03/06/2026
Frieden als Verantwortung
(Rede von Fawzia Al-Rawi,
PeaceWave Festival, mit Isabella Haschke Wien, am 6.4.26)
ORF Lebenskunst Sendung zum Nachhören (ab Minute 44):
https://religion.orf.at/radio/stories/3235008/
Frieden ist kein lauter Zustand.
Er kommt leise,
wie ein Atemzug, den man lange angehalten hat
und plötzlich loslässt.
Er beginnt nicht zwischen Nationen,
sondern zwischen zwei Blicken,
die sich nicht mehr fürchten.
Frieden ist,
wenn das Herz aufhört zu kämpfen,
und anfängt zu verstehen.
Und vielleicht ist er genau das:
kein Ziel am Horizont,
sondern ein Moment,
in dem wir endlich Mensch sind.
Frieden braucht drei Dinge:
MUT. GERECHTIGKEIT. HERZ.
Mut bedeutet:
Konflikte nicht zu vermeiden, sondern sie richtig zu führen.
Nicht durch Schreien.
Nicht durch Machtspiele.
Sondern durch Gespräch.
Gerechtigkeit bedeutet:
Dass Frieden nicht nur ein schönes Wort bleibt, sondern im Alltag spürbar wird.
In Schulen, wo Kinder lernen, dass Unterschiede kein Problem sind, sondern ein Reichtum.
Auf Straßen, wo niemand Angst haben muss, wegen Aussehen oder Herkunft.
In Politik, die nicht nur Zahlen sieht, sondern Menschen.
Und Herz bedeutet:
Dass wir aufhören, die Welt in „wir“ und „die anderen“ zu teilen.
Weil das ist der Moment, in dem Frieden stirbt.
Der Islam erinnert uns:
Wir sind eine Menschheit.
Nicht perfekt.
Aber verbunden.
Und selbst dort, wo der Islam über Krieg spricht, setzt er Grenzen, die viele heute ignorieren:
Krieg ist nur zur Verteidigung erlaubt.
Nicht aus Rache.
Nicht aus Macht.
Nicht aus Profit.
Und sobald der Gegner aufhört, muss auch der Krieg enden.
Das zeigt etwas Entscheidendes:
Krieg ist im Islam kein Ideal. Er ist ein Notfall.
Frieden ist der Normalzustand.
Höre bitte:
Frieden beginnt nicht bei Regierungen.
Nicht bei Konferenzen.
Nicht bei großen Reden.
Er beginnt im Supermarkt.
In der Straßenbahn.
Im Gespräch mit deinem Nachbarn.
In der Art, wie wir mit Schwächeren umgehen.
Das ist nicht zu klein gedacht, dann beginnen wir zu verstehen, wie Gesellschaften funktionieren.
Gesellschaft ist nichts anderes als die Summe unseres Verhaltens.
Kurz gesagt:
Weniger festhalten. Mehr loslassen.
Mehr zuhören. Weniger urteilen.
Dankbarkeit statt ständiger Unzufriedenheit.
Bewusstsein im Alltag, selbst für wenige Momente.
Und manchmal einfach: innehalten.
Atmen.
Und sich erinnern:
Du bist gerade am Leben.
Frieden ist kein Konzept.
Er ist ein Zustand, den wir täglich entscheiden.
Oder eben nicht.
Ein anderes Miteinander ist möglich.
Nicht perfekt.
Aber echter.
Nicht laut.
Aber tragend.
Nicht nur ein Wort.
Sondern ein Puls, der durch unsere Gesellschaft geht.
Danke.