherlich eignet er sich auch als Entschuldigung und „eine Art Selbstschutz gegen die Herausforderungen des Alltags“, wie der Psychotherapeut Thorsten Padberg es in den letzten Jahren in zahlreichen Interviews immer wieder formulierte. Auch Moritz Hackl zitiert ihn in seinem Artikel. Padberg sagt aber auch: „Psychologie wird die Welt nicht retten!“ Weder die Psychodiagnostik noch die Psychotherapie. Zumindest jenen Teil der Menschheit nicht, der glaubt, dass er durch Diagnose und Therapie von etwas geheilt werden kann, das er nicht als sein ureigenstes Problem begreift.
https://www.zeit.de/2026/19/adhs-erwachsene-diagnose-symptome-klinik-muenchen