Lebensskizzen

Anrufen Wegbeschreibung Website Kontaktieren Sie die Organisation

Lebensskizzen Wir erzählen Geschichten über Menschen als ganze Menschen. Dies ist ein Plädoyer für gegenseitiges Verständnis.

Dabei wollen wir systemische Zusammenhänge aufzeigen, die dafür sorgen, dass Existenzangst noch auf der Tagesordnung steht.

27/10/2026

Verena

"Meine Herkunftsfamilie war jetzt nicht irgendwie auffällig, sondern eine ganz normale dysfunktionale Familie eben. Dysfunktional wie die Gesellschaft eben."

lebensskizzen.at/verena

Video: .lenakro

Verena(5/5) ”Das Buch ist autobiografisch und heute im Rückblick würde ich sagen, es ist eindeutig meiner Beziehungssuch...
27/10/2026

Verena
(5/5) ”Das Buch ist autobiografisch und heute im Rückblick würde ich sagen, es ist eindeutig meiner Beziehungssucht zuzuordnen.
Das Buch "Trockenrausch" ist eine fiktionale Beschreibung eines Alkoholentzugs, und hat die Erkenntnis: Drogen und Alkohol sind was für Anfänger, denn wer richtig cool ist, zieht sich die Realität rein. Mein drittes Buch, "Flankenschmerz", ist rein fiktional: Da geht es um eine Mörderin in Graz, die andere Frauen tötet.
Mein aktuelles Werk heißt "Das Manifest zur Abschaffung der Frau - Eine parafeministische Anleitung zur Vergesellschaftung der Sorgearbeit". Es geht um die Beseitigung der co-abhängigen Möglichmacherinnen des patriachal-kapitalistischen Suchtsystems, die Emanzipation der Männer und die Kollektivierung der Sorgearbeit.
Heute werden die Frauen ja nur rethorisch abgeschafft, zum Beispiel wenn es heißt Carearbeiter*innen, wobei es da ja kaum Männer gibt, oder S*xarbeiter*innen, so als würde es schon S*xarbeiter und Bordelle für Frauen geben. Ich hab da für Radio Helsinki Gespräche mit Callboys geführt, um zu schauen, wie weit stehen wir da schon mit der sexuellen Versorgungsarbeit, und ich muss sagen: Es hat sich nichts getan.
In einem Kapitel geht es darum, dass am Grazer Tegettoffplatz, wo wir vorhin die Fotos gemacht haben, statt diesem Denkmal der Kriegsverherrlichung ein Sorgezentrum stehen sollte. Ein konsumfreier Ort, wo Leute einfach hingehen, um Sorgearbeit zu tauschen, miteinander zu sprechen, einander zu unterstützen, ein erweitertes Wohnzimmer mit einer erweiterten Familie. Ein sicherer Ort für Kontakte und gemeinsame Aktivitäten, von klein auf bis ins hohe Alter. Die Idee dahinter ist, einen Ersatz zu schaffen für die verloren gegangenen Matri-Clans, die wir früher ja hatten. Für mich könnte das zum Beispiel heißen, dass ich dort einmal auf mehrere Kinder aufpasse, und dafür dann einmal Freizeit habe von meinem eigenen Kind.
Wie wichtig solche Gemeinschaften sein können, hab ich bei den 12-Schritte-Gruppen erfahren. Die haben mir wirklich den Karren aus dem Dreck gezogen, mich aus der Isolation geholt. Sie haben es geschafft, dass ich wieder Vetrauen in andere Menschen fassen kann.”
Fotos: Milena Krobath

Verena(4/5) ”Letztens war ich bei der politischen Fragestunde im Grazer Rathaus und da musste ich feststellen, dass eige...
27/10/2026

Verena

(4/5) ”Letztens war ich bei der politischen Fragestunde im Grazer Rathaus und da musste ich feststellen, dass eigentlich alle Parteien bis auf die KPÖ im Grunde der Meinung sind, dass man Männer nicht zur Sorgeverantwortung zwingen könne. Das geht nicht. Obwohl wir hier in Österreich das europäische Schlusslicht bei der Väterkarrenz sind, gibt es nach wie vor ein klares Bekenntnis zur Männerschonung. Die einzigen, die in Österreich zur Sorgearbeit gezwungen werden, sind also die Frauen.

Und zweitens habe ich erfahren, und das macht mich immer wieder fassungslos: Alle Parteien bekennen sich dazu, dass diese Sorgearbeit nicht bezahlt werden soll. Das Argument lautet: Das wäre dann ja eine Herdprämie, und man möchte sich ja nicht ins rechte Eck setzen lassen. Es ist eigentlich auch ein Zeichen dafür, wie bei uns Sorgearbeit gesehen wird: als ein Beim-Herd-Herumstehen. Und das ist es ja nicht. Und es gibt auch einen anderen Namen statt Herdprämie, und der heißt: Sorge-Einkommen.

In den 1970er Jahren war die Lohn-für-Hausarbeit-Kampagne eine weltweite Bewegung, die genau für dieses Einkommen gekämpft haben. Die haben schon damals gesagt: Das würde einer Frau überhaupt erst ermöglichen, erstens einmal unabhängig zu werden, sich aus unguten Beziehungen zu lösen, und zweitens ohne Druck auswählen zu können, welchen Zweitjob sie annnehmen will. Und im Grunde wäre dann die Sorgearbeit auch für Männer attraktiver und wir hätten mehr Männer bei den Kindern.

Eigentlich bin ich Schriftstellerin. Und am liebsten würd ich mit anderen auf Englisch über englische Gedichte sprechen. Ich gebe ehrenamtlich Konversationskurse für Deutschlernende im Büro der Nachbarschaften. Das sind Frauen aus China, aus der Ukraine, aus dem Iran, und wenn von ihnen keine Anliegen kommen, hol ich meine Gedichte heraus.

Meine literarischen Bücher haben auf die eine und andere Weise alle mit Süchten zu tun. Das erste Buch heißt "Tausend Türen hat die Hölle". Da verabredet sich die Protagonistin mit Männern aus dem Internet und stolpert von einer Enttäuschung zur anderen.”

Fotos: Milena Krobath .lenakro

Verena(3/5) ”Ich hab mich mit Hilfe des Alkohols so durchlaviert, von Montag bis Freitag, und mich eigentlich nur aufs W...
27/10/2026

Verena

(3/5) ”Ich hab mich mit Hilfe des Alkohols so durchlaviert, von Montag bis Freitag, und mich eigentlich nur aufs Wochenende gefreut, wo ich mich wegsprengen konnte. 2012 war meine letzte Erwerbstätigkeit. Da sollte ich Kunden animieren, eine bestimmte Makler-Software zu benutzen. Nach drei Monaten hatte ich einen totalen Absturz. Das war der Anlass, um eine Alkohol-Entwöhnung machen. Und 2013 kam dann das Kind, mit einem Tablettenentzug während der Schwangerschaft, der war die Hölle.

Mit dem Kind ist die komplette Isolation eingetreten. Da hat es geheißen: Ein Kind gehört zur Mutter, und die Mutter gehört in die Isolation, also sie bleibt zu Hause. Das hat mir damals auch der Kindsvater so gesagt: Das Kind gehört zur Mutter. Wir haben zwar zusammengelebt, aber er hat natürlich seinen Rückzug gebraucht nach der Arbeit, da durfte er nicht gestört werden. Für ihn ist das Leben einfach so weitergegangen wie vor der Geburt des Kindes.

Da ich mich während des Tablettenentzugs umbringen wollte, hatte ich anfangs das Jugendamt am Hals. Die sind vorbeigekommen, um zu kontrollieren, ob ich das Flascherl richtig halte, ob ich das Kind richtig wickle, und so. Ob es zu dem Kind auch einen Vater gibt, der vielleicht helfen könnte, wurde nie gefragt.

Dass die Einsamkeit für eine Kindesmutter ein Problem werden kann, das war mir vorher nicht bewusst. Und erst als ich mich mit dem Feminismus auseinandergesetzt hab, hab ich gesehen: Das ist in dieser Gesellschaft normal und liegt nicht an mir.

Als das Kind sieben war, und ich bei seiner Geburtstagsparty wieder einmal alles allein bewerkstelligen musste, weil der Partner nur beim Küchentisch sitzt und die Zeitung liest, hab ich beschlossen, ich ziehe aus. So war ich dann offiziell Alleinerzieherin und das war etwas besser als vorher in der Partnerschaft: Ab da hat er jedes zweite Wochenende das Kind genommen, und ich hab jetzt wenigstens zwei Mal im Monat ein Wochenende für mich gehabt, was vorher nie möglich war.”

Fotos: Milena Krobath .lenakro

Verena(2/5) ”Der Alkohol war dann auch in der Schulzeit mein Bewältigungshelfer. Ich bin in Klagenfurt auf die Berufsbil...
27/10/2026

Verena

(2/5) ”Der Alkohol war dann auch in der Schulzeit mein Bewältigungshelfer. Ich bin in Klagenfurt auf die Berufsbildende Höhere Schule gegangen, mit Kochen und Hauswirtschaftslehre als zentrale Gegenstände. Da hab ich auch das erste Mal Kontakt zu einer Psychiaterin gehabt, und die hat mir Benzodiazepine verschrieben, nur in einer geringen Dosis. Das hat mein damaliger Freund gesehen, mein erster Freund, und gemeint, ich soll die Finger davon lassen, weil er war abhängig.

Meine Benzos hat er sich selbst unter den Nagel gerissen. Er hat mich so irgendwie vor den Benzos gerettet, aber ich bin dafür Alkoholikerin geworden und dann später doch auch medikamentenabhängig, von den Antidepressiva, zu denen mir die Ärzte immer wieder gesagt haben: Nein, das macht nichts, das können Sie ruhig schlucken.

Nach der Matura war ich neun Monate in Frankreich, als Aupair, da hab ich auch laufend getrunken, weil ich Angst gehabt hab, mich in der Gastfamilie zu zeigen oder Fehler zu machen. Ich hab so auch nie richtig Französisch gelernt.

Nach Paris bin ich nach Graz gegangen, und hab Kunstgeschichte und Pädagogik studiert. Kunstgeschichte, weil ich mich dabei gut verstecken konnte in den verdunkelten Hörsälen. Eigentlich hätt ich gern Sprachen studiert.

Nach dem Studium war ich laufend auf Arbeitssuche. Ich hab als Fahrerin im Geldtransport gearbeitet, dann als Paketzustellerin. Ausbildungsadäquat beschäftigt war ich nur in der Neuen Galerie, aber auch nur mittels Praktika und geringfügig. Drei Jahre lang in einem Reisebüro, das war meine längste Erwerbstätigkeit. Weiters war ich in einer Rechtsanwaltskanzlei beschäftigt, Pizzazustellerin, Objektbewacherin, Portierin.”

Fotos: Milena Krobath .lenakro

Verena(1/5) ”Eigentlich müssen wir uns fragen: Warum hat jemand in dieser Welt kein Problem? Wie kann da jemand nicht kr...
27/10/2026

Verena

(1/5) ”Eigentlich müssen wir uns fragen: Warum hat jemand in dieser Welt kein Problem? Wie kann da jemand nicht krank werden? Wie kann jemand das gut finden, diese Isolation, diesen Konsumismus, diese Individualisierung, die Zerstörung von Gemeinschaften?

Ich definiere mich als Suchtkranke in einem Suchtsystem, weil ich halte das kapitalistische Patriachat für ein Suchtsystem. Ich engagiere mich heute in diversen 12-Schritte-Gruppen, vornehmlich bei den Anonymen Alkoholikern, aber auch bei der Selbsthilfegruppe für Menschen, die in alkoholkranken und dysfunktionalen Familien aufgewachsen sind, und bei der Gruppe für Anonyme S*x- und Liebessüchtige. Eigentlich bin ich hauptberuflich mit meiner Genesung beschäftigt.

Meine Herkunftsfamilie war jetzt nicht irgendwie auffällig, sondern eine ganz normale dysfunktionale Familie eben. Dysfunktional wie die Gesellschaft eben. Um mich von meinen Depressionen und Angststörungen abzulenken, habe ich viel für die Schule gelernt. Und ich hab mich in meine Fantasiewelt zurückgezogen.

Ich war eigentlich permanent allein. Zu meinen Eltern habe ich fast gar keinen Kontakt gehabt. Ich hab dann frühzeitig aufgehört, mit ihnen zu sprechen. Es war überhaupt kein emotionaler Bezug da, null.

Ich bin in Kärnten aufgewachsen, in der Nähe vom Wörthersee. Damals hat es sehr viel Tourismus gegeben und mit 14 war ich das erste Mal erwerbsarbeitstätig, beim Nachbarn, als Kellnerin. So im Mittelpunkt zu stehen und fremden Leuten etwas verkaufen, das war für mich purer Stress. Und da hab ich schon damals Rumkugeln gebraucht, um das zu bewältigen. Das war sozusagen mein Einstieg als Alkoholikerin.”

Fotos: Milena Krobath .lenakro

Aki (4/4). Die letzten fünf Jahre waren wieder sehr Hardcore für mich. Gesundheitlich, psychisch und sozial. Weil ich ei...
25/08/2026

Aki (4/4). Die letzten fünf Jahre waren wieder sehr Hardcore für mich. Gesundheitlich, psychisch und sozial. Weil ich ein Transmann bin und mich vor fünf Jahren entschieden hab, dass ich es öffentlich mach. Ich hab auch kein Problem damit, wenn man mir Fragen stellt oder so, weil das ein Thema ist, das die meisten schwer verstehen. Auch Ärzten und Schwestern im Krankenhaus hab ich schon erklären dürfen, wie das jetzt so ist und so abrennt, mit den psychologischen Gutachten, den Hormonen, den angleichenden OPs. Alle OPs mach ich übrigens nicht, das kann ich meinem Körper nicht zumuten.Ich hab das schon so gespürt, wie ich klein war. Meine Mutter und meine Schwester erzählen, dass ich früher sehr oft gesagt hab: Warum schau ich nicht so aus wie mein Vater, wann wächst mir da was? Irgendwann hab ich gemerkt, dass die Leute böse werden, wenn ich gesagt hab, dass ich kein Mädchen bin, und hab das dann nicht mehr ausgesprochen.Ich hab nicht gewusst, was das ist. Erst als ich mich dafür entschieden hab, keine Frau zu sein, sondern ein Mann, hab ich herausgefunden, dass es anderen auch so geht und dass das einen Namen hat. Ich hab zwar Schwule, Lesben und Bisexuelle als Freunde gehabt, aber ich hab nie was von Trans gehört. Wenn sich Leute beschweren, dass einem heute das Transsexuelle regelrecht aufgezwungen wird, dann wundere ich mich schon sehr: Ich hab bis zu meinem 27. Lebensjahr nicht einmal gewusst, dass es soetwas gibt.Ich bin viel im Internet unterwegs, und da kursieren die wildesten Gerüchte: Nicht nur, dass wir alle transsexuell machen und so die Menschheit ausrotten wollen, sondern auch dass wir alle pädophil seien, und natürlich auch Kannibalen. Es ist so absurd, dass es schon wieder lustig ist. Und trotz dieser schwachsinnigen Hetze und vereinzelter Probleme mit Beamten oder Ärzten, muss ich sagen, dass ich durch mein Coming-Out glücklicher bin als vorher.Es fühlt sich gut und richtig an, Aki zu sein. Ich bin heute stabiler. Auch dank der Freunde in der Trans-Community. Fotos: Milena Krobath

Aki (3/4). Das Basaglia-Haus ist eine Art Groß-WG, da können bis zu 15 oder 17 Leute wohnen, jeder hat ein Zimmer, und d...
25/08/2026

Aki (3/4). Das Basaglia-Haus ist eine Art Groß-WG, da können bis zu 15 oder 17 Leute wohnen, jeder hat ein Zimmer, und dann gibt es in jedem Stock noch gemeinschaftlich genutzte Räume, Küche, Bad, WC.
Dort hab ich dreieinhalb Jahre lang gelebt. Heute kann man nicht mehr so lange dort bleiben, weil es zu viel Bedarf gibt.Ich hab dann noch einmal dreieinhalb Jahre in einer von den betreuten Wohngemeinschaften gelebt, die der Verein in verschiedenen Häusern in Linz hat. Das ist unbefristet, manche ziehen irgendwann in eine eigene Wohnung weiter, für andere ist das ein fixer Wohnplatz, weil sie sich mit dem Alleinewohnen schwertun.Dann wollt ich wieder allein sein und hab zum Glück eine billige Wohnung um 320 Euro gefunden. Für mittelschwere Notfälle gibt es zum Glück noch die Ambulanz von Exit Sozial. Die hat auch vier Krisenzimmer, wo man hin gehen kann, wenn es einem schlecht geht, aber nicht so schlecht, dass man ins Krankenhaus muss.
Ich hab über den Verein eine Psychotherapie durch Fachärzte bekommen. Auch der Betreuer vom AMS war zum Glück nett: Der hat mir ein Sytem ausgearbeitet, wie ich meine Lehre abschließen konnte, obwohl ich nur jeden zweiten Tag gearbeitet hab, weil jeden Tag hab ich es nicht mehr geschafft.Ich würd gern arbeiten, mein Geld verdienen und mir etwas leisten können, einmal groß ausgehen. Aber das funktioniert nicht. Bei Druck blockiert nicht nur mein Kopf, sondern auch mein Körper. Der bricht mir einfach zusammen. Sie haben das auch vom AMS aus untersucht, drei Tage lang, mit dem Ergebnis, dass ich arbeitsunfähig bin.Ich muss trotzdem jedes halbe Jahr einen Antrag auf Mindestsicherung stellen. Ich krieg die auch, aber nicht vom Magistrat, sondern vom Land. Es ist kompliziert. Ich bin da so ein komischer Fall, wo sie nicht wissen, was sie damit machen sollen. Aber ich bin nicht der einzige, der in keine von ihren Schubladen passt. Und das ist auch ein Grund, warum ich heute bei der Plattform „Sichtbar werden“ dabei bin, um auf diese Lücken im System aufmerksam zu machen. Fotos: Milena Krobath

Aki (2/4). In der Schule hat man mir die Armut angemerkt, weil ich nicht viel Gewand gehabt habe, und teilweise geflickt...
25/08/2026

Aki (2/4). In der Schule hat man mir die Armut angemerkt, weil ich nicht viel Gewand gehabt habe, und teilweise geflicktes Gewand, und natürlich keine Markenwaren. Und weil ich nie zu Geburtstagspartys gegangen bin, weil da hätte ich ja ein Geschenk mitbringen müssen.Meine Mum hat in der Nacht gearbeitet, bei der Post, sie hat dort Briefe sortiert, das hat sie rund 20 Jahre lang gemacht, nur in der Nacht, geschlafen hat sie am Tag. So haben wir Kinder gelernt, sehr leise zu sein. Diese Eigenschaft ist mir bis heute geblieben.Nach der Delogierung damals bin ich vor dem Nichts gestanden. Meine Mum hat eine kleine Einzimmer-Wohnung bekommen. Ich hab bei meinem damaligen Freund gewohnt, illegal, weil meine Mum wollte, dass ich bei ihr gemeldet bleibe, damit sie die Familienbeihilfe bekommt, die eigentlich für mich bestimmt war.Ich hab also keinerlei Unterstützung gehabt, keine Familienbeihilfe, keine Mindestsicherung. Nichts. Ich bin eigentlich allein gelassen worden, von meinen Eltern, von den Ämtern, auch von meinen damaligen Freunden, die mich mit Floskeln wie „Probleme hab ich selber“ abgespeist haben.Es wollt mir keiner helfen. Ich hab keine Perspektive gehabt. Und von meinem Freund abhängig zu sein, noch dazu, wo der zu dem Zeitpunkt nicht mehr wirklich interessiert war an unserer Beziehung, das hat mich total belastet, weil ich hatte mir immer geschworen, nie in so eine Situation zu geraten. Da war ich dann soweit, dass ich nimmer wollt.Es hat damit begonnen, dass ich mich bei der Arbeit nix geschissen hab und mir immer öfter weh getan hab. Schließlich hab ich mich richtig verletzt, auch in der Freizeit, mit allem, was ich gefunden hab. Und dann hat es mir komplett die Ketten ausgehängt. Im Kopf. Ein Nervenzusammenbruch. Ich wollt mich erhängen. Das war sehr schlimm. Ich bin im Krankenhaus gelandet.Im Krankenhaus haben sie mir geholfen, dass ich zu Exit Sozial komme. Das ist ähnlich wie Pro mente. Dort hab ich dann ein Zimmer im Franco-Basaglia-Haus gekriegt. Zu meinem großen Glück, weil ich glaub, ich würd sonst nicht dasitzen. Fotos: Milena Krobath

Aki (1/4). Es ist passiert, wie ich 17 war. Ich habe beim BFI in Freistadt Tischler gelernt, und war dann für die Berufs...
25/08/2026

Aki (1/4). Es ist passiert, wie ich 17 war. Ich habe beim BFI in Freistadt Tischler gelernt, und war dann für die Berufsschule in einem Internat untergebracht, nur am Wochenende daheim. Ich ruf meine Mama an, und sie sagt, sie kann gerade nicht, der Gerichtsvollzieher steht vor der Tür. Für mich war das völlig überraschend, weil mir vorher nichts gesagt worden ist. Später hat sie gemeint, sie habe nichts gesagt, weil sie sich so geschämt hat dafür.Wie auch immer, ich bin auf der Straße gelandet. Und ich hab meine Sachen nicht mitnehmen können, ich hab nichts packen dürfen, sie haben mir alles weggenommen, meine Mum hat nur mein Gewand mitnehmen können, und das war’s. Meine Bücher, meine ganzen Stofftiere, mein Computer, die anderen Elektrogeräte, alles weg. Das war Hardcore. Aber die Delogierung war nicht der erste größere Einschnitt in meinem Leben.Ich bin mein Lebtag lang schon in Linz. Aufgewachsen bin ich in der Neuen Heimat in der Nähe von Auwiesen. Bis ich zehn war, haben meine Mum, mein Vater, meine Schwester und ich in einer kleinen Zweizimmerwohnung gewohnt. Meine Schwester und ich haben uns ein Zimmer geteilt, und als wir etwas größer waren, sind wir uns sehr oft an die Gurgel gegangen, weil wir keinen Space gehabt haben.Wie ich zehn war, haben sich meine Eltern getrennt, und meine Schwester und ich sind mit meiner Mum umgezogen, wieder in ein gemeinsames Zimmer. Und da hat es dann angefangen, dass wir mit dem Geld nur so bis Mitte des Monats ausgekommen sind.Ich hab dann das Einkaufen übernommen, weil ich hab schon von klein auf gelernt, die Preise zu vergleichen und mir auch zu merken. Ich kann gut mit Zahlen umgehen, und es hat mir auch Spaß gemacht, obwohl es eigentlich in dem Alter nicht Spaß machen sollte, darauf schauen zu müssen, dass die Familie immer etwas zu essen daheim hat.Wir haben sehr oft Nudeln mit Bröseln und Zucker gegessen. Oder sehr viel Soßen mit Nudeln. Und sehr viel Reis. Fotos: Milens Krobath

Adresse

Herklotzgasse 21
Fünfhaus
1150

Benachrichtigungen

Erfahren Sie als Erste/r von Neuigkeiten und Aktionen: Wir schicken Ihnen eine E-Mail, wenn Lebensskizzen etwas veröffentlicht. Ihre E-Mail-Adresse wird für keinen anderen Zweck verwendet, und Sie können sich jederzeit abmelden.

Kontaktieren Sie Die Organisation

Nachricht an Lebensskizzen senden:

Verknüpfungen

Teilen

Gemeinnützige Organisationen in der Nähe