12/09/2026
Mmh...
Ein hochumstrittener Artikel zur Neurodiversität erschien am 1. September auf der Website der WELT. Unter dem Titel "Die heimliche Macht der Psychonarzissten" schreibt der Autor Frank Jöricke über die vermeintliche Attraktivität von Diagnosen wie ADHS, Autismus, Depression oder bipolaren Störungen. "Heute sind interessante Diagnosen und stolze Traumata die Freifahrtscheine für steile Karrieren. Was lernen wir daraus?"
Zunächst lernen wir, dass Sie bitte nicht (!) auf den untenstehenden Link klicken. Der Journalismus scheint bei "Springer" kein Geld mehr zu bringen, denn die Website der WELT ist auf penetrante Weise werbeverseucht, allerschlimmstes Clickbait. Wir berichten Ihnen kurzerhand, was im Text steht.
Dann lernen wir: Psychische Störungen, die früher mit Scham und Tabuisierung verbunden waren, werden heute als etwas Besonderes oder gar als Auszeichnung dargestellt. Personen, die sich mit psychischen Störungen identifizieren, nennt der Autor „Psychonarzissten“, die ihre neurodivergente Besonderheit in den Mittelpunkt ihrer Persönlichkeit stellten und daraus bisweilen einen besonderen gesellschaftlichen Status für sich ableiteten. Als Beispiel nennt er die Vermarktung von ADHS als „Superkraft“.
Bisweilen mutet der Text an, als hätte Jöricke gerne das Stigma psychiatrischer Diagnosen zurück, da es ihm die Sicherheit gäbe, dass jeder soziale Vorteil einer psychischen Erkrankung durch den Nachteil des Stigma aufgewogen würde. Im Psychonarzissmus manifestiert sich aus seiner Sicht hingegen eine neue, verdächtige Attraktivität der Diagnose, die nun nicht mehr versteckt würde, denn sie mache die Betroffenen vielmehr interessant und werte sie in der Gesellschaft auf. Zugleich kritisiert er eine verkürzende und romantisierende Darstellung von Neurodivergenz, die der Realität nicht gerecht werde.
Die Polemik des Artikels ist wohlinszeniert. Frank Jöricke hat sich in der Vergangenheit zwar noch nicht explizit zur Neurodiversität geäußert, zumindest nicht auf großen Medienportalen. Dass "Springer" ihn zu diesem Thema bucht, hat allerdings durchaus Logik. In der Vergangenheit übte Jöricke bereits öfter Kritik an der Identitätspolitik, die aus seiner Sicht einen übertriebenen Individualismus fördere, der oft mit Selbstmitleid einhergehe. Zudem ist er ein Gegner des „Psychotalk“, dem er entgegenhält, dass alltägliche Charaktereigenschaften oder menschliche Marotten mit klinischen Fachbegriffen wie ADHS, Trauma oder Narzissmus überhöht würden, während sie schlicht Eigenheiten seien, die es schon immer gegeben habe, denen man in der Vergangenheit jedoch zurecht keine besondere Aufmerksamkeit schenkte.
Andererseits trifft Jörickes Kritik, so überzogen sie in Formulierungen wie "interessante Diagnosen und stolze Traumata, die Freifahrtscheine für steile Karrieren" seien, ist, durchaus einen Nerv nicht nur ausgewiesener Gegner einer inflationären Psychiatrisierung des Alltags. Zugleich ist es unwahrscheinlich, dass ADHS, Autismus, Depression oder Traumata je für eine Mehrheit der Betroffenen zum Karriereinstrument werden. Zu groß sind die Nachteile, die mit diesen Störungen einhergehen - für die Betroffenen selbst wie auch ihre Umwelt.
Doch es gibt Beispiele insbesondere im Bereich der Medien selbst, wo die journalistische Distanz einem Mythos der Authentizität gewichen ist. Viele Artikel tatsächlich oder vermeintlich selbst von ADHS oder Autismus betroffener Autor/innen haben die Selbstinszenierung der Influencer in den Sozialen Netzwerken in den Bezahljournalismus transferiert, um das Bedürfnis der Leser nach Identifikation zu befriedigen. Dieses Bedürfnis, wiewohl aus der menschlichen Disposition zu Vertrautheit und Gemeinschaft geboren, wurde in den letzten drei Jahrzehnten durch Foren und Blogs im Internet, v.a. aber durch die Sozialen Netzwerke massiv verstärkt. Wir haben uns daran gewöhnt, mit Geschichten versorgt zu werden, die wir schon kennen. Von den Wiederholungen der Teletubbies bis zum Algorithmus bei Instagram oder TikTok: Die meisten Menschen wollen das hören, sehen und lesen, das sie bereits kennen. Es bestärkt ihre vorgefasste Sichtweise und erspart die anstrengende Auseinandersetzung mit Neuem.
Man kann es nicht leugnen: Die Neurodiversitätsbewegung ist zu einer Blase geworden. Selbst ausgewiesenen Fachleuten im Bereich psychischer Störungen fällt es schwer, sich dem Sog dieser Bewegung zu entziehen oder gar zu widersetzen. Wir erleben es auch auf dieser Seite seit Jahren in zunehmenden Maße, dass Professoren für Psychologie und Medizin hemmungslos beschimpft werden, verwenden sie noch immer die Fachsprache der Psychiatrie sowie der offiziellen Diagnosemanuale wie des ICD-11 statt den Duktus der Sozialen Netzwerke. Früher hätte die Kritik einer Fachperson an sachlich falschen Darstellungen in den Medien viele Leser, die zuvor anders dachten, wenigstens zum Nachdenken gebracht. Heute provozieren selbst Wahrheiten meist nur noch impulsiven Widerstand. Die Realität ist zu "Fake News" verkommen.
Das aber ist nicht nur das Geschäftsmodell von Influencern in den Sozialen Netzwerken. Auch Kritiker wie Frank Jöricke sind längst diesem System verfallen, denn ihre Positionen sind gleichermaßen pauschal. Auch sie zielen darauf ab, ihr abgegrenzte Leserschaft mit gefälligen Inhalten zu versorgen: Leser der "Springer"-Presse beispielsweise, die zunehmend für ein Klientel publiziert, das so identitär ist wie die "Psychonarzissten", nur eben rechtsidentitär, konservativ-nationalistisch, letztlich so antiindividualistisch wie auch die meisten Follower von Influencern in den Sozialen Netzwerken latent sind, die jedem Unfug ihrer Idole gedankenlos beipflichten, solange alles im vertrauten Spiel von Vorurteil und seiner schlichten Bestätigung verharrt.
Was lernen wir daraus: Im Internet nichts Neues!
https://www.welt.de/kultur/plus6a880a2e1c4720d416546a41/adhs-und-autismus-diagnose-als-identitaet.html