24/02/2025
Leider haben wir diesen wichtigen Artikel von Jakob Kronenwetter erst jetzt entdeckt. Wichtig bleibt er auch nach den deutschen Parlamentswahlen, denn Politik wird das ganze Jahr über getätigt und betrifft Minderheiten öfters und stärker als die Gesamtgesellschaft.
Er kann es einfach nicht begreifen
Als Jenischer weiß Jakob Kronenwetter genau, was Ausgrenzung bedeutet. Der 77-Jährige warnt vor einem Rechtsruck. Die starken Ergebnisse der AfD in seinem Heimatort stellen ihn vor ein Rätsel.
Haller Tagblatt14 Feb 2025 Von Clara Heuermann
Foto: Clara Heuermann
„In die linke Ecke will ich nicht gestellt werden“, sagt Jakob Kronenwetter. Schließlich sei er ja seit jeher CDU-Wähler.
Dass die kulturelle Vielfalt Deutschlands nicht erst mit dem Begriff des „Multikulti“ihren Anfang nahm, dafür bilden die Jenischen im Fichtenauer Ortsteil Unterdeufstetten ein lebendiges Beispiel. Doch den jenischen Buchautor Jakob Kronenwetter stellt die Nähe seines Dorfes zur AfD vor Rätsel. „Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen“, liest Jakob Kronenwetter vor – ein Zitat von Joseph Goebbels, dem Propagandaminister unter Hi**er.
Seine Finger, mit denen er das Handy hält, zittern, und in seiner Stimme bebt die Wut. Der 77-Jährige sieht mitgenommen aus – „Geschichte wiederholt sich, leider“, sagt er. Bis ins 17. Jahrhundert hat der Autor mehrerer Bücher die Wurzeln seiner jenischen Familie zurückverfolgt, sich dabei in den letzten Jahrzehnten ein eigenes, privates Archiv angelegt.
So viel wie kaum ein anderer weiß Kronenwetter über die jahrhundertelange Verfolgung dieser Volksgruppe, aber warum ausgerechnet in seinem jenisch-geprägten Heimatort Unterdeufstetten mehr als 37 Prozent der Bewohner bei der Europawahl 2024 für die AfD stimmten, kann er einfach nicht begreifen.
Wenn Skepsis zu Hass wird
Weil er vor diesem Rechtsruck warnen will, wandte Kronenwetter sich an unsere Zeitung und schrieb einen Leserbrief. Schließlich wisse er als Jenischer ganz genau, was passiert, wenn Skepsis zu Hass und Ausgrenzung zu Auslöschung wird. Kronenwetter lädt ein zu sich nach Hause, in ein weiß-getünchtes Landhaus am Ortsrand Unterdeufstettens. Fast ein wenig zu bürgerlich wirkt es für den Nachkommen eines Volkes fahrender Händler.
Und dann, sich eine Zigarette nach der anderen anzündend, beginnt er, zu erzählen. Wie die Jenischen tatsächlich entstanden sind, wie lange es sie schon gibt, von wo sie ursprünglich stammen, so genau weiß das niemand mehr. Fest steht, dass sie jahrhundertelang mit Handkarren oder Planwagen umherzogen, als Messerschärfer arbeitend oder selbst hergestellte Waren anbietend, auf der hohenlohischen Muswiese ebenso wie in Ostpreußen und Südtirol.
Ein langes Händlerleben
Es war das grenzüberschreitende Leben eines freiheitsliebenden Volkes: „Sie wollen unabhängig sein, die Jenischen, keinen Chef vor sich haben – jedenfalls war das früher so“, erzählt Kronenwetter. Als „Beton-Jenische“verbringen die meisten der etwa 250.000 in Deutschland wohnenden Jenischen den Großteil ihres Lebens mittlerweile an einem festen Wohnsitz, so wie Kronenwetter selbst.
Und trotzdem – Grenzen überschreiten jene unter ihnen, die dem fahrenden Handel treu ge
blieben sind, nach wie vor. Kulturelle, aber auch ideologische. „Man hat Menschen kennengelernt, Mentalitäten“, erklärt Kronenwetter, als er zurückblickt auf sein eigenes langes Händlerleben.
Jahrhundertelange Ausgrenzung
Vielleicht war es ebenjene Grenzenlosigkeit, der Einfluss verschiedenster mitteleuropäischer Kulturen auf das eigene Leben, deretwegen die Jenischen seit jeher auf Ablehnung unter der sesshaften Bevölkerung stießen. Als „Zigeuner“galten sie, nicht fähig zur Anpassung, und erlebten jahrhundertelange Ausgrenzung durch die bäuerliche Mehrheitsgesellschaft.
In diesem Graubereich zwischen Zusammenarbeit mit den „Gadschos“, den Nicht-Jenischen, und dem gesellschaftlichen Rand, den diese Volksgruppe besiedelte, entwickelte sich die jenische Sprache: Aus Mädchen wird „Tschei“und aus Apfel „Bommerling“. Jahrhundertelang hielten ihre Sprecher sie aber im Verborgenen. „Je besser man über uns und unsere Kultur Bescheid weiß, umso besser kann man sie gegen uns verwenden“, sagte etwa der österreichisch-jenische Schriftsteller Romed Mungenast (1953– 2006).
Gespräche der Kriegsgeneration
Die Angst war nicht grundlos. Wie viele von den Jenischen während der NS-Zeit in Sachsenhausen, Dachau oder Auschwitz umgebracht worden waren, dazu gibt es keine offiziellen Zahlen. „Sie sind als Asoziale eingeliefert worden“, erklärt Kronenwetter, oder als „Zigeuner-Mischlinge“. Viele wurden sterilisiert, andere in die Konzentrationslager verschleppt und ermordet.
Kronenwetter erinnert sich zurück an die Gespräche der Kriegsgeneration in seiner Jugend. Über Bomben hatten sie geredet und über den Hunger, über die ermordeten jenischen Nachbarn niemals. Doch später, es war vielleicht 1990, nannte ihm ein Bekannter Namen: die Namen von fünf Einwohnern Unterdeufstettens, die damals mitgenommen wurden und niemals zurückkehrten. Kronenwetter begann nachzuforschen, traf dabei auf die Namen dreier weiterer Opfer aus Unterdeufstetten. Das Ergebnis seiner Recherche: sechs der Einwohner im KZ ermordet, einer verschollen, einer von der SS erhängt.
Gegenwind beim Gedenkstein
Kronenwetter wollte es nicht dabei belassen, auf seine Initiative wurde 2014 ein Gedenkstein auf dem örtlichen Friedhof installiert, den er im Jahr 2019 um eine Tafel mit den Namen der Opfer ergänzte. Von einigen Lokalpolitikern schlug ihm Gegenwind entgegen – warum? Das wisse er immer noch nicht. 70 bis 80 Prozent der Einwohner Unterdeufstettens, schätzt Kronenwetter, seien jenischen Ursprungs, Beton-Jenische gleichwohl.
Nur ein sehr kleiner Teil der deutschen Jenischen leben noch nomadisch. Ihre Anerkennung als nationale Minderheit, der fahrenden wie der sesshaften, ist bisher noch eine offene Forderung des Zentralrats der Jenischen. Sie erhoffen sich davon mehr Aufmerksamkeit, eine stärkere Eingliederung in die Gesellschaft und leichteren Erhalt ihrer ureigenen Kultur. „Für die Politik sind wir nicht-existent als Volk. Es ist eine Form von Ablehnung, Ausrottung – unsere Zukunft steht auf dem Spiel“, erklärt Renaldo Schwarzenberger, Vorsitzender des Zentralrates der Jenischen in Deutschland, seine Sichtweise im Gespräch mit unserer Zeitung.
Angst vor der Zukunft
Vielleicht spielt das Gefühl des Nichtgesehenwerdens mit, geht es um die Nähe vieler Unterdeufstettener zur AfD. Aber eine letztendliche Antwort darauf, warum die Zahlen für eine rechtsextreme Partei ausgerechnet hier so hoch sind, in einem Dorf, das untrennbar verbunden ist mit dem von Grenzenlosigkeit und Nazi-Verfolgung geprägten Erbe der Jenischen, findet Kronenwetter in keiner seiner alten Akten.
„In die linke Ecke will ich nicht gestellt werden“, betont er, schließlich sei er ja seit jeher CDU-Wähler. Aber wie sich die AfD seit ihrer Gründung entwickelt hätte – er habe Angst vor der politischen Zukunft, sagt Kronenwetter, streiten wolle er sich mit AfD-Wählern trotzdem nicht.
Er erinnert sich an ein Zitat von Friedrich Schiller, auf das er im Zuge seiner Ahnenforschung gestoßen ist: „Siehe, wir hassen, wir streiten, uns trennen Neigung und Meinung. Aber indes ergraut sich dir die Locke wie mir.“Ob der Text nicht mit diesem Zitat enden könne, fragt Jakob Kronenwetter.
Article Name:Er kann es einfach nicht begreifen
Publication:Haller Tagblatt
Author:Von Clara Heuermann
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