09/06/2026
Recherche-Exkursion ins Tirol-Panorama
der Tiroler Landesmuseen
Nach dem Zeitungsartikel von Ellinor Forster vom Sonntag und der Wiederaufgefläckerten Diskussion um die Tiroler Tradition und die Frage der Schützinnen und Marketender gings gestern auf zum Bergisel. Ich machte eine Exkursion ins "Tirol-Panorama" der Tiroler Landesmuseen, um mir das Riesenrundgemälde und die Ausstellung "Hosenrolle" wieder einmal anzusehen.
Von der Hosenrolle-Ausstellung fan ich nur mehr leere Tafeln, sie wurde bereits abgeräumt.
Aber am Riesenrundgemälde wurde ich fündig.
Die zwei in der Zeitung erwähnten "Marketenderinnen", fein herausgeputzt mit ihren blütenweißen Blusen, befanden sich mitten im Schlachtgetümmel, wobei nur eine einen erschöpften Schützen mit einem Getränk stärken konnte. Die andere sitzt herzerweichend weinend auf ihrem Fassl und betrauerte einen wohl bekannten oder gar geliebten Gefallenen. Ein Moment der stillen Trauer inmitten des tosenden Kriegsgeschehens. Sehr unwahrscheinlich, dass sich ein Mädchen den Feinden so hilflos auf dem Silbertablett präsentiert hätte.
Das Riesenrundgemälde wurde zu Pfingsten 1896 nach zweijähriger Vorbereitungszeit vom Maler Michael Zeno Diemer (1867 - 1939) in nur 3 Monaten gemalt - und zwar im Auftrag vom Landesverband für Fremdenverkehr in Tirol. Es die 3. Bergiselschlacht am 13. August 1809 dar. Außen auf der neuen Rotunde im Museum steht: "Bei allem Realismus im Detail handelt es sich um eine ziemlich freie Inerpretation der historische Wirklichkeit: So war Andreas Hofer am Bergisel gar nicht anwesend und die Schützenuniformen der Tiroler sollten sich erst im Laufe des 19. Jahrhunders entwickeln."
Neben dem Riesenrundgemälde in der Musikausstellung sind dann einige "Rollen" der Blasmusik dargestellt, und siehe da: da ist neben einer Musikerin auch ein Marketender zu sehen.
Auf dem Büchertisch im Foyer des Museum kann man im Buch: "Die Marketenderin:" (Herausgegeben von Siglinde Clementi) auch den Beitrag von Ellinor Forster nachlesen:
"Beteiligung, Wahrnehmung und Erinnerung: Frauen in der Tiroler Erhebung von 1809"
Am Ende der Buchbeschreibung im Internet ist zu lesen:
"Die Marketenderin ist die einzige aktive Rolle mit Öffentlichkeitscharakter für Frauen im Schützenwesen, sie hatte und hat innerhalb der Männerriege aber einen eher marginalen Status inne. Die Autorinnen dieses Bandes zeichnen die Bedeutung dieser Figur mit allen Facetten nach, ohne Ambivalenzen und Widersprüche auszusparen."
Übrigens: Die echten historischen Marketender hatten die Aufgabe die Soldaten im Krieg mit Waren und Lebensmitteln zu versorgen, und nicht an fein herausgeputze Ehrengäste Schnaps auszuschenken.
Und die Hosenrollen? In der gleichnamigen Ausstellung waren 6 Frauen porträtiert worden, denen eine Kriegsbeteilung zugeschrieben worden war.
Katharina Lanz, Therese von Sternbach, Anna Jäger, Rosina Straub, Viktoria Savs Stephanie Hollenstein, Therese Zöttl.
Es waren aber wohl nicht die einzigen, die zur Not zur Waffe gegriffen hatten, um sich und ihr Hab und Gut zu verteidigen.
Traditionen sind also alles andere als fix und starr, und die holde Tiroler Männlichkeit könnte sich durchaus auch einmal mit ihrer wirkliche Geschichte und beschäftigen.
Es ist anzunehmen, dass die Traditions-Thematik in diesem Wahlkampf eine gewichtige Rolle spielen wird. Die modernen Tiroler:innen lassen sich offensichtlich nicht mehr widerstandslos auf bestimmte Traditions-Rollen fixieren, und das ist gut so.
https://www.uvw.at/produkt/9812/die-marketenderin/