12/10/2026
Kommentar der Redaktion des Zentralrates der Êzîden in Deutschland (ZÊD)
Êzîdische Interessenvertretung ist keine Angelegenheit fremder politischer Organisationen
Mit Verwunderung nehmen wir die Reaktionen einzelner kurdischer Organisationen und ihnen nahestehender Akteure auf das jüngste Gespräch einer Delegation des Zentralrates der Êzîden in Deutschland (ZÊD) mit Vertretern der syrischen Botschaft in Berlin zur Kenntnis.
Dabei irritieren uns nicht nur manche Inhalte der Kritik, sondern insbesondere die Tatsache, dass offenbar erneut versucht wird, dem Zentralrat vorzuschreiben, mit wem er Gespräche führen darf und wie er seine politischen Interessen zu vertreten hat.
Dieses Muster ist uns nicht unbekannt. Sobald der Zentralrat eigenständig diplomatische Kontakte aufnimmt oder sich für die Belange des êzîdischen Volkes einsetzt, folgen aus bestimmten politischen Kreisen nahezu reflexartig Kritik, Belehrungen und vermeintlich gut gemeinte Ratschläge.
Dazu möchten wir eines unmissverständlich klarstellen:
Es obliegt weder kurdischen Parteien noch kurdischen Organisationen oder ihnen nahestehenden Akteuren, darüber zu entscheiden, mit wem der Zentralrat der Êzîden Gespräche führt, welche politischen Kontakte er pflegt und auf welche Weise er die Interessen unseres Volkes vertritt. Diese Entscheidungen trifft der Zentralrat eigenständig und in eigener Verantwortung.
Der Zentralrat benötigt hierfür weder eine politische Genehmigung noch die Zustimmung anderer Organisationen.
Unterschiedliche Maßstäbe beim politischen Dialog?
Bemerkenswert erscheint uns in diesem Zusammenhang, dass politische Kontakte anderer Akteure zur syrischen Führung offenbar nach anderen Maßstäben beurteilt werden.
So wurde der frühere Kommandeur der kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte, Mazloum Abdi, im August 2026 zum Berater des syrischen Präsidenten Ahmed al-Sharaa ernannt. Darüber hinaus hat das syrische Außenministerium bereits Schritte zur Eröffnung eines Konsulats in Erbil eingeleitet.
Wir haben nach vergleichbar kritischen Stellungnahmen jener Akteure gesucht, die nun den diplomatischen Austausch des Zentralrates beanstanden. Entsprechende öffentliche Äußerungen sind uns bislang nicht bekannt geworden.
Selbstverständlich steht es kurdischen Organisationen frei, politische Gespräche mit der syrischen Führung zu führen. Wir stellen dieses Recht nicht infrage.
Was wir allerdings erwarten, ist, dass dasselbe Recht auch den Êzîden und ihren eigenständigen Organisationen zugestanden wird.
Wer politische Gespräche der eigenen Vertreter als Diplomatie bezeichnet, sollte entsprechende Gespräche êzîdischer Organisationen nicht grundsätzlich infrage stellen.
Unsere Verantwortung gilt unserem Volk
Der Zentralrat arbeitet seit Jahren unermüdlich daran, die Zukunft der Êzîden im Nahen Osten zu sichern.
Unser Ziel ist, dass Êzîdinnen und Êzîden in ihrer angestammten Heimat in Frieden, Sicherheit und Würde leben können – ohne religiöse Verfolgung, ohne politische Bevormundung und ohne Angst um ihre Existenz.
Dafür sprechen wir mit politischen Entscheidungsträgern in Deutschland, im Irak, in der Türkei und in Syrien.
Dialog bedeutet für uns weder Zustimmung noch politische Unterordnung. Dialog ist ein Instrument, um Interessen zu vertreten, Forderungen vorzubringen und Verantwortung einzufordern.
Gerade die Êzîden, die im August 2014 Opfer eines Genozids wurden, haben allen Grund, ihre Zukunft nicht ausschließlich den Entscheidungen anderer zu überlassen.
Respekt beginnt mit der Anerkennung êzîdischer Eigenständigkeit
An jene Organisationen und Akteure, die sich berufen fühlen, die politische Arbeit des Zentralrates zu kommentieren oder ihm Verhaltensregeln vorzugeben, richten wir deshalb eine klare Bitte:
Respektieren Sie die Eigenständigkeit êzîdischer Organisationen. Hören Sie auf, die Êzîden als politisches Instrument in Auseinandersetzungen mit anderen Akteuren zu betrachten.
Wenn Ihnen das Schicksal unseres Volkes tatsächlich am Herzen liegt, gibt es zahlreiche Aufgaben, bei denen Ihre Unterstützung willkommen wäre.
Setzen Sie sich dafür ein, dass die noch immer vertriebenen Êzîdinnen und Êzîden die Flüchtlingslager verlassen und freiwillig, sicher und dauerhaft nach Shingal zurückkehren können. Noch immer leben Zehntausende êzîdische Vertriebene in Lagern der Autonomen Region Kurdistan.
Setzen Sie sich dafür ein, dass religiöse Hetze gegen Êzîden konsequent unterbunden wird und diejenigen, die Hass gegen unsere Religion verbreiten, zur Verantwortung gezogen werden.
Und setzen Sie sich dafür ein, dass Vorwürfe über die Rekrutierung oder Zurückhaltung êzîdischer Minderjähriger durch bewaffnete Organisationen, einschließlich der PKK, unabhängig aufgeklärt werden. Jedes betroffene Kind muss geschützt werden und die Möglichkeit erhalten, zu seiner Familie zurückzukehren.
Das wären konkrete Beiträge zum Schutz unseres Volkes.
Der Zentralrat wird seinen Weg fortsetzen
Wir respektieren die politischen Interessen und die eigenständige Interessenvertretung anderer Gemeinschaften. Dasselbe erwarten wir für uns.
Der Zentralrat ist keine Unterorganisation einer kurdischen Partei, keine politische Interessenvertretung fremder Akteure und kein Instrument regionaler Machtkämpfe.
Wir vertreten die Interessen der Êzîden. Nicht mehr und nicht weniger.
Wir werden deshalb auch künftig mit allen relevanten politischen und diplomatischen Akteuren sprechen, sofern ein solcher Austausch dazu beitragen kann, die Sicherheit, die Rechte und die Zukunft unseres Volkes zu stärken.
Kritik an unserer Arbeit ist selbstverständlich legitim. Politische Bevormundung hingegen weisen wir entschieden zurück.
Die Êzîden haben eine eigene Geschichte, eine eigene Religion, eigene Interessen und das uneingeschränkte Recht, ihre Zukunft selbstbestimmt mitzugestalten.
Daran wird sich unsere Arbeit weiterhin orientieren.
Die Redaktion
Zentralrat der Êzîden in Deutschland e. V. (ZÊD)