25/04/2026
Aufruhr wegen des Pfingsttreffens der Sudetendeutschen in Brünn
Verbale Attacken und Rangeleien gegen Unterstützer der Aktion im Stadtrat. Ex-Präsident Zeman und die in Prag mitregierende Rechtsaußenpartei SPD nennen das geplante Treffen in Tschechien eine „Schande“.
Von Hans-Jörg Schmidt
Prag. 81 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs elektrisiert dieses Thema derzeit Teile der tschechischen politischen Szene wie schon lange nicht mehr. Der Grund: Erstmals wird die Sudetendeutsche Landsmannschaft ihr traditionelles Pfingsttreffen nicht in Bayern, sondern in Tschechien, konkret im mährischen Brno (Brünn), abhalten. Eingeladen wurden die nach dem Krieg aus ihrer Heimat Vertriebenen von Vertretern der tschechischen Zivilgesellschaft, konkret von „Meeting Brno“, und aufgrund eines Appells bedeutender Persönlichkeiten um den Brünner Ehrenbürger, einstigen Dissidenten, Dramatiker und späteren Minister Milan Uhde.
Der Sudetendeutsche Tag 2026 ist in das jährliche Brünner Gedenken an die Opfer des Todesmarsches der Brünner Deutschen eingebettet. Dieser Todesmarsch vom 31. Mai 1945 steht exemplarisch für die sogenannte "wilde" Vertreibung, die viele Sudetendeutsche nicht nur die Heimat, sondern auch das Leben kostete. „Meeting Brno“ organisiert alljährlich in Erinnerung daran einen Versöhnungsmarsch. Ein weiterer Meilenstein in der Auseinandersetzung mit der Geschichte war das Jahr 2015, als die Stadt Brünn zum 70. Jahrestag des Todesmarsches ein „Jahr der Versöhnung“ ausrief und der Stadtrat eine historische Entschuldigung für die Vertreibung der Deutschen aussprach. Seinerzeit, vor zehn Jahren, ging das an der tschechischen Öffentlichkeit mehr oder weniger vorbei. Umso heftiger fallen manche Reaktionen auf das jetzt anstehende Pfingsttreffen aus.
Der Brünner Stadtrat erlebte dieser Tage eine Sitzung, die von Beobachtern als „einfach nur schrecklich“ beschrieben wurde. Vereinzelt sei es zu Rangeleien durch Gegner des Vorhabens gekommen. Die Veranstaltung stand vorsorglich unter Schutz der Polizei. Ein Radio-Reporter berichtete: „Die Leute keiften sich vulgär an. Besonders die Anti-Demonstranten beschimpften die Unterstützer des Pfingsttreffens als Verräter, Dummköpfe und Faschisten. Den Politikern drohten sie allen Ernstes mit einem Fenstersturz. Es war sehr aggressiv und äußerst unangenehm. Einige Politiker, mit denen ich später sprach, sagten, sie säßen schon seit drei Legislaturperioden im Stadtrat und hätten so etwas noch nie erlebt. Im Grunde war es keine Diskussion, sondern einfach nur der Auftritt einer wütenden Menge.“
Nur schwer zu Wort kam der eingangs schon erwähnte, ehrwürdige, fast 90-jährige Dramatiker Milan Uhde. Er erinnerte daran, dass er während der NS-Herrschaft die Hälfte seiner Familie verloren hatte. Trotzdem sei er davon überzeugt, dass es notwendig ist, nach Verständigung und Freundschaft zu suchen, so Uhde. „Ich bin davon überzeugt, dass das Übel, das in Mitteleuropa, der Tschechischen Republik und in unserem Leben grassierte, nicht erblich ist.“
Die Brünner Oberbürgermeisterin Markéta Vaňková stellte sich ebenfalls hinter den Sudetendeutschen Tag in ihrer Stadt: „Es ist unsere Aufgabe, in die Zukunft zu blicken und uns zu bemühen, eine gemeinsame Sprache zu finden. Die europäischen Völker sollten in diesem Moment zusammenhalten. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Festival Meeting Brno mit dem Sudetendeutschen Tag darauf abzielt.“
Am lautesten protestierten in der Stadtratssitzung Vertreter der in Prag mitregierenden rechtsextremen Bewegung „Freiheit und direkte Demokratie“ (SPD) von Parlamentspräsident Tomio Okamura. Erfolg hatten sie damit nicht. Die SPD hat nun für diesen Dienstag in Brünn zu einer großen Protestveranstaltung aufgerufen. Bemerkenswert ist, dass die SPD gemeinhin eng mit der AfD zusammenarbeitet. Dabei stört offenkundig nicht, dass die AfD für die Aufhebung der Dekrete von Ex-Präsident Edvard Beneš eintritt, die die Grundlage für die kollektive Entrechtung und Vertreibung der Sudetendeutschen gebildet hatten.
Wie die SPD nannte dieser Tage auch Ex-Präsident Miloš Zeman das Pfingsttreffen eine „Schande“ und eine „Beleidigung der tschechischen NS-Opfer“. Das Treffen könne „eine Welle von sudetendeutschen Eigentumsansprüchen und sogar eine Rückkehrwelle der Sudetendeutschen“ auslösen. Er sehe darin eine „reale Bedrohung“ für sein Land.
Der Sprecher der Sudetendeutschen, Bernd Posselt, nimmt die Kritik gelassen. Er nannte den Sudetendeutschen Tag gegenüber der Sächsischen Zeitung „schon jetzt einen Erfolg, denn er hat in der Tschechischen Republik und darüber hinaus eine breite Diskussion ausgelöst. Dass Kommunisten und Nationalisten protestieren würden, war natürlich zu erwarten und gehört selbstverständlich auch zu einer Demokratie.”
© Hans-Jörg Schmidt für SZ Dresden