22/11/2024
SchwäPo
Rehe schießen, damit der Wald bleibt
Waldwirtschaft Unter Forstleuten und Jägern schwelt ein tiefer Zwist um die Bejagung von Rehwild. Hintergrund ist der Klimawandel, der Waldbesitzer unter Druck setzt. Von Gerhard Königer
Ellwangen-Schrezheim
Die Generalversammlung der Jagdgenossenschaft Schrezheim ist eigentlich eine harmonische Veranstaltung. Jäger und Jagdgenossen, das sind alle, die ein Grundstück besitzen, auf dem man jagen darf, sitzen einträchtig zusammen. Man hört sich die Berichte der Vorstandschaft an, die Einnahmen aus der Verpachtung der Jagd wurden wieder für die Instandhaltung der Feld- und Waldwege ausgegeben.
Ein kleinerer Betrag war auch für Wildschaden fällig, weil die Schwarzkittel im Mais gewütet haben. So ist das eigentlich schon seit der Gründung 1972: Man lässt sich im „Seegasthof“ das gute Rehessen schmecken und geht erst auseinander, nachdem „Kein schöner Land“ gesungen wurde.
Ein Grußwort sorgt für Empörung
In diesem Jahr war etwas anders und das lag am Grußwort des Revierförsters Hans-Peter Müller, zuständig für die Wälder bei Schrezheim, Rotenbach, Eggenrot. Was Müller gesagt hat? Eigentlich nicht viel, nur dass zu viel Rehwild im Wald sei. Und dass dieses „zu viel“ den natürlichen Aufwuchs von Tannen, Buchen, Eichen verhindere. Belegt werde das vom jüngsten Verbissgutachten, das die Forstbehörde alle drei Jahre anfertigen lässt.
Die Sorge um den „Totalausfall“
Vom Tisch der Jäger kamen verärgerte Zwischenrufe. Die Männer, die das Fleisch für das gute Essen spendiert hatten, waren mit Müllers Rede nicht einverstanden und nach dem „Schöner Land“ blieben sie nicht wie sonst noch auf ein, zwei Bier bei den Jagdgenossen sitzen.
Nun muss man wissen, Müller ist Mitarbeiter des Landratsamts, Geschäftsbereich „Wald und Forstwirtschaft“. Er verweist seit Jahren auf die klimabedingten Schäden im Wald, drängt die Privatwaldbesitzer, Fichtenmonokulturen in widerstandsfähigeren Mischwald umzubauen. Dieses Mal war sein Tonfall ernster, eindringlicher: „Die Klimaveränderung ist Fakt. Unter den letzten zehn Jahren waren die neun heißesten, seit das Wetter aufgezeichnet wird. Es braucht nur drei trockene Jahre in Folge, und wir haben in unseren Wäldern Totalausfall.“
Für Waldumbau läuft die Zeit ab
Die Klimakrise: Man hört täglich davon und je mehr man hört, desto schneller hört man darüber weg. Da geht es den Waldbesitzern nicht anders als den Autofahrern. Fichten sind ihr Lieblingsholz, weil sie schnell wachsen und solide Einnahmen garantieren. Buchen, Eichen, Kirschen, Ahorn – schön und recht: Doch wie soll man damit Geld verdienen?
Andererseits: Die immer heißeren Sommer und immer längeren Trockenphasen halten die Fichten nicht aus. Wenn die Borkenkäfer schwärmen, haben sie kein Harz, um sich zu wehren, und sterben ab. Kahle Flächen in den deutschen Mittelgebirgen, vertrocknete Fichtenbestände im Rheinland und in Hohenlohe, das sei mehr als eine Warnung, sagt Müller.
Im Staatswald läuft der Umbau seit Jahren, es gibt üppige Zuschüsse für die Pflanzung von Laubbäumen. „Habitatbaumgruppen“ sollen Samen verbreiten und den natürlichen Aufwuchs von jungen Bäumen bewirken. Das Pflanzen eines neuen Waldes ist schwierig in trockenen Jahren, mühsam, braucht Zeit und kostet sehr viel Geld.
Reh verhindert Naturverjüngung
„Wenn ich sehe, dass in den Privatwäldern Tannen und Buchen nicht mehr auf natürlichem Weg aufwachsen können und von Hand gepflanzt und geschützt werden müssen, dann sage ich: Das kann es nicht sein. So schaffen wir den Umbau nicht. So verlieren wir unseren Wald“, sagt Müller. Und macht eine Rechnung auf: Die jungen Bäume, die von Rehen in den Wäldern verbissen werden, das sei auch Wildschaden. „Wenn man dagegensetzt, was Pflanzung kostet, dann gehen diese Schäden jährlich in die Zehntausende.“
Jetzt werden die Jagdgenossen hellhörig, besonders der Vorstand. Schaden, Entschädigung, Zehntausende? Mit ihrer Jagdpacht zahlen die Jäger einen Pauschalbetrag, aus dem die Genossenschaft die Landwirte entschädigt, wenn das Schwarzwild in Äckern gewütet hat. Das sind, wenn es schlimm kommt, ein paar hundert Euro pro Jahr.
Schaden in die Zehntausende?
Auf die Idee, dass auch den Waldbesitzern Schäden entstehen und womöglich Schadenersatz gefordert werden könnte, ist bislang niemand gekommen. Will Hans-Peter Müller mit seinem Grußwort etwa schlafende Hunde wecken? Er will wohl eher den Jägern Dampf machen, konsequenter zu schießen. Die Waidmänner „hegten“ noch viel zu oft, sagt er und meint damit wohl, sie würden den Rehen beim Äsen zusehen, anstatt über K***e und Korn anzulegen.
Was die Jäger dazu sagen? Sie lassen den Vorwurf nicht gelten, sehen im Wald viel weniger Schaden als der Förster. Er soll bitte zeigen, wo er den Wildverbiss gesehen haben will. Man vereinbart eine Besichtigung.
Jäger stehen gegen Förster
Die Jäger klagen schon länger, die Regiejagd im Staatswald sei gnadenlos. Der Staat ballere alles weg, Rehe seien so selten, dass in ihren Jagdbogen kaum noch welche anzutreffen sind. „Drei bis viermal müssen wir draußen ansitzen, um überhaupt noch ein Stück Wild zu Gesicht zu bekommen“, sagt einer. Und als privater Jäger bekomme man den Ansitz nicht bezahlt wie die Forstleute.
Eines ist klar: In diesem Konflikt ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der Schaden geht in die Zehntausende.“ Hans-Peter Müller Förster
Ein Rehbock im Gras: Seine Art frisst im Wald auch gerne junge Triebe und gefährdet so den natürlichen Aufwuchs. Foto: Pixabay Rundholz aus heimischen Wäldern, fertig zur Abfuhr: In der Klimakrise befürchten Förster den Totalausfall. © gek Über allen Wipfeln ist Ruh? Von wegen, im heimischen Wald ist ein Konflikt ausgebrochen zwischen Jägern und Förstern um die richtige Jagd in der Klimakrise. Fotos: gek