20/06/2026
Wasser als strategische Ressource: Kooperationen zwischen Israel und seinen Nachbarn im Nahen Osten
Die Wasserfrage gehört zu den zentralen strukturellen Herausforderungen des Nahen Ostens. Kaum eine andere Region der Welt ist zugleich so stark von Wasserknappheit geprägt und gleichzeitig so eng in grenzüberschreitende hydrologische Systeme eingebunden. Besonders deutlich wird dies in den Beziehungen zwischen Israel und Jordanien sowie in den jüngeren Kooperationsformaten zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Beide Fälle zeigen, dass Wasserpolitik längst nicht mehr nur Umwelt- oder Entwicklungspolitik ist, sondern ein Kernbereich regionaler Stabilität, Diplomatie und sicherheitspolitischer Zusammenarbeit.
Israel und Jordanien: Wasserkooperation zwischen Knappheit und politischer Fragilität
Die wasserpolitischen Beziehungen zwischen Israel und Jordanien reichen weit in die Zeit vor dem Friedensvertrag von 1994 zurück. Bereits in den 1950er-Jahren wurde mit dem sogenannten Johnston-Plan versucht, eine technische und regionale Ordnung für die Nutzung des Jordan- und Yarmuk-Flusssystems zu etablieren. Obwohl dieser Plan politisch scheiterte, prägten seine technischen Grundannahmen spätere bilaterale Regelwerke.
Mit dem Friedensvertrag von Wadi Araba im Jahr 1994 wurde Wasser erstmals umfassend völkerrechtlich geregelt. Der Vertrag legt detaillierte Wasserzuweisungen fest und etablierte einen Gemeinsamen Wasser-Ausschuss, der bis heute als institutionelles Rückgrat der Kooperation fungiert. Trotz wiederkehrender politischer Spannungen gilt diese Zusammenarbeit als bemerkenswert stabil, nicht zuletzt weil Jordanien zu den wasserärmsten Staaten der Welt zählt und gleichzeitig stark von verlässlichen Lieferungen abhängig ist, während Israel ein strategisches Interesse an der Stabilität seines östlichen Nachbarn hat.
In der Praxis umfasst die Kooperation regelmäßige Wasserlieferungen Israels an Jordanien sowie technische Abstimmungen über gemeinsame Ressourcen. Gleichzeitig zeigt sich jedoch auch die Fragilität solcher Arrangements, da sie stark von der politischen Gesamtlage in der Region beeinflusst werden.
Klimadiplomatie und der „Water–Energy Swap“
Ein bedeutender qualitativer Schritt in der regionalen Wasser- und Energiekooperation wurde am 22. November 2021 im Rahmen der COP26 in Glasgow politisch angestoßen. Israel, Jordanien und die Vereinigten Arabischen Emirate einigten sich auf das Konzept eines sogenannten „Water–Energy Swap“. Dieses trilaterale Klimadiplomatie-Modell basiert auf einem Austauschsystem, bei dem Jordanien große Mengen Solarenergie erzeugt und teilweise an Israel liefert, während Israel im Gegenzug entsalztes Wasser nach Jordanien bereitstellt.
Dieses Modell gilt als paradigmatisch für eine neue Form regionaler Kooperation, in der nicht mehr klassische Friedensverträge allein im Mittelpunkt stehen, sondern funktionale Interdependenzen zwischen Energie- und Wasserinfrastruktur. Gleichzeitig zeigt sich auch hier, dass solche Projekte zwar technisch innovativ und politisch visionär sind, ihre Umsetzung jedoch anfällig für regionale Spannungen bleibt.
Israel, die VAE und neue Formen technologischer Wasserpolitik
Die Zusammenarbeit zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten hat sich insbesondere seit den Abraham-Abkommen von 2020 dynamisch entwickelt. Sie umfasst heute ein breites Feld von Energie-, Klima- und Wasserprojekten, in denen die VAE zunehmend eine vermittelnde und investierende Rolle einnehmen.
In diesem Kontext gewinnt auch der Einsatz technologischer Verfahren zur Wassergewinnung und Wetterbeeinflussung an Bedeutung. Neben großskaligen Entsalzungsanlagen und Infrastrukturprojekten spielt dabei auch das sogenannte Cloud Seeding eine Rolle, also die künstliche Anregung von Niederschlägen in bestehenden Wolkensystemen durch das Einbringen von Partikeln wie Silberiodid oder Salzen. Dieses Verfahren kann unter bestimmten meteorologischen Bedingungen die Regenwahrscheinlichkeit leicht erhöhen, erzeugt jedoch keinen Regen aus trockener Luft und wirkt nur innerhalb bestehender Wolkenformationen.
Israel gehörte historisch zu den Pionieren in der Anwendung dieses Verfahrens, insbesondere im Einzugsgebiet des Sees Genezareth. Langzeitstudien führten jedoch zu einer Ernüchterung, da die tatsächlich nachweisbaren Effekte gering und statistisch nur begrenzt signifikant waren. Aus diesem Grund wurde das operative Cloud Seeding in Israel in den letzten Jahren weitgehend eingestellt. Die Vereinigten Arabischen Emirate hingegen investieren weiterhin in diese Technologie und kombinieren sie mit modernen Wettermodellen und KI-gestützter Analyse, betrachten sie jedoch ausdrücklich nur als Ergänzung zu Entsalzung und nicht als Ersatz.
Wissenschaftlich besteht heute weitgehend Konsens darüber, dass Cloud Seeding keine großräumigen klimatischen Effekte erzeugt und insbesondere keine Verlagerung von Niederschlägen in dem Sinne bewirkt, dass es anderswo Dürre verursachen würde. Vielmehr handelt es sich um eine begrenzte Optimierung natürlicher Prozesse mit regional und situativ variabler Wirkung.
Zwischen Stabilität und Fragilität regionaler Kooperation
Die genannten Beispiele zeigen insgesamt zwei Entwicklungslinien: einerseits eine historisch gewachsene, institutionalisierte Wasserkooperation zwischen Israel und Jordanien, andererseits eine neue, innovationsgetriebene und klimadiplomatisch geprägte Zusammenarbeit zwischen Israel und den Golfstaaten, insbesondere den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Der Water–Energy Swap, der 2021 in Glasgow angekündigt wurde, steht dabei symbolisch für einen neuen Typ internationaler Politik im Nahen Osten, in dem Wasser- und Energiefragen zunehmend miteinander verschränkt werden. Gleichzeitig machen sowohl die Erfahrungen mit klassischen Wasserabkommen als auch mit technologischen Lösungen wie Cloud Seeding deutlich, dass technische Instrumente allein keine politische Stabilität garantieren können.
Die Zukunft der Wasser- und Klimapolitik im Nahen Osten wird sich nicht entlang einzelner Projekte entscheiden, sondern entlang der Fähigkeit der Region, funktionale Kooperationen trotz politischer Spannungen aufrechtzuerhalten und auszubauen. Die Beispiele Israel–Jordanien und Israel–VAE zeigen, dass im Kontext des Klimawandels keine einzelne Nation in der Lage ist, Wasser- und Energieknappheit isoliert zu bewältigen. Langfristige Stabilität wird daher nur durch regionale, geopolitisch eingebettete Zusammenarbeit erreichbar sein, in der technologische Innovation, Ressourcenmanagement und politische Verständigung untrennbar miteinander verbunden sind.
https://meetingorganizer.copernicus.org/EGU25/EGU25-16698.html?pdf
https://unanswered.io/guide/does-israel-still-practice-cloud-seeding-why-stopped
https://gulfnews.com/uae/weather/how-cloud-seeding-works-to-enhance-rainfall-in-the-uae
https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/2025EGUGA..2716698L/abstract
(Bild: EQ - 2021 Jordanien, VAE und Israel unterzeichnen „Water and Solar Swap“)