23/07/2026
Motorradfahren ist kein Computerspiel
In letzter Zeit beschleicht mich immer öfter das Gefühl, dass viele Motorradfahren mit einem Computerspiel verwechseln.
Motorradfahren macht Freude. Motorradfahren bedeutet Freiheit. Motorradfahren schafft unvergessliche Momente. Motorradfahren ist aber auch gefährlich. Natürlich überwiegen für die meisten von uns die schönen Seiten. Wer sich der Risiken bewusst ist und diese respektiert, kann auf zwei Rädern Stunden erleben, die unbezahlbar sind.
Und bevor jetzt jemand denkt, ich würde hier den Moralapostel spielen: Ich selbst bin alles andere als ein Musterfahrer. Ein etwas engeres Überholmanöver? Kommt vor. Ein Lichthupengruss vom Gegenverkehr? Kommt auch schon mal vor, und geniesse ich. Und die Geschwindigkeitslimiten auf der Landstrasse interpretiere ich manchmal eher als gut gemeinte Empfehlung denn als Gesetzestext.
Seien wir ehrlich: Einen gewissen Adrenalinkick brauchen wir wohl alle. Sonst würden wir an schönen Sonntagen vermutlich Golf spielen oder Bocciakugeln durch die Gegend werfen.
Doch wo liegen die Grenzen? Wo hört Mut auf und beginnt Leichtsinn? Wo bleibt der Respekt gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern?
Kürzlich wurde mitten in einer Menschenmenge von rund 300 Personen, die gerade ein Schiff verlassen hatte, ein Wheelie gestartet. Kurze Shorts, T-Shirt und hinten am Motorrad ein grosses «L». Der Verfasser dieser Zeilen stand mittendrin und traute seinen Augen kaum. An anderen Orten werden auf engen Stadtstrassen spontane Beschleunigungsrennen veranstaltet, als wäre man gerade auf der Startgeraden von MotoGP.
Instagram, Facebook und vor allem TikTok sind voll von Videos, die bei mir nur noch Kopfschütteln auslösen. Kurven werden nicht mehr gefahren, sondern angegriffen. Viele Knieschleifer scheinen den Abstand zur Mittellinie als freiwillige Option zu betrachten.
Das Problem: Diese sogenannten Mutproben sind für alle sichtbar. Auch für Fahranfänger mit Lernfahrausweis. Die Videos zeigen spektakuläre Szenen, blenden aber eine wichtige Information konsequent aus: Bitte zuerst das Hirn einschalten.
Kein Wunder liest man in unserer Region gefühlt jeden zweiten Tag von schwer verunfallten Motorradfahrern. Was man hingegen nie auf Social Media sieht, sind die Folgen. Die Intensivstation. Die Operationen. Die Schmerzen. Die Verzweiflung der Angehörigen. Die Narben, die bleiben, wenn der Asphalt stärker war als das Ego.
Viele scheinen zu glauben, dass nach einem Sturz einfach «Game Over» erscheint und man mit einem Knopfdruck einen Neustart ins nächste Level machen kann. Leider funktioniert das echte Leben nicht wie die Playstation.
Darum: Ride safe. Achtet auf genügend Abstand zum Boden, aber vor allem auf genügend Abstand zur eigenen Dummheit. Das Hirn ist schliesslich nicht nur zum Helmtragen da.
In diesem Sinne: Schräg fahren ist schön. Noch schöner ist es, nach der Tour gesund wieder nach Hause zu kommen.
________________________________________
Schräg, schräger, flach? Lieber: Schräg, sicher, zuhause. 😉🏍️💨