05/05/2025
In den ersten Jahrzehnten, seit der Gründung des Kleinen Nazareno, haben wir uns fast ausschließlich auf diejenigen Kinder und Jugendlichen konzentriert, die am Straßenrand lebten, auf
den Fußwegen oder vor den Türen von Geschäften schliefen, von wo sie tagsüber verscheucht wurden. Anders als in anderen Großstädten, wie Rio de Janeiro oder São Paulo, gab es in der
Innenstadt von Fortaleza keine einzige Familie, die auf der Straße lebte, mit einer Ausnahme: Vor meiner Universität, wo ich 5 Jahre lang Rechtswissenschaft studiert habe, gab es eine Familie, die
sich unter einem abenteuerlichen Geflecht aus Pappe, Holz und Plastiktüten abends immer zurückzog. Sonst weit und breit, Kinder und Jugendliche, die allein auf der Straße lebten.
Nicht nur, dass wir ein paar hundert Kinder seit Eröffnung des Nazareno-Dorfes aufgenommen haben.
Wir haben viele Kommissionen vor Ort geleitet, 2005 die Nationale Kampagne im brasilianischen Senat gegründet, die verschiedene Gesetzesverschläge zusammen mit staatlichen Organen und
Nichtregierungsorganisationen erarbeitet hat, die heute als normative Richtlinien Anwendung finden. Nicht zu vergessen, die unzähligen Protestaktionen in Fortaleza und in den meisten Bundesländern. Es gab Zeiten, in denen unsere Aktionen mehrmals im Jahr auf der Titelseite von hiesigen Tageszeitungen abgebildet waren. Unser Haupanliegen war immer, dass jedes Straßenkind das
Grundrecht zugesprochen haben sollte, nicht auf der Straße zu leben. In Fortaleza sind es mittlerweile 7 staatliche Einrichtungen, die sich auf die Aufnahme von Straßenkindern spezialisiert haben. Gerade in den letzten Jahren ist die Zahl der Straßenkinder, die allein und ohne Familienangehörige auf der Straße wohnen, schlafen und leben, aus sehr verschiedenen Gründen und Sachverhalten, drastisch geschrumpft und für diejenigen Kinder und Jugendlichen, die von der Straße weg möchten, ist es
nachweislich möglich zu behaupten, dass es genügend staatliche Einrichtungen in Fortaleza gibt, die diese Kinder aufnehmen können. Selbst Maranguape, wo sich das Nazareno-Dorf befindet, hat seit Anfang des Jahres eine Aufnahmestelle und ein Heim für notleidende Kinder geschaffen. Noch ein wesentlicher Aspekt des Rückgangs der Anzahl der vom Nazareno-Dorf aufgenommenen Kindern besteht darin, dass die Jugendämter aus Fortaleza von den richterlichen Stellen in den letzten Jahren immer stärker angewiesen wurden, nur in Ausnahmesituationen der Aufnahme von Straßenkindern in Einrichtungen einzuwilligen, die sich außerhalb von der Stadt Fortaleza befinden. Da genug freie
Stellen in den staatlichen Einrichtungen in Fortaleza zur Verfügung stehen und aus allen oben genannten Gründen ist es absehbar, dass der Kleine Nazareno, diejenigen Aktivitäten, die sich um die
Aufnahme von Straßenkindern drehen, einstellen werden können. Auch in Recife und Manaus gibt es erste Anzeichen für eine Verringerung der Anzahl von Kindern, die ohne Begleitung einer
erziehungsberechtigten Person auf der Straße leben. Ob diese Tendenz allerdings anhält und sich der Situation in Fortaleza in Zukunft angleichen wird, ist noch nicht voraussehbar.
Wir haben all die Jahre den Leidensweg der Straßenkinder begleitet und Strukturen und Methodologien geschaffen, um diesen Kindern zu helfen. Durch die Reduzierung der Anzahl der Kinder, die auf der Straße leben, haben wir erstmals die Gelegenheit, diejenigen Orte aufzusuchen, wo alles seinen Ursprung nimmt. Es sind Orte, wie die Elendsviertel in Fortaleza, wo Kinder, Jugendliche und Familien in extremer Armut, Gewalt und Hoffnungslosigkeit leben. Gerade die jungen Menschen in den Elendsvierteln stehen in ständiger Gefahr, sich der allgegenwärtigen Drogenmafia anzuschließen, falls ihnen eine konkrete Aussicht auf eine bezahlte Arbeitsstelle verwehrt bleibt. Wir stellen immer wieder Parallelen fest, zwischen der Realität der Menschen in den Elendsvierteln und der Realität derjenigen Kinder, die wir vor Jahrzehnten auf der Straße kennengelernt haben. Es ist dieselbe Ausgrenzung, derselbe tägliche Überlebenskampf, dieselbe Perspektivenlosigkeit, mit dem
Unterschied, dass es sich in den Favelas um tausende von Familien handelt, die eingepfercht in menschenunwürdigen Barracken leben. Wie damals, als wir Strukturen aus dem Boden gestampft haben und ein sozialpädagogisches Konzept erarbeiteten, um in Fortaleza, und dann später in Recife und Manaus, den Straßenkindern konkrete Lebenshilfen anbieten zu können, so gewinnen unsere
Hilfsangebote in den Elendsvierteln immer klarere Umrisse. Dabei konzentrieren wir uns, diejenigen soziale Risikofaktoren anzugehen, die bei fortwährender Bestehung einen besonders negativen
Einfluss auf das körperliche, geistige und seelische Wohlbefinden der Kinder ausüben.
In Recife und Manaus werden wir weiterhin Strassenkinder aufnehmen, aber in Fortaleza haben wir einen anderen Weg eingeschlagen. Wir müssen dort hingehen, wo der Staat und auch die Zivilgesellschaft in Form von Nichtregierungsorganisationen nicht präsent sind. Der Kleine Nazareno muss sich jetzt neben den Strassenkindern in Recife und Manaus um diejenigen Kinder und
Jugendlichen kümmern, die aus ihrem gewohnten Umfeld vertrieben wurden, aufgrund von Gewalt und extremer Armut und denen nur noch die Option der Armensiedlung bleibt, einer Anhäufung von unbewohnbaren Baracken, die aus Pappe und Holz aus dem Boden gestampft wurden.
Die Kinder und Jugendlichen suchten aus sehr unterschiedlichen Gründen nach Wegen, der Situation in der eigenen Familie zu entfliehen. Es war, von einigen Ausnahmen abgesehen, keine Entscheidung gegen die eigene Familie, nur gegen die als unerträglich empfundenen Lebensumstände. „Ich ekelte
mich vor den Ratten, die aus ihren Löchern kriechten und durch mein Zimmer liefen.“ So war es bei Antony, einen Jungen, den wir später bei uns aufgenommen haben, die Anzahl der Ratten der
entscheidende Grund nach Unterkunftsalternativen zu suchen. In Fortaleza sind es heute ganze Familien, die aus unterschiedlichen Gründen gezwungen werden, solche drastischen Entscheidungen
für sich und ihre Kinder zu treffen. Sie stehen vor der Wahl: sie gehen in eine Armensiedlung, oder sie gehen zur Straße! Das sind die beiden Lebensalternativen, vor denen die Familien stehen. Grob
geschätzt: ein Drittel der Familien werden von der Drogenmafia vertrieben, ein Drittel können sie die Miete nicht mehr leisten und ein Drittel hat andere Gründe. Früher wie heute, obwohl natürlich in
vielen Aspekten völlig unterschiedlich, läuft es auf dasselbe hinaus: auf die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche in völlig menschenunwürdigen Lebensverhältnissen aufwachsen.
Anzahl der von uns heute direkt betreuten Kinder, Jugendliche und Familien:
Fortaleza
307 Jugendliche im Berufsausbildungszentrum, 8 Jugendliche im Nazareno-Dorf und 180 Jugendliche im Sportzentrum, 20 Mütter, die ihren Sohn oder Tochter durch Gewalt verloren haben, 20
schwangere Mädchen oder junge Mütter unter 18 Jahren und 350 Familien in den Armensiedlungen
Manaus
120 Jugendliche im Berufsausbildungszentrum und 12 aufgenommene Jugendliche, 20 Mütter, die
ihren Sohn oder Tochter durch Gewalt verloren haben, 20 schwangere Mädchen oder junge Mütter
unter 18 Jahren,
Recife
20 Kinder und Jugendliche im Nazareno-Dorf/Itamaracá.
Die Arbeiten mit den Müttern, die jemanden aus der eigenen Familie durch Mord/Totschlag verloren haben, oder auch Opfer von häuslicher Gewalt sind und die Arbeiten mit den minderjährigen
schwangeren Mädchen wird für 3 Jahre vom brasilianischen Mineralunternehmen Petrobrás in den folgenden Städten finanziert werden:
1.)Guamaré (RN)
2.) Areia Branca (RN)
3.) Belém (PA)
4. São Luíz (MA)
5. Oiapoque (AP)
6. Carauari (AM)
7. Coari (AM)
8. Manaus/AM
9. Maranguape/CE
10.Paracuru/CE
11. São Gonçalo do Amarante/CE
12 Fortaleza/CE.
Der Auslöser der Gründung des Kleinen Nazareno war die Not der Kinder und Jugendlichen, die auf der Strasse leben. Heute arbeiten wir mit Kindern und Jugendliche in verschiedenen straßenverbundenen Situationen und mit Kindern und Jugendlichen, die zusammen mit ihrer Familie aufgrund von Gewalt und extremer Armut vertrieben worden sind und in Armensiedlungen leben. Wir haben Vereinsnetzwerke in Fortaleza und auf nationaler Ebene gegründet, helfen bei der Entwicklung
von elementaren Gemeindestrukturen und setzen uns tagtäglich für die Verteidigung der Menschenrechte von Kindern und Jugendlichen auf der Strasse und in Armensiedlungen ein. Der
Kleine Nazareno wurde erst in Deutschland, dann in Brasilien und in der Schweiz gegründet. Interessanterweise ist von Beginn an auf dem Logo nicht allein der Name des Vereins sichtbar, aber auch seine Mission. Ich darf euch ohne jegliche Abstriche versichern, 31 Jahre nach dessen Gründung, dass der Kleine Nazareno in der Tat sich zu einem Verein für Gerechtigkeit und Menschenwürde entwickelt hat.