Mein geliebter mittlerweile zweiundzwanzigjähriger Mitsubishibus L 300 begleitete mich bis dahin täglich auf meinen Tierschutz-Einsätzen. Nie hat er gemurrt oder mich im Stich gelassen. Alles hat er mitgemacht, auch wenn ich zeitweise fast Unmögliches verlangt habe. Ich war am Boden zerstört. Wegen dem vielen Rost hatte der gute Bus keine Chance mehr durch die Prüfung zu kommen und eine Reparatur
war viel zu teuer. Verschrotten kam unmöglich in Frage! In dieser Zeit wanderte ein langjähriger Bekannter, nach Rumänien aus und dann kam mir die Idee, die mich nicht mehr losliess: Ich erkundigte mich, ob mein Bus in Rumänien noch willkommen sei. «Natürlich, bring ihn vorbei nach Baia Mare!», war der Kommentar, «hier fährt er noch lange und kann weiterhin noch den Tieren dienen». Ein riesiger Stein fiel mir vom Herzen...
Nach arbeitsintensiven Abklärungen und Formularkriegen für den Export eines Fahrzeuges und diversem Material für Tierheime, waren wir bereit für dieses Abenteuer. Marianne, eine lebendige, aufgeschlossene Rentnerin, ich, auch nicht mehr im Teenageralter, und mein Bus, vollgepackt mit Tierfutter und Zubehör, waren reisefertig. Wir hatten nur eine Adresse in einem uns völlig unbekannten Land im Gepäck und jetzt kamen die grössten Zweifel und Ängste zum Vorschein. «Sind wir noch ganz bei Trost?», fragte ich Marianne. Zwei Frauen, ohne Erfahrung mit Ostblockländern! Kopfschütteln, Unverständnis und Erstaunen waren die Reaktionen unserer Bekannten. Ihre Kommentare reichten von «Mafialand!» bis zu «Verbrechertum und Korruption». Das alles würde uns dort erwarten, hiess es! Niemand schien unsere Idee wirklich gut zu finden. Dann kam noch hinzu, dass ich Marianne eigentlich gar nicht kannte. Sie war eine Bekanntschaft meines verstorbenen Schwiegervaters und ich hatte sie nur zweimal zu einem gemeinsamen Essen getroffen. Die Sympathie war damals sofort da, aber würde sie auch noch anhalten, wenn wir auf dieser Reise nonstop zusammen waren? Am 29. Juli galt es dann ernst. Ich lud Marianne in Buchs auf. Zuerst ging es zu einer Exportfirma, die uns alle nötigen Formulare bereit gemacht hatte und auch noch Tipps für die Reise mitgab. In Feldkirch luden wir den Bus auf den Autozug und bezogen das Nachtquartier im Zug. Mit einem Glas Champagner stiessen wir auf unsere bevorstehende Reise an und wünschten uns «gute Nerven, Gelassenheit und vor allem Durchhaltewillen.»
Am nächsten Morgen, in Wien angekommen, machten wir uns auf den Weg. Über Budapest, gegen Norden, auf die Ukraine zu und kurz vor der Grenze dann Richtung Nordrumänien. Unser Bus fuhr und fuhr ohne Komplikationen, hatte ich doch ehrlich gesagt etwas anderes von ihm erwartet! Die Autobahn war völlig neu, und wir begegneten kaum je einem anderen Fahrzeug. Die Vermutung lag nahe, dass sich in diese Gegend wohl kaum jemand verirrte. Auch der Grenzübertritt in Rumänien war problemlos und nach weiteren drei Stunden erreichten wir das ominöse Baia Mare. Zuerst mussten diverse Formalitäten erledigt werden. Import des Autos und des Futters, stundenlanges Warten bei 37 Grad in der Sonne, intensives Kontrollieren des Busses: «Ist der nun geklaut oder nicht?» Das Begleichen gewisser nicht nachvollziehbarer Taxen, den immensen Formularkrieg - und das alles auch noch auf Rumänisch - überstanden wir ohne bleibende Schäden. Jetzt endlich konnten wir in einem der sogenannten «Hunde-Shelter» das dringend benötigte Futter, die Hundeboxen, Katzenfallen und Medikamente abliefern. Die Freude war bei Mensch und Tier gross, und spätestens jetzt waren wir davon überzeugt, dass unsere Reise einen Sinn hatte. Wir besuchten zwei Shelter mit je mehreren hundert Hunden. Ein dritter Shelter stand zwar auch noch auf dem Programm, aber als unsere Begleiterinnen sahen, wie wir mit der Verarbeitung des Gesehenen kämpften, fanden sie, dass es nun doch genug war und dass wir beim letzten Besuch sowieso nur noch in Ohnmacht fallen würden... Es hat uns emotional wirklich sehr mitgenommen. Monika und die anderen Frauen, die diese Tiere betreuen, geben einfach alles und sie haben selbst fast nichts. Ihre ganze Liebe und Energie ist spürbar und ihre eigene Gesundheit bleibt zum Teil auf der Strecke. Ihr Engagement ist enorm, Arbeit gibt’s rund um die Uhr, aber die Zukunft der Tiere bleibt ungewiss. Die Hunde sind trotz ihres harten Schicksals freundlich und aufgestellt. Aggressivität ist praktisch nicht vorhanden. Das zeugt deutlich von ihrer liebevollen Behandlung durch diese selbstlosen Frauen. Ich möchte hier auch meine Eindrücke von dieser Region weitergeben. Rumänien ist anders. Die Vorurteile, dass alle Rumänen und Rumäninnen Mafiosi, Verbrecher und Tierquäler seien und alle Roma schlecht, sind einfach falsch. Es gab vor einiger Zeit eine Aktion auf einem Radiosender bei uns, dort wurde für Rumänien gesammelt, und zwar für WC-Papier und Ähnliches. Das war einfach haarsträubend. Es machte den Eindruck, dass die Rumänen allesamt primitiv leben und nicht einmal die grundlegendsten Dinge hätten. Das Land braucht Hilfe, in ganz unterschiedlicher Form, aber auch menschliche Anteilnahme. Vorschriften und Ermahnungen von Aussenstehenden, die oft keine Ahnung haben, sind nicht der richtige Weg, sondern die Unterstützung bei der wertvollen tierschützerischen Arbeit von all diesen sich aufopfernden Menschen. Schliesslich gibt es überall Negatives, auch bei uns. Die Region Maramures in Nordrumänien ist wunderschön. Viele Wälder, liebliche Hügel, unberührte Natur, wundervolle Dörfer mit Menschen, die gastfreundlich und hilfsbereit sind. Touristisch ist das Land noch in den Anfängen und gerade deshalb eine Reise wert. Streunerhunde sieht man in der Stadt nicht mehr massenhaft und die Einwohner nehmen in der Regel auch Rücksicht. Die Hunde werden nicht einfach nur rücksichtslos überfahren und getötet, wie es manchmal in den Medien dargestellt wird. Von diesen schrecklichen Meldungen gibt es genügend Material im Netz. Tierquälerei, Hundemorde und Missstände bei der Tierhaltung gibt es, das ist unbestritten, aber wollen wir wirklich immer nur das sehen? Ich möchte einmal all das Positive zeigen. Viele rumänische Leute nehmen Streunertiere bei sich auf, manchmal sogar mehrere, aber sie haben einfach nicht die finanziellen Mittel, diese Tiere zu kastrieren und medizinisch zu versorgen. Die Betreuerinnen der Shelter lassen die Hunde kastrieren und medizinisch versorgen, so gut sie können, aber es gibt einfach zu viele Tiere, die dorthin kommen. Ebenfalls sind viele Menschen nicht genügend über artgerechte Tierhaltung informiert. Hier sollte man vor allem bei den Kindern anfangen und über Aufklärungsarbeit in den Schulen das Verständnis für die Tiere weitergeben. Laut Dr. Barna Korponay, einem einheimischen Tierarzt, der einen vernünftigen Tierschutz betreibt, sind Kastrationen, Chipregistrierungen und Parasitenbehandlungen bei den Hunden und Katzen in Rumänien sehr kostengünstig realisierbar. Er setzt sich auch für eine humane Euthanasierung von kranken Tieren ein, denn auch das ist Tierschutz. Aber für das alles benötigt man leider auch Geld. Es ist unbestritten, dass Rumänien unbedingt Hilfe bei der Bewältigung der Tierschutzprobleme braucht und wir möchten einen Beitrag leisten. Die Hunde in den Shelter brauchen bessere Unterkünfte und medizinische Betreuung, und sie sollten eine lebenswerte Zukunft haben. Nordrumänien hat mich gepackt und lässt mich nicht mehr los. Meine vierrädrige grosse Liebe habe ich dort zurückgelassen und ich werde wieder zu ihr zurückkehren. Nach zehn Tagen Aufenthalt sind Marianne und ich in Cluj ins Flugzeug gestiegen und nach Hause geflogen. Im Gepäck hatten wir viele schöne und berührende Eindrücke, aber auch eine gewisse Ohnmacht gegenüber all diesem Tierelend. Wir hatten gute Gespräche mit den Helfern und Helferinnen und sind voller Ideen, wie wir etwas beisteuern könnten. Wir möchten die Einwohner und die Tiere finanziell unterstützen, damit weiterhin Kastrationen und medizinische Behandlungen möglich sind. Ich muss leider immer wieder folgendes hören: «Was willst du dich dort engagieren, das ganze Tierelend kannst du in dem kleinen Rahmen nicht in den Griff bekommen. Das bringt doch alles nichts!» Meine Antwort darauf ist, dass wenn wir nur ein paar Hunde kastrieren können, dann ist das immer noch mehr als gar keinem Hund zu helfen. Jedes kastrierte Tier bringt uns dem Ziel etwas näher, dem Tierelend ein Ende zu machen. Die Augen zu verschliessen ist das Einfachste, aber Engagement und Herzblut sind das Beste für die Seele! In Rumänien wird schon viel gemacht und der Tierschutz ist auf gutem Weg, aber es braucht noch sehr, sehr viel Unterstützung! Unsere Herzen sind in Baia Mare geblieben, so wie mein Tierschutzbus und es hat uns gepackt. Marianne und ich müssen hier und jetzt auch einen kleinen Beitrag leisten. Das Hundeelend ist für uns nun nicht mehr anonym, es hat jetzt ein Gesicht.