15/08/2026
Rede des Preisträgers
Richter Zouher Kadhim Abbod
**EHRENPREIS DES ZÊD 2026 – DANKESREDE**
Richter Zuheir Kazim Abbod
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Liebe Schwestern und Brüder, sehr geehrte Mitglieder des Zentralrats der Êzîden in Deutschland, verehrte Gäste, meine Damen und Herren,
es ist mir eine große Ehre, heute vor Ihnen zu stehen und diesen bedeutenden Ehrenpreis entgegennehmen zu dürfen. Ich tue dies mit tief empfundener Dankbarkeit und großer Demut.
Diese Auszeichnung gilt nicht allein meiner Person. Sie ist vielmehr eine Würdigung all jener Menschen, die sich dem Dienst am Menschen verpflichtet fühlen – unabhängig von Religion, Herkunft oder ethnischer Zugehörigkeit.
Mein besonderer Dank gilt der Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland für ihre humanitäre Haltung gegenüber den Êzîden. Hervorheben möchte ich ihr Engagement für die Überlebenden des Genozids sowie ihre kontinuierliche Aufmerksamkeit für das Schicksal der êzîdischen Gemeinschaft in der Zeit, in der der „Islamische Staat" sämtliche Grenzen der Menschlichkeit überschritt.
Diese Haltung ist Ausdruck einer Politik, die sich den Menschenrechten und der Achtung religiöser Überzeugungen verpflichtet fühlt. Die êzîdische Gemeinschaft verdient diese Unterstützung durch ein demokratisches und rechtsstaatliches Land wie Deutschland.
Die Êzîden waren für mich niemals lediglich ein Forschungsgegenstand oder ein gesellschaftliches Thema, das ich aus der Distanz betrachtete.
**Sie waren und sind Menschen. Gesichter. Namen. Lebensgeschichten.**
Von ihnen habe ich gelernt, was es bedeutet, dem Unrecht mit Standhaftigkeit zu begegnen. Wie der Glaube selbst schwerster Verfolgung widerstehen kann, wie Menschen ihre Würde selbst unter den grausamsten Bedingungen bewahren – und wie Frieden und die Liebe zum Mitmenschen selbst nach den schrecklichsten Verbrechen Bestand haben können.
Ich habe von den Êzîden weit mehr gelernt, als ich ihnen jemals geben konnte.
Religiöse Vielfalt und Glaubensfreiheit sind kein Luxus moderner Gesellschaften, sondern grundlegende Voraussetzungen für ein friedliches und gerechtes Zusammenleben.
Wenn ein uraltes Volk verfolgt, vertrieben oder gar vernichtet werden soll, dann wird Schweigen zu Mitschuld. Dann werden Haltung und das gesprochene Wort zur moralischen Verpflichtung.
Heute stehen wir am Vorabend einer Erinnerung, deren Wunden bis heute nicht verheilt sind. Wir erinnern an jenen Tag, an dem sich über dem Shingal-Gebirge die Dunkelheit senkte und ein Volk, das seit Jahrtausenden auf diesem Boden verwurzelt ist, Opfer eines Völkermordes wurde – eines Verbrechens, das weder zwischen Kindern und Alten noch zwischen Frauen und Männern unterschied und selbst vor den heiligen Stätten der Êzîden keinen Halt machte.
Unsere Aufgabe – wir, die wir damals nicht auf diesem Berg waren – besteht darin, diese Erinnerung als Vermächtnis weiterzutragen.
Wir müssen unsere Stimme erheben, wenn andere die Geschichte vergessen machen wollen. Wir müssen Gerechtigkeit einfordern, wenn politische Prozesse zu langsam werden. Wir müssen an der Seite jeder Überlebenden stehen, die trotz ihres unermesslichen Schmerzes den Mut findet, ihre Geschichte zu erzählen. Und wir müssen jede Familie unterstützen, die bis heute nach den sterblichen Überresten ihrer Angehörigen sucht.
Allein dieser unbeugsame Wille der Êzîden, trotz allem weiterzuleben, bedeutet die Niederlage jener, die ihre vollständige Auslöschung beabsichtigten.
**Die Êzîden wurden nicht ausgelöscht.**
Ihre Religion lebt in den Herzen ihrer Gläubigen fort. Ihre Mörder hingegen sind bereits dem Urteil der Geschichte übergeben worden.
Heute gedenken wir der Opfer mit schwerem Herzen und offenen Augen. Und wir sagen allen Êzîdinnen und Êzîden auf der ganzen Welt:
**Ihr seid nicht allein. Eure Erinnerung ist auch unsere Erinnerung. Euer Schmerz ist auch unser Schmerz. Und eure Geschichte wird niemals vergessen werden.**
Das Gedenken an den Genozid ist nicht allein ein Anlass zur Trauer. Es ist ein Auftrag. Ein Auftrag, immer wieder auszusprechen: Was geschehen ist, war ein Verbrechen. Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Und solche Verbrechen verjähren nicht. Ihre Täter dürfen niemals der Gerechtigkeit entgehen.
Leider ist eine umfassende internationale Strafverfolgung bis heute nicht erreicht. Noch immer leben Tausende Êzîden in Flüchtlingslagern. Noch immer gelten Hunderte Frauen, Kinder und Männer als vermisst. Noch immer ruhen die sterblichen Überreste vieler Opfer in Massengräbern und warten darauf, geborgen und in Würde bestattet zu werden.
Mein aufrichtiger Dank gilt dem Zentralrat der Êzîden in Deutschland für das Vertrauen, das er mir mit dieser Auszeichnung entgegenbringt. Ebenso danke ich allen Menschen, die sich – oft unter schwierigen Bedingungen – für Frieden, Menschenrechte und die Würde des Menschen einsetzen.
**Ich verspreche Ihnen:**
Solange ich lebe, werde ich meine Stimme für das Recht auf Existenz, für das Recht auf religiöse Freiheit, für das Recht auf Verschiedenheit und für ein Leben in Würde erheben.
Erneut danke ich der Bundesregierung Deutschlands für ihre aufrichtige und menschliche Unterstützung der êzîdischen Gemeinschaft. Dieser Ehrenpreis wird für mich Ansporn sein, meinen Weg fortzusetzen. Denn unser gemeinsamer Weg ist noch nicht zu Ende. Noch immer warten viele Wunden auf Heilung.
Danke den standhaften und würdevollen Seelen der Opfer.
**Danke Ihnen allen.**
Video zur Veranstaltung:https://youtu.be/Jn4NojP7CFM
Credits: Kezer Video / Yatar Video