22/07/2026
Tierschutz bedeutet auch schwere Entscheidungen zu treffen
Schwere Entscheidungen
Reiter müssen in ihrem Leben (so wie jeder Tierbesitzer) schwere Entscheidungen treffen. Vor allem dann, wenn es das Ende bedeutet. Man verdrängt das sehr oft, wenn man sich ein Tier anschafft, man sieht die tolle Zeit, die vor einem liegt, die schönen Momente, man malt sich aus, was man alles erreichen kann, wie das Leben so sein wird, mit dem Tier und dann genießt man es. Aber - so sicher wie das Amen in der Kirche - es kommt eben irgendwann der Tag, wo man feststellen muss - es geht nicht mehr. Das Pferd ist krank oder alt - manchmal macht auch ein Unfall diese Entscheidung wahnsinnig schnell (und man selbst kann sie gar nicht anders treffen) von Nöten. Jedenfalls sollten wir uns alle vor Augen halten, dass so etwas dazugehört, wenn wir uns ein Pferd anschaffen. Oder vielmehr ein Tier (außer vielleicht Tiere, die länger leben als wir, aber das sind nicht so viele - Pferde tun es jedenfalls nicht). Ergo muss ich mir darüber klar sein, dass dieser Punkt kommen wird. Und es macht mich so wütend, wenn Leute das nicht sehen wollen. Noch wütender macht es mich allerdings, wenn Unbeteiligte dann die Entscheidung nicht verstehen wollen.
Nehmen wir mal ein Beispiel. Wir haben ein lungenkrankes Pferd, das hat immer fleißig die Tochter durch ihre Abzeichen und auch mal ein kleines Turnier getragen - leichte Arbeit war kein Problem, aber nun … es ist mal wieder viel Pollenflug, es ist sehr heiß, draußen ist alles trocken und staubig, das Pferd bekommt schon sein Heu bedampft und trotzdem merkt man einfach, wie es abbaut und sich teilweise wirklich quält. Besitzer holen mehrfach den Tierarzt, aber der sagt: “Schau, ich würde jetzt noch die kühlere Woche abwarten, aber ich denke, das ist der letzte Sommer für den.” Die Besitzer stimmen zu, es wird nicht besser, das Pferd wird erlöst. Anschließend sind sie traurig und jetzt sollte man meinen, die Sache wäre nun für alle erledigt (außer für die Besitzer, die mit dem Verlust klarkommen müssen). Denkste. Da wird dann von anderen noch drauf herumgehackt, haben ja gar nicht alles probiert, etc. Das nervt einfach. Und dann werden die Leute noch als herzlos hingestellt. Ja, toll, ihr musstet ja nicht mitansehen, wie das Pferd nach Luft japst oder schon fast kollabiert ist.
So was ist einfach wahnsinnig asozial. Schwere Entscheidungen muss jeder von uns treffen und wenn man gar nichts damit zu tun hat und überhaupt nicht weiß, was die Besitzer für Stunden mit dem Pferd erleben mussten, dann hat man die Schnauze zu halten. Ist doch eh schon für alle, die das Pferd liebhatten, schwer genug. Letztens habe ich zufällig gelesen, wie es in den Kommentaren für ein Rettungspferd (ich glaube, es war eine Art Gnadenhof), abging, weil das Pferd nach der Rettung eingeschläfert werden musste. Es war halt einfach zu krank! Das haben sich die Leute da bestimmt nicht leicht gemacht, aber nö: Es wird gebrüllt, gezetert und geschrien, es hagelt negative Bewertungen für den Verein, aber ein richtiger Tierschutzverein - der betreibt eben auch Tierschutz. Und dazu gehört auch, Leiden zu beenden, wenn es für das Pferd nicht mehr anders erträglich ist. Sie hätten natürlich noch rührselig um Spenden betteln können. Aber wofür? Für die eigene Tasche? Denn dem Pferd hätte es nicht geholfen.
Wir alle müssen irgendwann schwere Entscheidungen treffen. Und die treffen wir in Absprache mit den Leuten, denen wir vertrauen und die auch eine Qualifikation dafür besitzen. Die Stallgemeinschaft oder gar irgendwelche Reitschüler - oder noch schlimmer: Außenstehende, die nur irgendwas auf Social Media davon lesen, haben damit nichts zu tun. Weil sie die Qualifikation dafür gar nicht besitzen, weil sie keine “Krankenakten” kennen und, weil sie einfach auch nicht involviert sind. Schwere Entscheidungen treffen die, die dem Pferd nahestehen und die das auch dürfen. Andere? Können ihre Meinung haben. Aber die könnten sie einfach auch mal für sich behalten.
Foto: Trifft die schwere Entscheidung, ob er erst was fressen oder sich wälzen soll.