25/05/2026
Tag 1.550
Deutschland feierte bei Sommerwetter Pfingstsamstag. Partylaune, Grillen im Garten, Pfingstfeste mit Live-Musik...und Tag 1.550 des Krieges in der Ukraine.
Starobilsk - eine Kleinstadt im Oblast Lugansk. Deutschen Ohren kaum vertraut. Dort geschah etwas, was als "Vergeltungsschlag" gestern den schwersten Raketenangriff auf Kiew, seit Beginn des Krieges, auslöste.
Erstmal zur Klärung: in den westlichen Medien hören wir wechselweise, dass die Russen militärisch am Ende seien, danach wieder vom schwersten Angriff aller Zeiten. Wie das zusammenpasst? Gar nicht. Krieg und Propaganda lassen nun einmal keinen Spielraum für die Wahrheit. Auf keiner Seite. Nicht im Osten, nicht im Westen. Die Russen-Propaganda lügt, die ukrainische ebenfalls, und auch die deutsche und westeuropäische. Wer glaubt, dass im Krieg auf irgendeiner Seite der Kriegsparteien die Wahrheit gesagt wird, glaubt auch, dass Rüstungskonzerne und Milliardäre die Interessen der alleinerziehenden Mutter von der Supermarktkasse vertritt - und darf weiterschlafen.
Starobilsk - dort hat die ukrainische Armee einen "Double Tap" vollzogen. Dies bedeutet "Doppelschlag". Mit Drohnen hat die ukrainische Armee eine Schule bombardiert, bisher sind 21 tote Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren gezählt. Durch die vielen Verletzten kann die Zahl noch steigen.
Natürlich sagen die Russen, es war Absicht, die Schule zu bombardieren. Die Ukraine streitet dies ab. Wahrscheinlich war es tatsächlich eher ein Versehen, ein "Kollateralschaden".
Was die Russen so wütend macht, ist der "Double Tap". Nach der ersten Bombardierung wartete die ukrainische Armee ab, bis Rettungskräfte (Sanitäter, Feuerwehr) vor Ort waren - um dann nochmals zuzuschlagen und diese zu erwischen.
Denn auch Rettungskräfte sind "Infrastruktur". Natürlich ist es eigentlich ein Kriegsverbrechen. Und ja, die russische Armee wendet wohl auch "Double Taps" an.
Ganz oft, eigentlich sogar regelmäßig, macht dies übrigens die israelische Armee, im Libanon, wie auch im Gaza-Streifen.
Es ist, ganz gleich von wem und wo angewendet, eine Verrohung der Kriegsführung. Eine Herabwürdigung des menschlichen Lebens - und trifft bewusst die, die Leben retten wollen.
Einfach aus dem Grund, das Grauen und das Sterben zu steigern.
Und nun kam gestern der Vergeltungsschlag für Starobilsk. Es traf Kiew. Nicht, dass die Russen für Bombardierungen extra einen Grund bräuchten. Aber die Wut der eigenen Bürger braucht ein Ventil.
Man bombardierte Kiew mit hunderten von Drohnen und den ballistischen Iskander-Raketen. Die besonderen Waffen waren jedoch die Hyperschallrakete Zirkon, die kaum abzufangen ist - und die Oreshnik (zu deutsch: Haselnuss).
Die neueste und brutalste Waffe der Russen.
Diese wurde erst drei Mal eingesetzt. Als Test in der Großstadt Dnipro 2024, im Januar diesen Jahres in Lviv/Lemberg und eben nun in Kiew.
Die Oreshnik hat eine charakteristische Bombardierungswelle von sechs Einschlägen - und diese sind schlichtweg verheerend.
Beschießt man eine Stadt mit Raketen, geht man das Risiko ein, Zivilisten zu treffen.
Beschießt man eine Stadt mit der Oreshnik, hat man die Garantie darauf.
Es scheint, als wäre der Angriff gezielt auf besondere staatliche Gebäude gerichtet gewesen. Ein Parlamentsgebäude wurde beschädigt, ebenso das Nationale Kunstmuseum. Fast vollständig vernichtet wurde das Tschernobyl-Museum.
Und Wohnhäuser...
Unsere Stationen blieben verschont.
Lilia war über Nacht in der Kastrations-Station bei den Katzen. Es müssen fürchterliche Schläge gewesen sein. Lilia hatte dieses Mal nicht nur Angst (wie leider schon so oft), sondern dachte dieses Mal wahrhaftig, dass dies das Ende wäre.
Man muss dabei bedenken, dass die Oreshnik die stärkste Sprengkraft konventioneller Ebene (also ohne Nuklearsprengsatz) hat. Alles hat gewackelt, jede Wand, jedes Fenster gezittert. Hammerschläge stundenlang.
Jede Maus hat sich ins tiefste Loch verkrochen. Und Lilia blieb bei den Katzen, um diese zu beruhigen. Denn alle Tiere waren natürlich panisch vor Angst. Vergleicht eure Katze beim Silvester-Feuerwerk. Verzehnfacht die Schläge - und das über Stunden.
Lilia schrieb mir am Morgen danach, als ich reihum fragte, wie es unseren Helfern und Tieren geht, ganz lapidar: "Wir haben überlebt."
Sie schrieb mir kurz die Brutalität und die unvorstellbaren Schockmomente der Einschläge, und danach: "Jetzt schlafen sich alle Katzen aus."
Eigentlich hatte ich, als ich die Zeilen unserer Freunde und Straßen-Engel aus Kiew las, nur zwei Wünsche: möge Gott auch weiterhin diese herzensguten und mutigen Menschen schützen und zweitens, dass endlich Diplomatie vorherrschen möge anstelle von raff- und profitgierigen Kriegsgewinnlern der Rüstungsindustrie...