14/08/2026
WZ vom 14.8. - Seite 22 / Bad Nauheim / Friedberg
Kraft schöpfen für Körper und Geist
VON ANNETTE HAUSMANNS
Die Reihe „Sommer + Kirche“ des evangelischen Familienzentrums schenkt Momente der inneren Erfrischung an besonderen Orten. Reizvoll ist die Vorstellung, nach einem heißen Sommertag in den Bad Nauheimer Heilwald einzutauchen. Ganz ohne Wasser, und doch zutiefst erfrischend. Joachim Neethen von der evangelischen Friedensgemeinde Friedberg hat das möglich gemacht.
Bad Nauheim/Friedberg – Ein makelloser Sommerabend in Bad Nauheim. Strahlend steht der Friedberger Pfarrer und Physiotherapeut Joachim Neethen vor dem Bad Nauheimer Eisstadion und begrüßt zwölf Wanderinnen. Ausschließlich Frauen sind der Einladung zum „Waldbaden und Beten“ gefolgt. Bekannte und Fremde finden bald ins Gespräch. Dann kommt Anton. Sofort zieht der wuschelige weiße Rüde die Aufmerksamkeit auf sein gelassenes Wesen. Dass er im Laufe des Abends noch eine besondere Rolle spielen wird, ahnt der Vierbeiner nicht. „Waldbaden und Beten“ ist Teil der Reihe „Sommer + Kirche“ des evangelischen Familienzentrums.
Dem Tannenzapfen Sorgen anvertrauen
Gemächlich setzen wir uns in Gang und tauchen ein paar Schritte später ein in Bad Nauheims „Heilwald“. Am Eingang ermutigt Pfarrer Neethen uns, schweigend mit allen Sinnen die Natur wahrzunehmen. Das klappt mit jedem Schritt besser. Ein Windhauch raschelt in den Blättern und umschmeichelt die Haut. Die Bäume verströmen Kühle. Hinter der nächsten Kurve öffnet sich der Blick auf die Skiwiese. Wir nehmen eine sanfte Sonnenlichtdusche und verwöhnen unsere von Bildschirmen gestressten Augen, indem wir den Blick vom ausgestreckten Daumen in die Ferne schweifen lassen. Der Pfarrer rundet den Moment mit einem tröstlichen Psalm ab.
Im Gänsemarsch schlendern wir über die Wiese bergan, saugen Düfte ein und lassen von der Wilbrandthütte aus den Blick über die Skiwiese wandern. Was tut das gut. Neethen erzählt von der Naturnähe des Franz von Assisi und zitiert in diesem Idyll den dänischen Denker Søren Kierkegaard: „Beten ist schweigend hören.“ Hörend erreichen wir den imposanten Mammutbaum. Tief verwurzelt reckt der Riese seine Krone gen Himmel. Wie kleine Ameisen finden wir alle Schutz unter seinen Ästen.
Intuitiv legt sich so manche Hand auf die Rinde. Kiefernduft liegt in der Luft. Wir möchten bitte tief einatmen und uns mit jedem Ausatmen tiefer verwurzeln, regt der Physiotherapeut an. Gerne würden wir hier noch länger verweilen und tauschen Gedanken aus, schlendern dann aber erwartungsfroh weiter, jeder in seinem Tempo. Anton schnuppert mal hier und mal dort und gibt wachen Auges acht, dass alle den Anschluss halten. Die Eile des Tages ist komplett verflogen.
An einer Wegkreuzung heben wir einen Tannenzapfen auf, halten ihn in Händen, vertrauen ihm still unsere Sorgen an und werfen den Zapfen dann im hohen Bogen weg. Eine Geste, die nicht ohne Wirkung bleibt, wie ich feststellen muss.
Am höchsten Punkt unserer Wanderung dürfen wir verschnaufen. Wir sitzen in der nächsten Schutzhütte im Kreis und Anton macht uns vor, wie wir in aller Seelenruhe hier ankommen und uns entspannen können. Tief in den Bauch sollen wir einatmen, dann in den mittleren Brustkorb, dann in den oberen und schließlich komplett in alle drei Atemräume. Der letzte Ballast fällt mit dem Ausatmen ab.
Der Hund als Profi in Gelassenheit
Neben der Hütte blinzelt die Abendsonne durch grüne Baumwipfel, wir inhalieren das gebrochene Licht. Ich kann mir ein breites Lächeln und einen tiefen Seufzer nicht verkneifen. „Von nun an geht’s bergab“, sagt der Pfarrer, grinst und lädt uns ein, kontemplativ weiterzulaufen und auszuprobieren, was die mantrenartige Wiederholung des Satzes „In Gott lebe ich, bewege ich mich, bin ich“ womöglich mit uns macht. Unwillkürlich muss ich ans Pilgern auf dem Jakobsweg denken.
Zeit und Raum vergessend, stehen wir „urplötzlich“ vor dem Eingang ins Waldbadezimmer. Pfarrer Neethen dankt für den wohltuenden gemeinsamen Weg. Auch Anton ist ganz Ohr und erfährt, dass er der Gruppe Halt gegeben hat. Wir sind uns einig, dass er der eigentliche Profi in Sachen Intuition und Gelassenheit ist. Der Ermutigung des Pfarrers, noch einmal ganz ins Hier und Jetzt einzutauchen, folgen wir gerne. Ich wähle eine körpergerechte hölzerne Liege, schaue durch sanft wiegende Baumwipfel in den Himmel und kann mir gerade keinen besseren Ort fürs achtsame Kraftschöpfen vorstellen.