31/10/2024
SERIENTIPP von der Bildungsstätte Anne Frank
Die Serie „Nobody wants this“ bedient sich mit ihrer Darstellung jüdischer Frauen dem misogynen Muster der „Jewish American Princess“. Dieser Stereotyp zeichnet jüdische Frauen aus der oberen Mittelschicht als materialistische, kaltherzige Überfliegerinnen – normschön, oft mit krausem Haar und großer Nase. Der „Jewish American Princess“ begegnet man in Film und Fernsehen schon seit Jahren – zum Beispiel im Klassiker „Dirty Dancing“, oder auch in „Spaceballs“, der Star Wars Parodie des jüdischen Regisseurs Mel Brooks.
Unsere Kollegin Sarah Stemmler hat sich die Darstellung von jüdischen Frauen in Filmen und Serien genauer angesehen: In ihrem Text erfährst du, welche drei Stereotype anscheinend nicht tot zu kriegen sind.
⚫ Romcom-Erfolg: „Nobody wants this“
Die Serie „Nobody wants this“ mit Adam Brody und Kirsten Bell in den Hauptrollen begeistert aktuell die Kritiker*innen: Endlich mal eine Liebesgeschichte, die nicht an der Kommunikation der Protagonist*innen scheitert! Die Podcasterin Joanne und der Rabbi Noah sind fähig, einander ihre Zuneigung zu zeigen, und werden auch schnell ein Paar – nur die äußeren Umstände erschweren es den beiden, zusammenzubleiben. Als Hindernis für die Beziehung wird vor allem die scheinbare Gegensätzlichkeit ihres familiären und ideellen Hintergrunds inszeniert. Während Joanne mit ihrer Schwester im gemeinsamen Podcast offen über S*x und Beziehungen spricht, möchte Noah Oberrabbiner seiner Gemeinde werden. Und insbesondere die Frauen in seiner Familie finden: Das geht nicht an der Seite einer Nicht-Jüdin.
Um die Beziehung von Joanne und Noah zu erschweren, kommen mehrere Stereotype zum Einsatz, wie das jüdische Kulturmagazin Hey Alma feststellt.
⚫ Stereotyp Eins: Jüdische Eltern wollen ihre Kinder nur mit anderen Juden_Jüdinnen verheiraten, interreligiöse Paare sind nicht gern gesehen.
Das stimmt vielleicht in streng religiösen Familien – für die meisten Juden_Jüdinnen sind interreligiöse Beziehungen allerdings eher die Regel als die Ausnahme. Rabbiner*innen, die nicht zu konservativen oder orthodoxen Gemeinden gehören, dürfen auch Partner*innen anderer Glaubensrichtungen heiraten. Die Serie jedoch spitzt den Konflikt um der Dramatik willen stark zu – und lässt es dabei so wirken, als stünden Juden_Jüdinnen interreligiösen Beziehungen generell ablehnend gegenüber.
⚫ Stereotyp Zwei: Jüdische Mütter mischen sich in die Liebesbeziehungen ihrer Söhne ein, sind laut, dominant und grenzüberschreitend.
Noahs Mutter Bina, gespielt von Tovah Feldshuh, versucht konsequent, ihren Sohn wieder mit seiner Ex-Freundin zusammenzubringen. Die erfüllt nämlich die familiären Kriterien – sie ist jüdisch und aus gutem Hause. Bina ist offen feindselig gegenüber Joanne, nennt sie immer wieder „Schickse“, eine abwertende Bezeichnung für Nicht-Jüdinnen. Gleichzeitig ist Bina die Matriarchin der Familie, ihre Söhne haben geradezu Angst vor ihr. Dieser Stereotyp, bei dem sich die Mutter nicht für das persönliche Glück ihrer Kinder interessiert, sondern ihre Lebensentscheidungen möglichst stark beeinflussen will, ist Teil der generell negativen Darstellung jüdischer Frauen in Film und Fernsehen. Sie sind immer „too much“ – übergriffig, anmaßend, anstrengend.
⚫ Stereotyp Drei: Jüdische Frauen aus wohlhabenden Familien sind überspannt und fordernd, sie suchen einen Mann, der ihren Lebensstil finanziert.
Die Serie „Nobody wants this“ bedient sich mit ihrer Darstellung jüdischer Frauen dem misogynen Muster der „Jewish American Princess“. Dieser Stereotyp zeichnet jüdische Frauen aus der oberen Mittelschicht als materialistische, kaltherzige Überfliegerinnen – normschön, oft mit krausem Haar und großer Nase. Das Klischee der „Jewish American Princess“ ist eng mit dem Aufstieg von Juden_Jüdinnen in die US-amerikanische Mittelschicht verknüpft, als jüdische Immigrant*innen versuchten, sich zu assimilieren. Als (Haus)Frauen und Adressat*innen von Werbung wurden Jüdinnen zur Projektionsfläche für Kapitalismuskritik. Ein männliches Pendant zur „Jewish American Princess“ gibt es nicht – das macht den Stereotyp auch so misogyn.
⚫ Von Dirty Dancing bis zu Mrs. Maisel
Der „Jewish American Princess“ begegnet man in Film und Fernsehen schon seit Jahren – zum Beispiel im Klassiker „Dirty Dancing“, der die Schwester der Protagonistin als oberflächliche Ärztetochter darstellt. Oder auch in „Spaceballs“, der Star Wars Parodie des jüdischen Regisseurs Mel Brooks: Die druidische Prinzessin (im Original noch eindeutiger „Druish Princess“) unterzieht sich nicht nur einer Nasen-Operation, sie wird auch als fordernd und versnobt dargestellt. Und erst 2017 lief mit „Marvelous Mrs. Maisel“ eine Serie an, die sich komplett um eine „Jewish American Princess“ dreht. Midge Maisel kommt aus einer wohlhabenden Familie, ist immer gut angezogen, weiß genau, was sie will (was bei einem Mann natürlich kein Problem wäre). Wie es den weniger privilegierten Charakteren geht, kann sie sich nicht vorstellen – ihr geht es nur um ihre eigenen Ziele. Für diese platte Darstellung bekam die Serie zuletzt auch viel Kritik.
⚫ Kann man einen nicht-toxischen Mann nur vor dem Hintergrund toxischer Frauen inszenieren?
Eigentlich haben die Stereotypen der humorlosen, manipulativen jüdischen Frauen doch längst ausgedient. Trotzdem wurden sie für „Nobody wants this“ wieder aus der Mottenkiste hervorgeholt – als hätte man dem durchaus liebenswerten Paar Noah und Joanne keine anderen Hindernisse in den Weg legen können. Statt unerbittlich urteilenden Jüdinnen, die keine „Schickse“ in der Familie wollen, hätte man erzählen können, dass Mutter und Freundinnen nicht mit dem schnellen Übergang von Trennung zu neuer Partnerin einverstanden sind, den Rabbi Noah vollzieht. Statt Jüdinnen als Gegenteil der lustigen, sexpositiven Nicht-Jüdinnen darzustellen, hätte man tiefgründigere Charaktere zeichnen können. Bei den Hauptcharakteren ist das schließlich gelungen – Adam Brody spielt überzeugend einen nicht-toxischen Mann, wie man ihn selten in Romcoms sieht. Aber scheinbar gelingt der nicht-toxische Mann nur, wenn man ihn unterkomplexen Frauenfiguren gegenüberstellt.