05/04/2026
Die Chaos-Kids sind zuhause. Sie haben einen tollen Spielplatz in Calais gelassen, aber einiges an Erfahrung mit genommen. Lest selbst:
Ihr Lieben!
Jetzt schreibe ich zurück im lieblichen, sauberen und fast unerträglich schönen Freiburg, erschöpft aber auch so reich angefüllt von Erlebnissen und Gefühlen/Begegnungen aller Facetten der Lebenspalette.
Unser letzter Tag in Calais überbot an intensiven Erlebnissen und Begegnungen nochmal alles, was wir bisher hatten. Gleich früh am Morgen fuhr ich mit Lotta und Norea zum Jungle, wo wir "Madame Banana" bei der Frühstücksausgabe helfen wollten. Wir begegneten einer Polizeiabsperrung, die uns auf unmenschlichste Weise klarmachte, dass sie uns nicht durchlassen würden, weil "its closed". Auf alle Fragen unsererseits antworteten sie immer aggressiver auftretend (bis an die Zähne bewaffnet) und sturer mit "its closed", so dass wir schließlich umkehren mussten. In dieser Begegnung wurde mir erstmals in meinem Leben erlebbar, wie "menschlos" Menschen werden können und mit welch hartem Blick sie skrupellos unmenschliches dann auch durchführen können. Wir erfuhren dann hinterher von den Caritas-Leuten, dass eben an dem 01.04., an dem die zwei Männer gestorben waren, der Pakt zwischen England und Frankreich zur "Bewältigung der Flüchtlingsfrage" um ein Jahr verlängert wurde, also wieder Unmengen an Geldern mobilisiert wurden, den Geflüchteten das flüchten zu erschweren. Also war die Polizei gerade damit beschäftigt, den Jungle einmal mehr platt zu machen, den Menschen dort alles (inklusive Papiere und Hab und Gut) wegzunehmen, damit sie noch weniger Chancen haben würden, irgendwo aufgenommen zu werden. Klar, dass sie dabei nicht "gestört" werden wollten. Lea beruhigte uns aber auch, indem sie bestätigte, dass dieses Prozedere seit nun 20 Jahren regelmäßig durchgeführt werde, im Wissen aller, dass 2 Stunden später alles wieder aufgebaut wird und die eingesetzten Gelder für nichts und wieder nichts verballert wurden. Aber auch, dass "Madame Banana" immer wisse, wo sie hin kann, um ihr Frühstück zu verteilen. Da wurde mir auch klar, dass all die Menschen, die sich in Hilfsorganisationen einsetzen (und ja meist in keinster Weise von den Staaten und Gemeinden unterstützt werden) eigentlich Freiheitskämpfer sind und unsere zutiefste Bewunderung verdienen! Am Mittag waren Emma und Skadie noch mit "Rasta" von der Caritas bei einem anderen Camp, wo sie viele "deutsche" Geflüchtete trafen, die nach 10 Jahren Arbeiten und Steuern zahlen in Deutschland, einfach abgeschoben wurden.
Am Nachmittag waren wegen dieser Aktion extrem viele junge Männer da, die alles neu brauchten (Schlafsäcke, Kleider....) und den Entschluss gefasst hatten, nach Deutschland zurück zu fliehen.
Auf der Baustelle wurde während dessen "gerockt", dass sich die Balken biegen und trotz extrem unfreundlichem Wetter (was vor allem das Anstreichen sehr erschwerte), wurde alles auf den Punkt um 15:30 Uhr fertig, wo die Einweihung stattfinden sollte! Fritzi hatte mit Alicia und Marie eine tolle Einweihungschoreographie eingeübt, die sie unter freudigem Applaus und mit Bravour vorführten. Danach bekamen wir im Frauenraum Crêpes, Gebäck und Kaffee/Tee und alle überschütteten uns mit Dank und Bewunderung darüber, was unsere jungen Kids da fast selbständig auf die Beine gestellt haben. Und das diese Arbeit so vielen auch von den jungen Männern Motivation und Hoffnung in die Möglichkeit, ein sinnvoll gestaltetes Leben führen zu können, vermittelt habe.
Die Einweihung im Männerbereich war der Knaller. Wie immer zu Festival-Lautstärke-Musik stürmten die Männer das "Work-Out-Gerät", und fabrizierten damit Übungen, die unsere Jungs mit der Planung des Geräts nicht mal im Traum mitbedacht hatten. Hier war in den letzten Tagen noch mit der grandiosen Unterstützung von Bernies Kollege und Freund Bernwart möglich geworden, Fallschutzplatten anzubringen, die sich auch sofort bewährten, da der Übermut der Männer einige Male dazu führte, dass sie einen Absturz erlitten.
Die letzte Abendrunde war sehr innig und emotional. Durch die Bank berichteten die Kids davon, wie stark dieses Projekt sie geprägt, aufgeweckt, bewegt und bereichert hat. Und das das Bauen für die meisten gar nicht so im Vordergrund stand, aber trotzdem klar war, dass die Begegnungen und Erlebnisse mit Sicherheit ganz anders gewesen wären, wenn sie eben "nur" Essen und Kleider verteilt hätten.
Die Chaos-Mamas putzten noch bis 12:00 Uhr nachts und am nächsten Morgen ging es zurück nach Deutschland. Bernies Auto musste leider schon nach einer halben Stunde Reifenwechsel machen und verlor damit 2 Stunden. Auf der Fahrt kamen sie an einer Mautstelle in eine Polizeikontrolle, die (wie wir vermuten), nach den 200 Flüchtenden, die sich am Morgen auf den Weg Richtung Deutschland gemacht hatten, suchten.
Ich bin mit meinem "Jungsauto" ohne es zu merken durch Belgien gefahren, habe mich immer gewundert, wo die Mautstellen sind, bis mir ein Deutscher auf einer Raststätte sagte, wir seien in Belgien🤪. Wir waren 2 Stunden vor den Anderen in Freiburg.
Benni (Papa von Moritz und Skadie) holte die Wahlwieser in Stuttgart ab, so dass Joshua zur rechten Zeit zu Hause sein konnte. Also, alle sind heil wieder zu Hause gelandet!!
Ich bin unendlich dankbar für die gesammelten Erfahrungen und vor allem auch über Fritzies und Hillies "Zusammenspiel" mit mir.
Wir waren alle ein super Team!
Liebe Grüße
Milli