Lebensskizzen

Lebensskizzen Wir erzählen Geschichten über Menschen als ganze Menschen. Dies ist ein Plädoyer für gegenseitiges Verständnis.

Dabei wollen wir systemische Zusammenhänge aufzeigen, die dafür sorgen, dass Existenzangst noch auf der Tagesordnung steht.

Michaela (4/4)Das LOK ist wirklich Gold wert. Ich bin 2012 zum LOK gekommen, seit 2013 hab ich dort eine Persönliche Bet...
07/04/2026

Michaela (4/4)

Das LOK ist wirklich Gold wert. Ich bin 2012 zum LOK gekommen, seit 2013 hab ich dort eine Persönliche Betreuung. LOK ist die Abkürzung für „Leben ohne Krankenhaus“, das ist ein Verein, der Menschen mit einer psychischen Erkrankung unterstützt.
Ich arbeite in der LOK-Blumenhandlung, im „Unverblümt“ in der Krongasse, da bin ich drei Tage in der Woche. Ich hab dort viel gelernt, Blumenstrauß binden, Gestecke machen, Pflanzen umtopfen. Ich mach, was mir halt Spaß macht. Am liebsten mach ich Blumensträuße. Und wenn es mir nicht gut geht, bleib ich zu Hause, das ist kein Problem.
Ich habe heute meine ganzen Bekanntschaften und Freundschaften im LOK. Ich bin dort auch eine von den Klienten-Vertreterinnen. Und ich bin beim Fond Soziales Wien in der Expertinnengruppe für den Selbstvertretungstag.
2019 war in Köln eine trialogische Veranstaltung, und wir sind hingeflogen. Und dann war ich auch zwei Mal in Hamburg und ein Mal in Leipzig auf der „subjektiven Seite der Schizophrenie“. Da sind Fachleute, Patienten und Angehörige dabei, also wie beim Trialog. Es werden Vorträge gehalten und Gespräche geführt: Was gibt es an neuen Behandlungen, an neuen Projekten und so. In Hamburg war es sehr lustig und schön, das hat mich echt glücklich gemacht.
Ich hab eine Schwester, die ist drei Jahre jünger, die lieb ich über alles, und die sieht meine Krankheit auch ein. Meine Schwester und meine Eltern sind sehr viel wert für mich geworden, weil das die einzigen sind, die nicht dumm hinter meinem Rücken reden. Ich kann ihnen vertrauen, was immer mit mir los ist.

Fotos: Milena Krobath

Michaela (3/4)Die Schizophrenie kann durch das He**in ausgelöst werden, aber auch durch THC, L*D und andere Drogen. Ich ...
07/04/2026

Michaela (3/4)
Die Schizophrenie kann durch das He**in ausgelöst werden, aber auch durch THC, L*D und andere Drogen. Ich bin zirka seit 2011 paranoid schizophren. Ich hab Wahnvorstellungen, Halluzinationen, akustisches Stimmenhören. Ich war eigentlich schon clean, und da hat das irgendwie angefangen mit den Stimmen, die haben mir eingeredet, dass das Junken ganz normal ist, dass das jeder macht, dass alles okay ist. Das war schiach. Das will ich nicht mehr erleben.

Ich bin in Psychotherapie, die hilft mir sehr, aber ich war jetzt schon vier Wochen lang nicht dort. Ich wollte nicht.
Es passiert auch heute noch ab und zu, dass ich in Sachen hineinwandere, die gar nicht mehr real sind, sondern nur im Kopf.
Ich erzähl euch lieber was von heute. Über das LOK.

Fotos: Milena Krobath

Michaela (2/4)Der Karlsplatz war mein Zuhause. Am Schluss war ich jeden Tag bis zu drei Stunden dort, bis ich genug verk...
07/04/2026

Michaela (2/4)

Der Karlsplatz war mein Zuhause. Am Schluss war ich jeden Tag bis zu drei Stunden dort, bis ich genug verkauft gehabt hab. Das war schon der neue Karlsplatz mit der großen Polizeistation. Sie haben ja alles umgebaut damals wegen der Fußball-Europameisterschaft, da wollten sie für die Touristen alles clean haben. Die Passage und der Park, alles war jetzt vernetzt und verkabelt, es hat Betretungsverbote gegeben und Wegweisungen, überall waren Zivile unterwegs.
Am Schluss bin ich dort sprechend herumgegangen, da war ich schon krank, Schizophrenie. Ich bin sprechend herumgegangen, weil ich gedacht hab, sie hören mich. Das war auch nicht so cool.
 Ich war im Substitutionsprogramm. Ich war ein paar Mal im Wagner-Jauregg-Klinikum auf Entzug. Nach dem dritten Mal bin ich gemeinsam mit einer Bekannten rausgekommen, und wir sind beide rückfällig geworden, aber sie ist dabei gestorben. Das war nicht leicht für mich. Wir waren da in einer Wohnung und ich bin in der Früh aufgestanden und hab sie gesucht. Ich bin ins Schlafzimmer gegangen, da war keiner, und dann geh ich durch die Wohnung, geh ins Badezimmer, und da sitzt sie dort vor mir im Türkensitz, und ich greif sie so an, und da ist noch die Luft rausgekommen. Ich hab die Rettung gerufen, dabei war sie schon tot.
Andere Tote hab ich zum Glück nicht so mitgekriegt, so direkt. Ich hab die Klos gekannt, wo sie es sich gegeben haben, die Klos bei den U4-Stationen zwischen Karlsplatz und Margarethengürtel, da sind ein paar verstorben. der Mike, die Jana. Aber wenn du das mitkriegst, denkst du deswegen noch nicht ans Aufhören. Das ist schwer, wenn du schizophren bist.

Fotos: Milenq Krobath

Michaela (1/4)Ich will hier niemanden auf die Idee bringen, Drogen zu nehmen. Das ist nämlich eine dumme Idee. Es ist ni...
07/04/2026

Michaela (1/4)

Ich will hier niemanden auf die Idee bringen, Drogen zu nehmen. Das ist nämlich eine dumme Idee. Es ist nicht einmal eine Idee, es ist nur dumm.
Ich wundere mich, dass ich mich noch an diese Tage erinnere.
Wir haben die Polizisten und Polizistinnen hier am Karlsplatz mit Namen gekannt. Und sie haben uns mit Namen gekannt.
Ich hab Gärtnerin gelernt bei der MA40, dem Stadtgartenamt, und war die Lehrzeit dort plus zwei Monate Behaltepflicht. Dann war ich ein halbes Jahr beim Baumax, und in dieser Zeit hab ich meinen Ex kennengelernt, und da hat es angefangen.
Er war gerade auf Ausgang vom Gefängnis, und ich war total verliebt in ihn und Ding und so. Beim Ausgang hat er schon He**in genommen, dann ist er noch einmal ins Häfn gegangen, einen Monat später ist er rausgekommen und gleich zu mir gezogen. So hat das auch bei mir begonnen, mit der Drogensucht, und mit dem Karlsplatz. Da war noch der alte Karlsplatz, da war die Polizeistation noch klein.
Ich war dann also sehr auf He**in und hab oft gespieben am Anfang. Vorher hab ich nur Ex**sy und Speed und so genommen. Aber mit dem He**in war der Spaß vorbei.
 Ich war zirka drei Jahre lang mit meinem Freund zusammen, zwischen meinem 18. und 21. Lebensjahr. Dann war ich allein am Karlsplatz unterwegs, fünf Jahre lang. Ich hab dort verkauft und hab die Polizei mitgemacht.
Ich hab Tabletten verkauft, die Namen sage ich lieber nicht, weil ich will niemanden dazu einladen. Das waren Schlaftabletten und Beruhigungsmittel, die kriegst du heute zum Teil gar nicht mehr, weil die mittlerweile verboten sind. Ich hab das verkauft, und von dem Geld hab ich dann das He**in kaufen können.Das erste Mal, wo mich die Polizei reingezogen hat in die Polizeistation, bin ich zerlegt worden von einer Polizistin, die hat mir sogar den BH weggenommen. Das war natürlich unangenehm. Aber noch unangenehmer war es, dass sie uns die Tabletten weggenommen haben, weil man hat sich dann den Stoff nicht kaufen können.
Ich war damals ja hübsch und schlank, und bei der Polizei hab ich mit den Männern nie Probleme gehabt, nur mit dieser einen Polizistin. Die hat mich nicht nur ein Mal reingezogen.

Fotos: .lenakro

Michaela (2/4)Der Karlsplatz war mein Zuhause. Am Schluss war ich jeden Tag bis zu drei Stunden dort, bis ich genug verk...
07/04/2026

Michaela (2/4)

Der Karlsplatz war mein Zuhause. Am Schluss war ich jeden Tag bis zu drei Stunden dort, bis ich genug verkauft gehabt hab. Das war schon der neue Karlsplatz mit der großen Polizeistation. Sie haben ja alles umgebaut damals wegen der Fußball-Europameisterschaft, da wollten sie für die Touristen alles clean haben. Die Passage und der Park, alles war jetzt vernetzt und verkabelt, es hat Betretungsverbote gegeben und Wegweisungen, überall waren Zivile unterwegs.
Am Schluss bin ich dort sprechend herumgegangen, da war ich schon krank, Schizophrenie. Ich bin sprechend herumgegangen, weil ich gedacht hab, sie hören mich. Das war auch nicht so cool.
 Ich war im Substitutionsprogramm. Ich war ein paar Mal im Wagner-Jauregg-Klinikum auf Entzug. Nach dem dritten Mal bin ich gemeinsam mit einer Bekannten rausgekommen, und wir sind beide rückfällig geworden, aber sie ist dabei gestorben. Das war nicht leicht für mich. Wir waren da in einer Wohnung und ich bin in der Früh aufgestanden und hab sie gesucht. Ich bin ins Schlafzimmer gegangen, da war keiner, und dann geh ich durch die Wohnung, geh ins Badezimmer, und da sitzt sie dort vor mir im Türkensitz, und ich greif sie so an, und da ist noch die Luft rausgekommen. Ich hab die Rettung gerufen, dabei war sie schon tot.
Andere Tote hab ich zum Glück nicht so mitgekriegt, so direkt. Ich hab die Klos gekannt, wo sie es sich gegeben haben, die Klos bei den U4-Stationen zwischen Karlsplatz und Margarethengürtel, da sind ein paar verstorben. der Mike, die Jana. Aber wenn du das mitkriegst, denkst du deswegen noch nicht ans Aufhören. Das ist schwer, wenn du schizophren bist.

Fotos: Milena Krobath

Gerhard (4/4)Im Leben gleicht sich alles aus. Ich habe Phasen er Obdachlosigkeit erlebt, Phasen von Arbeit, von Beschäft...
24/03/2026

Gerhard (4/4)

Im Leben gleicht sich alles aus. Ich habe Phasen er Obdachlosigkeit erlebt, Phasen von Arbeit, von Beschäftigungslosigkeit und intensive Hobbys. Das geht nur in den Phasen, wo eine bestimmte Sicherheit da ist. Jetzt bin ich hier im DRZ (Demontage und Recyclingzentrum - ein Beschäftigungsbetrieb) beschäftigt. Hier habe ich relativ viele Freiheiten. Wenn ich ein Gerät sehe, das sich reparieren kann, dann mache ich das. Ich wollte immer verstehen wie die Dinge funktionieren. Ob ich dabei viel oder wenig verdiene, ist für mich nebensächlich.Aber heute bei den Handys, da sind die Bauteile so klein, dass man sie nur Spezialwerkzeug und Mikroskop bearbeiten kann. Die Industrie schaut darauf, dass die Geräte nicht mehr reparierbar sind.

Danke für die Geschichte!

Gerhard (3/4)Ich hatte Arbeit und war arbeitslos im Wechseltakt. Vor meiner Arbeit hier im DRZ (Demontage und Recyclingz...
24/03/2026

Gerhard (3/4)
Ich hatte Arbeit und war arbeitslos im Wechseltakt. Vor meiner Arbeit hier im DRZ (Demontage und Recyclingzentrum - ein Beschäftigungsbetrieb) war ich 10 Jahre lang arbeitslos. Meine Arbeitslosigkeit habe ich im Internet verbracht, mit dem Aufnehmen und Wiedergeben von Computer-Spielen und Programmen und mit meinem Hobby als Amateurfunker. Über das Funken habe ich auch meine geringfügige Beschäftigung gefunden und den Freund, der mir das Motorrad geschenkt hat.Bei der Schaustellerei habe ich gelernt, mit Menschen umzugehen. In der Obdachlosigkeit habe ich gelernt, mit wenig auszukommen. Wenn es nicht genug zum Essen gegeben hat, bin ich zur Caritas. Dort hat ein Essen einen Schilling gekostet. Den hast du bald zusammen, ein paar Bierflaschen sammeln reicht. Für diesen Schilling hast du ein komplettes Essen bekommen und warst satt. Nur Zi******en habe ich mir immer gegönnt. Dadurch, dass ich als Kind geraucht habe, habe ich damit nie aufgehört. Aber ich habe mir meine Zi******en meistens selbst gedreht.Ich war schon immer für Nachhaltigkeit. Wenn du obdachlos bist, dann lernst du das automatisch. Hier sehe ich außerdem viel neue Technik und ich lerne immer was Neues. Am liebsten würde ich bis zur Pension hierbleiben.Heute sind in der Arbeitswelt Spezialisten gefragt, mit hohem Wissen auf einem Speziellen Gebiet. Ich weiß viel und ich kann viel, aber ich bin nirgends Spezialist.
Hier im DRZ wird mein Wissen gebraucht. Und ich lerne immer wieder was Neues. Sachen aus dem Müll werden angeschaut, was noch gut ist wird repariert und aufgehübscht. Da drüben steht zum Beispiel eine Hallenkehrmaschine, mit Wassertank. Die kostet neu 2800 Euro. Jetzt habe ich sie wieder hergerichtet, den Schlauch getauscht und ein paar Kleinigkeiten repariert. Nur die Batterie muss neu eingesetzt werden, dann fährt sie wieder.
Ich habe Automechaniker gelernt, war lang Rohrschlosser – und als Schausteller muss man sowieso alles reparieren können. Am Freitag ist Show, da muss alles funktionieren. Da musst du halt Improvisieren.

Danke für die Geschichte.

Gerhard (2/4)Einmal war ich fünf bis sechs Jahre lang obdachlos. Der Start war im Frühling, da konnte ich mich langsam a...
24/03/2026

Gerhard (2/4)
Einmal war ich fünf bis sechs Jahre lang obdachlos. Der Start war im Frühling, da konnte ich mich langsam an die Situation gewöhnen. Wenn Du auf der Straße lebst und keine Unterstützung hast, dann ist es sehr schwierig. Das habe ich schon erlebt. Im Park schlafen ist das Schlimmste, aber auch das habe ich öfter machen müssen. Irgendwann habe ich herausgefunden, dass ich für eine kleine Unterstützung nur einen Nicht-Meldeschein ausfüllen muss. Ab da war’s dann leichter.Und dann habe ich mich in einem unbewohnten Haus eingerichtet. Ich habe einen Schlüssel aus Alu am Flohmarkt gefunden. Ich habe ihn gefeilt, bis er gepasst hat und dann konnte ich sogar hinter mir zusperren. Und ich hatte Glück: Im Stiegenhaus war Licht und im Keller Wasser. Auch Betten gab es genug. Ich habe mir in dem Haus ein Zimmer eingerichtet und insgesamt fünf Jahre so gelebt. Einmal gings besser, einmal schlechter. Man braucht schon ein gewisses Vertrauen ins Leben. Meines ist durch Zufälle so geworden. Wenn ich etwas nicht ändern kann, kommt es zur Akzeptanz.Damals bin ich oft ins Gasthaus ums Eck, um mich aufzuwärmen. Eine Tschumsn mit alten Einbaumöbeln, ziemlich abgeranzt. Dort waren Trinker und andere Obdachlose. Ich bin aufgefallen, weil ich nichts getrunken habe. Keinen Alkohol, nur meine Cola. 400 Schilling Unterstützung hat es im Monat gegeben. Und eines Tages hat mir einer der Alkoholiker ein Angebot gemacht: Wohnung gegen Essen. Ich hatte damals einen Notgroschen von 440 Schilling, konnte bei ihm wohnen und habe Essen gekauft und gekocht. Das Zusammenleben hat viele Jahre lang gut funktioniert. Er war Alkoholiker, aber ein gleichmäßiger. Er ist nie auffällig geworden, im Gegensatz zu meinem Vater, der Intervalltrinker war. Irgendwann ist er gestorben und nachdem ich schon sieben Jahre bei ihm gewohnt hatte, konnte ich die Wohnung offiziell übernehmen.

Danke an für die Geschichte.

Gerhard (1/4)Sie können mich Gerhard nennen, oder bei meinem Spitznamen Akku. Seit drei Jahren kenne ich mich mit Akkus ...
24/03/2026

Gerhard (1/4)
Sie können mich Gerhard nennen, oder bei meinem Spitznamen Akku. Seit drei Jahren kenne ich mich mit Akkus aus. Mein Freund, bei dem ich geringfügig beschäftigt bin, hat mir ein Motorrad geschenkt. Ich wollte ein sehr altes elektrisches Fahrzeug, dieses hier ist 12 Jahre alt und wiegt 270 Kilo. Es ist eines der ersten Elektrofahrzeuge, die in der Bauform als Elektromotorrades gebaut wurden. Die Firma heißt Vectrix, eine amerikanische Firma, die in Polen diese Motorräder gebaut hat. Damals hat es noch keine Lithium-Ionen gegeben, deshalb wurde der Roller damals mit 1,2 Volt Nickel-Metall-Hydrid Zellen gebaut. 110 Zellen die in Serie geschalten sind. Weltweit wurden 3.500 dieser Roller verkauft. Allein, das hat nicht gereicht fürs Geschäft. Ich habe hier inzwischen Lithium-Eisen-Sulfat-Zellen eingebaut. Dadurch ist der Roller leichter geworden und ich komme, wenn ich aggressiv fahre, 150 km weit. Wenn ich normal fahre, reicht der Akku bis zu 230 km.Ich bin eine eierlegende Wollmilchsau und ich habe keine Feinde. Meine Lebensgeschichte ist lang und kompliziert. Aufgewachsen und in die Schule gegangen bin ich in Graz. Bis zur Scheidung meiner Eltern hatte ich nur Einser im Zeugnis, dann bin ich mit meiner Mutter ins Dorf gezogen und in der Sonderschule gelandet. Mein Vater war Alkoholiker und Schläger, ich habe die Schule geschmissen und bin zu ihm gezogen. Ich habe eine Mechanikerlehre begonnen, vom Vater (er war Hausmeister) Mäh- und Reparatur-Arbeiten übernommen, eine Lehre als Bautischler angefangen. Lang war ich als Schausteller bei Märkten tätig, allerdings war ich da selten angemeldet. Einmal hatte ich einen Unfall. Ein 17.400 kg schwerer LKW war hochgebockt, das Getriebe musste raus und die Kupplung repariert werden. Der Hubwagen ist runtergeknallt, das Trittbrett ist mir ins Genick gefahren – und ich habe mir das Kreuz gebrochen. Vier Monate war ich im Gips, die Genesung hat drei Jahre gedauert.

Danke für die Geschichte

E (4/4)In dem Haus, in dem ich im Achten gewohnt habe, war ein Buchantiquariat. Der Betreiber hat alles, was am offiziel...
11/03/2026

E (4/4)

In dem Haus, in dem ich im Achten gewohnt habe, war ein Buchantiquariat. Der Betreiber hat alles, was am offiziellen Buchmarkt keinen Wert gehabt hat, weg gegeben. Das hab ich mir natürlich alles geholt, klar. Die Möglichkeiten, Sachen günstig oder gratis zu haben, haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Kost-Nix-Läden, die Sozialmärkte, die Altkleidercontainer, die offenen Bücherschränke, das ist für uns Messies natürlich ein Paradies. Aber auch die Hölle, weil ein Stück kommt zum anderen, und eins verschwindet unterm anderen, bis du die Übersicht verlierst. So hast du als Messie alles, aber auch nichts.
​Ich hab in einem offenen Bücherschrank einmal ein Buch gefunden, das war original aus dem Jahr 1739, also zehn Jahr vor der Geburt Goethes, also schon sehr speziell. Sowas ist unersetzbar, darum tut es mir heute noch leid. Deswegen ist es mir dann so schlecht gegangen mit der Totalräumung, ich hatte nicht die Zeit, die wichtigen Sachen zu retten.
​Auch dieses Mal hab ich kaum etwas retten können, weil der Vorraum war total verstellt und so war die Wohnungstüre blockiert. Ich hab mich durchzwängen können, aber ich hab keine Taschen mit Büchern rausbringen können. Ein Bekannter hat mir dann geholfen. Ich hab ein paar Taschen mit einem Seil beim Fenster runtergelassen und er hat sie in den Keller gebracht, ein paar Lebensmittel, etwas Gewand, aber leider keine Bücher. Die werden jetzt alle verbrannt.
Warenvernichtung kommt für mich einer Selbstvernichtung gleich. Ich fühle mich verletzt und schutzlos. Andererseits bin ich natürlich froh, dass ich die Wohnung behalten kann. Und dass ich jetzt keine Angst davor haben muss, dass die Nachbarn, wenn ich die Tür aufmache, einen Blick in meine Wohnung werfen können.

Fotos: Milena Krobath

Adresse

Herklotzgasse 21
Fünfhaus
1150

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