Der Bürgerverein Balingen e.V. hat sich zum Ziel gesetzt, die Bürger dieser Stadt aus dem passiven Zuschauen zu einem aktiv-engagierten Mitgestalten in ihrer Stadt anzuregen. So strebt der Verein ein transparentes Dreiecksverhältnis von Bürgern, Politik und Verwaltung an. Die Bürger sollen sich mit ihrer Stadt identifizieren können: „Balingen ist unsere Stadt“.
Balingen ist geprägt durch sein klassizistisches Stadtbild, das nach dem Stadtbrand 1809 geschaffen worden ist. Trotz kaum zu ersetzender Lücken und modischer Veränderungen ist die Grundstruktur bis heute im Kern sichtbar. So liegt der Schwerpunkt des Vereins darauf, historische Bauten zu erhalten. Der Schutz erhaltenswerter Einzelgebäude und Ensembles ist als „Markenzeichen der Stadt“ von großer Bedeutung. An deren Bewahrung wollen wir konstruktiv mitwirken.
Die Mitglieder des Bürgervereins werden die künftige Entwicklung der Stadt und ihre Gestaltung kritisch begleiten. Es gibt für uns noch Werte, für die es sich zu engagieren lohnt. „Weltoffen denken und die heimatlichen Wurzeln pflegen“, das ist der Weg, der in die Zukunft führt, ohne liebgewordene Traditionen aufzugeben.
Gründung
Der Verein wurde 1981 gegründet. Zu diesem Zeitpunkt wurde immer mehr wertwolle alte Bausubstanz dem Abriss preisgegeben. Die Baulücken wurden mit modernen Zweckgebäuden geschlossen, wodurch das gewachsene harmonische Stadtbild mehr und mehr verschwand. Der direkte Anlass zur Vereinsgründung durch Balinger Bürger, allen voran Dipl. Ing. Ernst Kuhnle, war der geplante Abriss des historischen Gebäudes „Gasthaus Sonne“ am Viehmarktplatz. Der Einsatz des neugegründeten Bürgervereins konnte dies jedoch verhindern, weshalb das Gasthaus Sonne heute den oberen Stadtteil als herausragendes Baudenkmal schmückt.
Chronik
1981 Vereinsgründung
Anlass zur Vereinsgründung ist der vorgesehene Abriss des Gasthauses Sonne (s. 1982). Zum 1. Vorsitzenden wird der Initiator der Vereinsgründung Dipl. Ing. Ernst Kuhnle gewählt. Seine Stellvertreterin wird Edda Renz.
1981 Heubergputzete
Das Naherholungsgebiet Heuberg sollte sicherer werden, damit nicht Spaziergänger durch eventuell herabstürzende Äste verletzt werden.
1982 Rettung der Sonne
Das am Eingangsbereich zur Altstadt gelegene ehemalige Gasthaus Sonne mit Sichtfachwerk soll durch einen massigen Neubau ersetzt werden. Durch Einschalten des Petitionsausschusses kann dies verhindert werden. Dieser Einsatz führt zur Gründung des Bürgervereins.
1983 Erzingen
In diesem Stadtteil soll ein Fachwerkhaus in der Martin-Luther-Straße abgerissen werden. Der Bürgerverein wehrt sich dagegen (s. 1986)
1984 Häuser im Zwinger
Die nach dem letzten Stadtbrand 1809 neu errichteten eingeschossigen Häuser sollten denkmalgeschützt an den damaligen Wiederaufbau erinnern. Dieses Vorhaben scheitert trotz wiederholter Eingaben. Die Häuser im Zwinger werden abgerissen.
1985 Gestaltungssatzung
Der Entwurf einer Gestaltungssatzung für die Balinger Innenstadt, ausgearbeitet vom damaligen Vorsitzenden Dipl. Ing. Ernst Kuhnle, wird von der Stadt nicht angenommen. Die Stadt erstellt eine eigene Gestaltungssatzung, von der nur die Forderungen zu den Werbeanlagen umgesetzt werden.
1986 Erzinger Haus
Der bereits beschlossene Abbruch dieses um 1650 erstellten Bauernhauses „Tubäkle-Haus“ kann verhindert werden, was als ein Riesenerfolg gefeiert werden darf. Heute ist dieses Haus ein Blickfang im Ortsbild.
1989 Podiumsdiskussion
Der Bürgerverein organisiert eine Podiumsdiskussion mit Bügern und Stadträten, in der es drei Stunden lang um die Themen „Zwinger, Kaufhaus und Verkehrskonzept“ geht. Leider werden die Vorschläge vom Gemeinderat nicht aufgegriffen.
1990 Schellenbergbrücke
Die Straßenbrücke über die Bahngleise von der Innenstadt zur Sichelschule wird den Straßenbauplänen der Stadtverwaltung geopfert. Um sie vor der Verschrottung zur bewahren, kaufen fünf Bürger die Brücke und lassen sie auf eigene Kosten lagern (s. 2003)
1991 Messmerhaus
Das sog. Messmerhaus in der Adlerstraße soll abgerissen werden. Aufgrund der Initiative des Bürgervereins wird der Abbruch zurückgestellt.
1992 „Adam und Eva“
Beim Wiederaufbau des abgebrannten ehemaligen Gasthauses Rose in der Färberstraße / Ecke Ölbergstraße wird die Hausecke mit einer Kopie der historischen Figurengruppe „Adam und Eva“ verziert.
1995 Hochwasserdenkmal
Auf Initiative des Bürgervereinsmitglieds Waldemar Rehfuss wird das Denkmal, das an das Hochwasser von 1895 erinnert, aus dem Friedhof an seinen ursprünglichen Standort an der Robert-Wahl-Straße versetzt.
1996 Stutzenweiher
Einer Schutzgemeinschaft von Bürgerverein, BUND, Nabu sowie Frauenliste erreicht, dass dieses Biotop und Feuchtgebiet als flächenhaftes Naturdenkmal ausgewiesen wird.
1998 Klein Venedig
Vergeblich bemüht sich der Bürgerverein um den teilweisen Erhalt dieses, das Stadtbild prägenden Ensembles siehe Stadtrundgang Nr. 13 und 14. Die Bauten werden bis auf ein originales Gerberhaus abgerissen. Auch eine Petition an den Landtag ist erfolglos. Das Gebiet wird mit neuer Architektur und Tiefgarage überbaut.
1999 Schwefelbrunnen
Der letzte Originalbrunnenschacht aus gehauenem Naturstein wird abgebaut und leider durch Betonringe ersetzt. Immerhin erreicht der Bürgerverein, dass der Brunnenauslauf an der Ecke Wilhelm-Kraut-Straße / Spitalstraße wieder mit Schwefelwasser gespeist wird.
Schellenbergbrücke
Der Gemeinderat Balingen spricht sich mit einer knappen Mehrheit für den Wiederaufbau der Schellenbergbrücke hinter dem Stadtfriedhof aus, wenn von Bürgerseite ein Betrag in Höhe von 90 000 DM zu den Kosten beitragen wird.
2001 Jubiläum
Am 20.10.2001 feiert der Bürgerverein sein 20-jähriges Jubiläum mit Stehempfang und Käsebuffet im Zollernschloss. Oberbürgermeister Dr. Merkel würdigte den Einsatz der Mitglieder.
2002 Schellenbergbrücke
In vielfältigen Aktionen sammelt der Bürgerverein für den Aufbau der Schellenbergbrücke. So ist er fast jeden Samstag auf dem Markt vertreten, wo er Brückennieten, Schmuckumschläge mit Balinger Motiven und Zuckerhasen verkauft.
Friedhofsmauer
Infolge des Einsatzes für den Erhalt der Natursteinmauer stimmt der Gemeinderat überraschend für diese an sich teurere Lösung anstelle einer Betonmauer.
2003 Schellenbergbrücke
Am 17.01.2003 findet nach über 12-jähriger Irrfahrt beziehungsweise Zwischenlagerung die Schellenbergbrücke ihren neuen Standort als Fußgängerbrücke über die Eyach als Verbindung zwischen Rollerstraße und Hindenburgstraße.
1911 wurde sie im Auftrag der Königlich Württembergischen Staatsbahn von der Maschinenfabrik Esslingen zusammengenietet. Knapp 32.000 Nieten wurden dabei nach dem gleichen Verfahren wie beim Eiffelturm in Paris („Heiß-Niet-Verfahren“) verarbeitet. Genutzt wurde sie als Straßenbrücke über die Bahngleise und stellte die Verbindung von Innenstadt, Sichelschule und Wohnbebauung westlich der Behrstraße her. Die Gründe für ihren Abriss waren nicht altersbedingte Abnutzung oder mangelnde Funktionsfähigkeit, sondern die Straßenausbaupläne der Stadtverwaltung. Um sie vor der Verschrottung zu bewahren, bildeten 1990 fünf mutige Balinger Bürger die Interessengemeinschaft „Historische Schellenbergbrücke“. Sie kauften die Brücke und ließen dieses technische Kulturdenkmal von knapp 80 Tonnen Gewicht auf eigene Kosten lagern. Schließlich entschied der Gemeinderat Balingen 1999 mit einer knappen Mehrheit für den jetzigen Standort hinter dem Friedhof. Jedoch gab es die Bedingung, dass die engagierten Bürger einen Betrag von 90.000 DM zu den Kosten des Wiederaufbaus beitragen. Der Bürgerverein machte sich diese Aufgabe zu Eigen und unterstützte den Heimatforscher Waldemar Rehfuss bei der Spendensuche. So gelang es, innerhalb von zwei Jahren, den erforderlichen Betrag zusammenzubringen und bei der Endabrechnung 50.000 € zuzahlen zu können.
„Bringgeld-Glocke“
Die Anbringung der neuen, dem Original nachempfundenen „Bringgeld-Glocke“ am sanierten Rathaus wird durch den Gemeinderat abgelehnt. Bis zum Jahr 1809 diente das im Haus der Museen (Zehntscheuer) ausgestellte Original dem Kämmerer als akustisches Zeichen für die Steuerfälligkeit der Bürger.
2004 Stutzenweiher
Dieses Feuchtgebiet an der Straße nach Geislingen, das als flächenhaftes Naturdenkmal ausgewiesen ist, wird durch mehrere Baumaßnahmen empfindlich beschnitten. Die Einschaltung des Petitionsausschusses durch die Schutzgemeinschaft (s. 1996) hat keinen Erfolg.
Schalksburg
Zur Erinnerung an Dr. Hans Haufe wird eine Gedenktafel im Schalksburgturm angebracht, auf der darauf hingewiesen wird, dass auf dessen Initiative hin der Wiederaufbau dieses Turms von 1957 bis 1960 erfolgte. Dr. Haufe war Gründungsmitglied des Bürgervereins.
Flatt-Bibel
Seit Dezember 2004 ist der Bürgerverein Eigentümer dieser für Balingen einmaligen Bibel aus dem Jahr 1729. Aus dem Besitz der Theologenfamilie Flatt war sie an das Gründungsmitglied Eugen Gröner gelangt. Dessen Sohn wiederum übergibt sie dem Bürgerverein mit der Verpflichtung, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
2004 Konzert zwischen den Jahren
Zum Gedenken an Gerhard Rehm (1926-2004) findet am Mittwoch, den 29. Dezember 2004 in der evang. Stadtkirche Balingen ein Konzert statt. Gerhard Rehm war Gründungsmitglied des Vereins und gestaltete seit Jahren ein Kirchenkonzert zwischen Weihnachten und Neujahr. Er stirbt 2004. Die Gestaltung des Gedenkkonzerts haben jetzt musikalische Wegbegleiter, einstige Schüler und Freunde übernommen.
Ab 2004 Projekt Glockenjoch, Glockenstuhl und Friedensglocke für die Stadtkirche
Dieses Projekt kommt zustande, da der 1. Vorsitzende Heinz Schwab bei der Begehung des Kirchturms anwesend ist, als die Beschädigungen am Dachwerk festgestellt werden. Gleichzeitig wird die Materialermüdung des stählernen Glockenstuhls aus den 1950er-Jahren festgestellt. Es entsteht im Bürgerverein die Idee, für ein Joch aus Eichenholz für die größte Glocke zu sammeln. Hauptsächlich unter der Initiative von Waldemar Rehfuss wird die Idee weiterentwickelt. Der neue Glockenstuhl aus Eichenholz, überwiegend aus Balinger Wäldern, und die 7. Glocke werden in jahrelangem Sammeleifer verwirklicht, um das bestehende Geläut zu vervollständigen.
2009 Guss der Friedensglocke
Mit vielen kleinen und größeren Spenden kann die ca. fünf Tonnen schwere Glocke 2009 bei der Gießerei Bachert in Karlsruhe gegossen werden. Ein Modell für den Glockenstuhl schafft die Gewerbliche Berufsschule Balingen. Auch die Stadtkirchengemeinde trägt viel zum Aufhängen und zur Einrichtung des Läutemechanismus bei.
2010 Einweihung der Friedensglocke
Im September wird die Glocke mit einem Fest auf den Turm hochgezogen und anschließend wird der eichene Glockenstuhl um diese herum montiert. Am 3. Oktober 2010 läutet die Glocke zum ersten Mal. Ein moderner Magnetantrieb für die Glocken kann vom Bürgerverein nicht durchgesetzt werden.
2011: 30 Jahre Bürgerverein Balingen e.V.
Oberbürgermeister Helmut Reitemann überreicht bei der Feier dem Gründungsmitglied und dem langjährigen Kassenwart Waldemar Rehfuss die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg. Waldemar Rehfuss ist seit Jahren der Spendensammler tätig, der keine kreative Möglichkeit ungenutzt lässt. Der Oberbürgermeister führt an, dass sich Hartnäckigkeit auszahle.
2012 Kauf eines Eckenfelder-Gemäldes
Durch Kontakte mit dem Kunsthaus Bühler in Stuttgart kann ein hervorragendes Ölgemälde „Balingen, an der Eyach“ des aus Balingen stammenden Künstlers Friedrich Eckenfelder (1861-1938) durch den Bürgerverein gekauft werden. Das Gemälde zeigt eine Brücke bei der Friedhofkirche vor dem Hochwasser 1895. Es wird der Stadt Balingen als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Zu sehen ist es entweder in der Zehntscheuer oder im Besprechungszimmer des Oberbürgermeisters im Rathaus.
2016 Versetzen des Denkmals für Friederike Rösler im Friedhof
Das Denkmal stand nahe an der Mauer zur Eyach und war in Schieflage geraten. Auf die Initiative von Else Müller erhält nach längeren Verhandlungen mit der Stadtverwaltung das Denkmal einen würdigen Platz als Endpunkt der Achse des Hauptweges von der Friedhofkirche her nach Norden gelegen. Die Stiftung von Friederike Rösler (1819-1880) umfasste einen enormen Betrag für die Balinger Jugend. Daraus hervorgegangen ist 1883 die Frauenarbeitsschule in der Wilhelmstraße (heute Generationenhaus).
2017 Sammlung von Balinger Geschichten
Seit 2017 sammelt der Bürgerverein Balinger Geschichten zu einem Buchprojekt. Die Idee stammt von der damaligen Pressereferentin Dr. Ingrid Helber. Alle Bürgerinnen und Bürger sind dazu aufgerufen, interessante Geschichten aus der ganzen Stadt zu erzählen. Diese sollen aufgeschrieben und zu gegebener Zeit in einem Buch veröffentlicht werden.
2017 Aufstellen der Informationstafeln zur Schellenbergbrücke
Nach langen Verhandlungen mit der Stadtverwaltung seit 2003 können im Mai die Informationstafeln zur Schellenbergbrücke der Bevölkerung präsentiert werden. Eine Tafel erklärt die Geschichte, die andere die Technik der Brücke.
2019 Schwefelbad
Der Verein setzt sich ein für den Erhalt des „historischen“ Schwefelbads und des ehemaligen Lichtspieltheaters, bekannt als Tanzcasino, als Kulturdenkmal.
2020 Schwefelbrunnen
Der Bürgerverein bemüht sich um den Erhalt und die Restaurierung des Schwefelbrunnens mit dem Forsch Ecke Wilhelm-Kraut- / Spitalstraße. Dies entspricht auch dem Wunsch und dem Vermächtnis des verstorbenen Waldemar Rehfuss.
Es werden regelmäßig Stammtische abgehalten wie auch Exkursionen, Führungen und Besichtigungen durchgeführt.
Der Stammtisch findet jeweils am 1. Freitag eines Monats ab 14.30 Uhr im Café la Gare im Bahnhof in Balingen statt. Es werden aktuelle Themen in der Stadt besprochen und Vorträge, Lesungen usw. abgehalten. Alle sind willkommen.