25/05/2026
Lehrstunde in Architektur
Fast alle Coaches der Baurettungsgasse, insgesamt 26 Personen, genossen eine zweistündige Führung durch die Villa Beer, geplant von Josef Frank „Ein gut angelegtes Haus gleicht jenen schönen, alten Städten, in denen sich selbst der Fremde sofort auskennt und, ohne danach zu fragen, Rathaus und Marktplatz findet.“ und Oskar Wlach 1929 für die jüdische Familie Margarete und Julius Beer.
Dieses Schlüsselwerk der österreichischen Moderne wurde nach vielen Jahren des Leerstands nun denkmalgerecht saniert, was umso bemerkenswerter ist, als es sich um eine private Initiative handelt, um das Gebäude der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Der sehr gute Zustand von Gebäude und Inventar bis hin zu den originalen Einbaukästen deutet auf die Qualität hin, die die Architekten hier umsetzen durften und konnten.
Natürlich entspricht dieses luxuriöse Einfamilienhaus mit etwa 800m² Nutzfläche nicht dem Standard damaligen Wohnens, dessen Verbesserung und Modernisierung sich Frank als Gründungsmitglied des Wiener Werkbunds gleichzeitig verschrieben hat. Seine soziale Ausrichtung wird am deutlichsten in der optisch gleichwertigen Gestaltung von Haupt- und Dienstboteneingang.
Das Haus entspricht auch nach der liebevollen Sanierung der letzten 5 Jahre nicht den Komfort- und Umweltanforderungen, die heutige Architektur erfüllen muss. Einfachverglasung mit Stahlrahmen ohne Dichtung, keine Wärmedämmung, dafür mehrere offene Kamine entsprechen natürlich nicht heutigen Ansprüchen. Aber eine Wärmepumpe mit Tiefensonden sorgt für Beheizbarkeit über die sanierten alten Gliederheizkörper, Kühlgeräte und geplante Markisen für hoffentlich erträgliche Raumtemperaturen im Sommer. Aber darum geht es hier eher nicht.
Man kann sich dank der feinfühligen Sanierung der alten Leuchten, der Türgriffe, der Holzböden, der Vorhänge, der Schalter, Oberflächen und Möbel vorstellen, was Frank unter modernem Wohnen verstand: Schnörkellos, funktionell, zeitlos und damit in extremem Kontrast zur traditionellen Formvorstellung seit der Jahrhundertwende, sichtbar in der berühmten Gründerzeitarchitektur, weshalb das Haus auch später keinen Käufer fand.
Für uns ist diese ambitionierte Gebäude-Rettung ein gutes Beispiel, dass Revitalisierung von Bestand nicht nur an Energieeffizienz und Ökologie zu messen ist, sondern auch die Schönheit und Geschichte, Tradition und Eleganz beachten muss. Allerdings war die Vision der beiden Architekten damals revolutionär in ihrem sozialen Anspruch. Heute stehen wir wieder vor Anforderungen, die revolutionäre Lösungen erfordern, wollen wir als Gesellschaft nicht untergehen. Der Herausforderung Klimawandel kann nur mit innovativer und nachhaltiger Architektur begegnet werden. Unabhängige fachliche Hilfe kann dabei helfen. www.baurettungsgasse.net