11/03/2026
E (4/4)
In dem Haus, in dem ich im Achten gewohnt habe, war ein Buchantiquariat. Der Betreiber hat alles, was am offiziellen Buchmarkt keinen Wert gehabt hat, weg gegeben. Das hab ich mir natürlich alles geholt, klar. Die Möglichkeiten, Sachen günstig oder gratis zu haben, haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Kost-Nix-Läden, die Sozialmärkte, die Altkleidercontainer, die offenen Bücherschränke, das ist für uns Messies natürlich ein Paradies. Aber auch die Hölle, weil ein Stück kommt zum anderen, und eins verschwindet unterm anderen, bis du die Übersicht verlierst. So hast du als Messie alles, aber auch nichts.
Ich hab in einem offenen Bücherschrank einmal ein Buch gefunden, das war original aus dem Jahr 1739, also zehn Jahr vor der Geburt Goethes, also schon sehr speziell. Sowas ist unersetzbar, darum tut es mir heute noch leid. Deswegen ist es mir dann so schlecht gegangen mit der Totalräumung, ich hatte nicht die Zeit, die wichtigen Sachen zu retten.
Auch dieses Mal hab ich kaum etwas retten können, weil der Vorraum war total verstellt und so war die Wohnungstüre blockiert. Ich hab mich durchzwängen können, aber ich hab keine Taschen mit Büchern rausbringen können. Ein Bekannter hat mir dann geholfen. Ich hab ein paar Taschen mit einem Seil beim Fenster runtergelassen und er hat sie in den Keller gebracht, ein paar Lebensmittel, etwas Gewand, aber leider keine Bücher. Die werden jetzt alle verbrannt.
Warenvernichtung kommt für mich einer Selbstvernichtung gleich. Ich fühle mich verletzt und schutzlos. Andererseits bin ich natürlich froh, dass ich die Wohnung behalten kann. Und dass ich jetzt keine Angst davor haben muss, dass die Nachbarn, wenn ich die Tür aufmache, einen Blick in meine Wohnung werfen können.
Fotos: Milena Krobath