20/01/2026
Aktuell aus dem Reisebericht, vielleicht kann jemand helfen. Es ist in Cebu:
"Ich bin noch immer ganz schockiert von unserem letzten Hausbesuch. Es war ein wirklicher Extremfall, der mich nicht loslässt.
Die Familie besteht aus einer alleinerziehenden Mutter mit zwölf Kindern. Die ältesten Kinder haben inzwischen selbst Kinder, die ebenfalls dort leben. Alle zusammen wohnen in einer winzigen Hütte auf einem Berg. Der Vater ist drogenabhängig, hat die Familie vor Jahren verlassen und sich nie wieder gemeldet.
Die Hütte liegt nicht direkt im Slum, sondern in einem Gebiet, in dem ausgestoßene Familien leben. An einer extrem steilen Straße, an einem Ort, an dem sonst niemand wohnen möchte. In dieser Gegend leben fast ausschließlich drogenabhängige Menschen. Es ist gefährlich. Es gibt Prostitution, Drogenhandel, Waffenhandel. Wirklich keine Umgebung, in der man seine Kinder großziehen möchte. Aber wenn man sehr arm ist, hat man oft keine Wahl.
Die Nachbarschaft ist so gefährlich und die Hütte so alt, dass man sie nicht richtig abschließen kann. Es gibt ein Loch im Boden, das als Badezimmer genutzt wird. Das Dach darüber ist teilweise eingestürzt, jeder kann hineinsehen. Es gibt keinerlei Privatsphäre. In dieser Familie hat es bereits viele sexuelle Übergriffe gegeben – durch Nachbarn, aber auch durch männliche Familienmitglieder.
Deshalb waren einige Mädchen der Familie für mehrere Jahre im Bonita Home untergebracht. Das Bonita Home ist ein Heim für sexuell missbrauchte Mädchen. Ein Großteil unserer heutigen Ehrenamtlichen stammt von dort, auch Roselyn, unsere Projektleiterin. Das Bonita Home war jahrelang in der Verantwortung der Franziskanerschwestern. Sister Juliet hat es aufgebaut, bevor sie nach St. Agnes versetzt wurde. Rund 150 Mädchen lebten dort, darunter auch schwangere Mädchen und junge Mütter mit Neugeborenen.
Dann war das Heim fünf Jahre lang in der Hand eines anderen Ordens – und unter diesem ging es den Mädchen sehr schlecht. Sie wurden klein gemacht, beschimpft, erlebten Gewalt. Bei der kleinsten Kleinigkeit wurden sie aus dem Heim geworfen. So auch eine Tochter dieser Familie. Sie wurde zurück zu ihrer Mutter und ihren Geschwistern geschickt.
Damit sie ihr Studium nicht abbrechen musste, wurde sie ein Patenkind bei Mabuhay. Wir unterstützen sie seitdem bei den Studiengebühren – etwa 500 Euro pro Semester – und beim Transport zum College. Sie ist gerade 21 Jahre alt geworden, sehr talentiert, kann singen, tanzen, Gitarre spielen. Und trotzdem ist ihr Leben extrem hart. Vor allem, weil sie auch heute noch immer wieder sexuelle Gewalt erlebt.
Schon bei unserem Hausbesuch im letzten Jahr waren wir geschockt von den Zuständen. Damals haben wir auch die jüngere Schwester ins Mabuhay-Patenprogramm aufgenommen, um die Familie weiter zu unterstützen. Der Studentin haben wir angeboten, in unser Mädchenhaus zu ziehen. Aber sie wollte ihre jüngeren Geschwister nicht im Stich lassen.
Jetzt, beim erneuten Hausbesuch, waren die Verhältnisse wieder erschreckend. Ja, es gibt Verbesserungen durch Mabuhay: Die Kinder schlafen nicht mehr auf dem nackten Boden, sondern auf einer Matratze. Es gibt Schuluniformen, Schuhe für die Schule. Aber die sexuelle Gewalt ist weiterhin da – insbesondere durch einen Bruder.
Hier auf den Philippinen interessiert das leider kaum jemanden, wenn man im Slum lebt. Dann hat man faktisch keine Rechte. Es kommt niemand, um zu helfen. Außer vielleicht wir.
In der Nähe der aktuellen Hütte gibt es eine Wohnung zu mieten. Die Mutter möchte nicht weit weg, weil sie dort einen kleinen Laden hat. Dieser kleine Laden und ihre Arbeit als Straßenreinigerin sind ihre einzigen Einnahmen. Sie verdient umgerechnet etwa 88 Euro im Monat. Das reicht nicht für zwölf Kinder und mehrere Enkelkinder.
Unsere Idee wäre, diese Wohnung für die Studentin, ihre Mutter und zwei jüngere Schwestern zu mieten – eine davon ist ebenfalls im Patenprogramm. Die älteren Kinder und Jungen könnten bei der ältesten Schwester in der alten Hütte bleiben. Aber wir wollen zumindest die Mädchen in Sicherheit bringen. Das ist in diesem Stadtteil schwierig, aber eine eigene Wohnung mit einer Tür, die man schließen kann, wäre ein Anfang.
Die Wohnung ist für vier Personen geeignet. Die Miete beträgt 6.000 Pesos – etwa 88 Euro. Das entspricht einem kompletten Monatsgehalt der Mutter. Diese Lösung funktioniert nur, wenn wir dafür eine Spenderin oder einen Spender finden. Morgen klärt sich, ob das möglich ist. Wenn es klappt, bräuchten wir einmalig etwa 264 Euro Kaution und monatlich 88 Euro Miete.
Mir persönlich wäre eine Aufnahme ins Mädchenhaus lieber. Aber dort könnten weder die Mutter noch die jüngeren Geschwister mitkommen. Diese Wohnung wäre zumindest ein erster Schritt.
Wir haben die Hausbesuche mit einem geliehenen Van gemacht, aber die Straße zu dieser Hütte ist so steil, dass wir das letzte Stück zu Fuß gehen mussten. Auf dem Weg zurück zum Auto nahm die Studentin meine Hand, sah mich mit Tränen in den Augen an und sagte kein Wort. Ich habe sie umarmt und ihr gesagt, dass wir einen sicheren Ort für sie finden werden.
Ich hoffe so sehr, dass wir dieses Versprechen halten können. Für Donnerstag sind wir wieder verabredet, und wenn alles gut geht, kann ich an diesem Tag bereits die Kaution bezahlen. Das wäre ein enorm wichtiger Schritt – weg von dieser unsicheren Hütte, hin zu einem Ort mit einer Tür, die man schließen kann, mit etwas Schutz und Würde.
Doch selbst wenn das gelingt, bleibt die nächste Sorge schon im Raum: Für ihr nächstes Semester fehlen noch 525 Euro Studiengebühren. Das ist das Geld für das nun anstehende sechste Semester. Hier gibt es kein BAföG, keine staatliche Unterstützung, keine Auffangsysteme. Entweder man kann die Gebühren zahlen – oder man hört auf zu studieren. So einfach und so brutal ist das.
Für diese junge Frau würde ein Abbruch des Studiums bedeuten, dass all ihre Mühen, all ihre Kraft und all ihr Durchhalten der letzten Jahre umsonst gewesen wären. Und sie hat so viel getragen, so viel ausgehalten, so viel Verantwortung übernommen – für ihre Geschwister, für ihre Mutter, für eine Familie, die kaum noch Halt findet.
Ich hoffe sehr, dass wir auch dafür eine Lösung finden. Damit dieses Versprechen nicht nur Worte bleiben, sondern sich Schritt für Schritt in etwas Reales verwandeln kann: Sicherheit, Bildung und eine echte Zukunftsperspektive. Es ist gleich schon wieder halb drei nachts. Eigentlich müsste ich dringend schlafen, der Wecker wird viel zu früh klingeln. Aber mein Kopf ist noch viel zu voll, mein Herz noch viel zu wach. Schreiben ist gerade das Einzige, was hilft, all das Erlebte ein kleines Stück zu ordnen, bevor die Müdigkeit mich endlich einholt."