30/06/2026
Das heilige Deutschlandticket oder wie man Armut jetzt auf Gleise setzt.
von Christian Lukas-Altenburg ©® 06/2026
Es ist wieder einer dieser Momente, in denen man die politische Kreativität der CDU bewundern muss
nicht, weil sie Probleme löst, sondern weil sie mit beeindruckender Hartnäckigkeit neue produziert und sie dann als Reform verkauft.
Die neueste Idee aus Nordrhein-Westfalen: Bürgergeld pardon, jetzt „Grundsicherung“ soll nicht mehr vollständig als Geldleistung ausgezahlt werden. Zumindest nicht dort, wo man den Armen neuerdings misstraut, dass sie mit Geld womöglich Dinge tun,
die Menschen mit Geld eben tun, selbst entscheiden.
Konkret geht es um den sogenannten Mobilitätsanteil von 50,49 Euro im Regelsatz.
Der Skandal, so scheint es: Man gibt Bedürftigen Geld für Mobilität, ohne ihnen vorzuschreiben,
in welchen Bus sie damit einzusteigen haben.
Ein unhaltbarer Zustand.
Denn offenbar hat irgendjemand festgestellt, dass von 1,5 Millionen Leistungsbeziehern in NRW nur 80.000 das vergünstigte Sozialticket nutzen.
Und statt die naheliegende Frage zu stellen
reicht das Geld vielleicht vorne und hinten nicht für den Rest des Lebens? kommt man in der CDU auf die deutlich originellere Idee:
Dann nehmen wir ihnen das Geld weg und geben ihnen ein Ticket.
Das ist ungefähr so, als würde man jemandem den Kühlschrank leer räumen und ihm dafür einen Kochkurs schenken.
Die offizielle Begründung klingt wie immer sauber, vernünftig und fürsorglich: „Teilhabe“, „Mobilität“, „Gerechtigkeit“. Worte, die in politischen Pressetexten inzwischen ähnlich zuverlässig auftauchen wie Schlaglöcher im deutschen Nahverkehr.
Tatsächlich aber ist der Plan vor allem eines,
teuer. Denn das Deutschlandticket kostet aktuell
63 Euro im Monat. Der Mobilitätsanteil im Regelbedarf liegt bei 50,49 Euro. Macht pro Person bereits eine rechnerische Differenz von 12,51 Euro.
Klingt klein bis man sie auf Millionen Menschen hochrechnet.
Nimmt man nur einen Teil der rund 5,5 Millionen Leistungsberechtigten bundesweit, sprechen wir schnell über zusätzliche dreistellige Millionenbeträge jährlich. Und das für eine Maßnahme, die man als Sparpolitik verkauft.
Das ist der eigentliche Witz.
Man verkauft Mehrkosten als Einsparung, Bevormundung als Freiheit und Misstrauen als Gerechtigkeit.
Und dann kommt der obligatorische moralische Unterton: Die Armen könnten das Geld ja „zweckentfremden“. Welch schockierende Vorstellung. Vielleicht kaufen sie davon Essen. Oder Schuhe.
Oder bezahlen Strom. Also genau jene dekadenten Luxusgüter, für die man in konservativen Denkfabriken offenbar kein Verständnis mehr hat.
Die eigentliche Frage lautet nicht,
warum Bürgergeldempfänger den Mobilitätsanteil nicht immer für Tickets ausgeben.
Die eigentliche Frage lautet: Warum ist der Regelsatz so knapp kalkuliert, dass Menschen permanent gezwungen sind, zwischen Bewegung und Überleben zu priorisieren?
Aber diese Frage ist unpraktisch.
Sie führt nämlich nicht zu Schlagzeilen über „Trickser“, sondern zu unbequemen Erkenntnissen über strukturelle Armut.
Und so bleibt am Ende wieder das gleiche Ritual:
Man jagt symbolisch ein paar angebliche Missbrauchsfälle, produziert dafür neue Bürokratie, neue Kosten und neue soziale Stigmatisierung
und nennt es Reform.
Deutschland 2026: Wer arm ist, bekommt kein Vertrauen mehr. Dafür aber ein Ticket.
Ob der Zug allerdings noch in Richtung Sozialstaat fährt, ist zunehmend fraglich.
Das eigentlich Skandalöse an diesem Vorschlag ist darüber hinaus, das ihn selbst der Chef des Arbeitnehmer Flügel in der CDU für gut befindet.
CDA Chef Radke scheint gerade zu begeistert davon zu sein und die Mitglieder der CDA Applaudieren.
Bild: Bild