06/09/2026
Lehrer sind keine Manager
Von Carmen Treml
Das neue Schuljahr steht vor der Tür und bringt einige Änderungen mit sich. Mit dem Chancenbonus tritt im neuen Schuljahr ein Instrument in Kraft, das überraschenderweise in die richtige Richtung geht. Mit der Einführung des „Mittleren Managements“ legt das Bildungsministerium aber eine Themenverfehlung hin. Mehr Autonomie für die Schulen ist zu begrüßen – wenn man Lehrer aber als Amateurmanager von ihrem eigentlichen Job abzieht, wird sich am Ende wohl kaum etwas zum Besseren wenden.
Doch der Reihe nach – positivity first.
Offensichtlich hat auch die Regierung endlich erkannt, dass die Schulleiter selbst am besten wissen, was ihre Schulen brauchen. Ab dem kommenden Schuljahr bekommen Standorte deutlich mehr Autonomie, etwa beim Personaleinsatz und bei der Deutschförderung. Durch den Chancenbonus erhalten zudem 400 Schulen mit besonderen Herausforderungen zusätzliche Geldmittel zur freien Verfügung. Über den konkreten Einsatz der Mittel können die Standorte ebenfalls weitgehend frei entscheiden.
Gleichzeitig sollen Schuldaten transparenter werden: Absolute Leistungswerte bleiben zwar unter Verschluss, doch eine Plattform des Bildungsministeriums soll Schulen künftig untereinander vergleichbar machen. Das ist grundsätzlich sinnvoll. Daten sind – sofern sie ausgewertet werden und Konsequenzen folgen – der Schlüssel zu erfolgreicher Weiterentwicklung. Wer Schulen mehr Freiheit gibt, muss auch bei der Evaluierung konsequenter werden: Mehr Autonomie bedeutet immer auch mehr Verantwortung.
Eine Frage, die aber weiterhin unkommentiert und unbeantwortet bleibt, ist: Warum werden Lehrer nicht regelmäßig evaluiert? Warum gibt es keine systematische Überprüfung notwendiger Fortbildungen? Mehr Autonomie für die Schulen kann nicht funktionieren, wenn eine einmal abgeschlossene Ausbildung für die nächsten 40 Berufsjahre reicht. Gerade weil Lehrer eine der wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft übernehmen, sollten regelmäßiges Feedback, Evaluierung und Weiterbildung selbstverständlich sein – notfalls auch verpflichtend in den Sommerferien. Zusätzlich müssen Konsequenzen gezogen werden, wenn die Evaluierungen offenlegen, dass einzelne Lehrkräfte ihrer Aufgabe unzureichend nachkommen. Hintergrund ist ja nicht Kontrolle um der Kontrolle und Strafe willen. Das Ziel sind bessere Schulen, bessere Lehrer und bessere Bildung für unsere Kinder.
Und zu genau diesem Ziel trägt die geplante Einführung eines „mittleren Managements“ nichts bei. Die im März 2026 beschlossene Dienstrechtsnovelle sieht vor: Ab 2026/27 erhalten Pflichtschulen je nach Größe bis zu 15 zusätzliche Wochenstunden, verteilt auf bis zu vier Lehrkräfte, die administrative, koordinative und pädagogische Aufgaben übernehmen und die Schulleitung entlasten sollen. Direktoren sollen so mehr Zeit für ihre zentrale Aufgabe bekommen – pädagogische und strategische Führung –, während das Kollegium durch intensivere Begleitung und bessere Koordination gestärkt wird. Rund 20 Millionen Euro stehen dafür jährlich bereit, Auswahl und Aufgabenverteilung obliegen der Direktion.
Schön und gut. Der Ansatz klingt zunächst vernünftig: Schulleiter ersticken vielerorts in Verwaltungsarbeit, während die eigentliche Führungsaufgabe zu kurz kommt, und viele Standorte brauchen tatsächlich zusätzliches Verwaltungspersonal. Doch warum sollen ausgerechnet Lehrkräfte diese Lücke füllen? Für Unterricht braucht es andere Fähigkeiten als für Personalführung, Budgetplanung oder Prozesskoordination. Wer eine Klasse erfolgreich führt, ist deshalb noch lange kein Organisationsentwickler – und umgekehrt. Weder sind Lehrer dafür ausgebildet, noch entspricht es ihrem Berufsprofil.
Bedenklich ist auch die Erzählung, mit der die Reform verkauft wird. Der „Aufstieg ins mittlere Management“ soll überlasteten Lehrern eine neue Karriereperspektive bieten. Bei genauerem Hinsehen ist das eine fragwürdige Logik – wer im Unterricht besonders gut ist, wird dafür belohnt, dass er künftig weniger davon macht? Guter Unterricht gilt damit implizit als Sprungbrett, nicht als Ziel an sich – ein fatales Signal an einen Berufsstand, dessen Kernkompetenz anspruchsvoller ist als so manche Managementaufgabe, die man ihm nun zusätzlich aufbürdet.
Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem: Eine Schule lässt sich nicht wie ein Unternehmen führen. Sie hat keine Kunden im klassischen Sinn, keine Gewinnmarge, keine einfachen Kennzahlen. Standardisierte Managementlogik greift deutlich zu kurz – die Herausforderungen jeder Schule sind zu unterschiedlich, um sie nach „Schema F“ zu lösen. Dass die 20 Millionen Euro tatsächlich zu weniger Verwaltungslast oder besseren Lernergebnissen führen, steht deshalb auf wackeligen Beinen. Wahrscheinlicher ist, dass am Ende nur neue Titel und Wochenstunden verteilt werden, ohne dass sich am eigentlichen Problem etwas ändert.
Das ist umso ärgerlicher, weil die Regierung an anderer Stelle gerade beweist, dass sie es besser kann. Wer Schulen echte Autonomie zutraut und Transparenz einfordert, sollte auch den Mut haben, das eigentliche Problem beim Namen zu nennen: Viele Schulen brauchen heute schlicht eine veränderte Personalstruktur – keine Lehrer mit Zusatztitel und ein paar Wochenstunden weniger im Klassenzimmer. Das verwaltet das Problem, anstatt es zu lösen. Und das kann sich ein Bildungssystem, in dem jede Minute Unterricht möglichst effizient genutzt werden muss, nicht leisten.
(Erstmals erschienen am 2. September 2026 in "Selektiv")