29/05/2026
Manchmal kann es auch grob werden
Pferdehaltung und Erziehung ist nicht wie Leberwurst. Da kann man sich nicht immer für die feine entscheiden und damit sein Leben lang gut fahren. Irgendwann kommt der Punkt, dass es grob werden muss. Und zwar dann, wenn man das Pferd vor sich selbst bewahren muss. Oder andere (Tiere, Pferde, Menschen) vor dem Pferd schützen muss. Das ist der Punkt, wo man nicht mehrleise flüsternd den Namen des Pferdes tanzt. Und selbst das netteste und freundlichste Pferd mit der besten Erziehung bekommt in dem Moment dann einmal die volle Härte des Reiterleins ab, weil es darum geht, dass das Pferd nicht rückwärts in den Graben sprintet und sich die Haxen bricht oder man sonst selbst zu Schaden kommt, wenn man nicht eingreift. Man fühlt sich nachher schlecht. Aber schlechter hätte man sich jetzt gefühlt, hätte man den zwei Kaltblütern nicht mit dem Strick in der Hand am Weidetor klargemacht, dass sie einen nicht plattwalzen dürfen, das könnt ihr mir glauben.
Leider leben wir in einer Reiterwelt, die sich zunehmend in einer Filterblase aus purer Harmonie und da gibt es solche Momente gar nicht. Ist doch klar, wenn das Pferd so ein tolles Seelentier ist, dann KANN ja gar nichts passieren. Dauernd hört man von Vertrauen und wenn das alles nicht so harmonisch klappt, dann bist du Schuld. Das funktioniert ja auch hervorragend, solange man bei Sonnenschein auf dem eingezäunten Reitplatz steht und sämtliche installierte Hilfen und Erziehung funktionieren. Doch dieses rosarote Wolkenkuckucksheim bricht schnell zusammen, wenn das Pferd auf Harmonie pfeift. Oder sich mal richtig erschreckt. Gerade noch hat man den schlurfenden Schnarchsack einfach nur trockengeführt - jetzt sprintet er geradewegs auf die Kinderreitstunde zu, die da hinten auf dem Zirkel trabt. Was mache ich jetzt? Man soll einem Pferd nicht einfach das Gebiss im Maul rumziehen. Aber sorry … bevor da gleich die Kinder fliegen, werde ich da mit Kraft reinfassen, damit ich das Pferd stoppen kann. Reiten ist so schon gefährlich genug, da muss ich doch nicht durch Passivität oder irgendwelche Dogmen dafür sorgen, dass was passiert, was mit einem beherzten Griff vielleicht nicht passiert wäre?
Man kann in dem Moment nicht sagen: „Oh, das muss ich mit dem Pferd erst bei einer Tasse Entspannungstee besprechen.“ Oder ein ranghoher Wallach schaltet auf der Koppel plötzlich in den Ich-Chef-du-nix-Modus, drängt ein Kind gegen den Zaun und holt zum gezielten Schlag aus. Da werde ich dazwischen grätschen. Und zwar so, dass das Pferd das lässt. Und das lässt es nicht, wenn ich ihm sage: “Nee, Wupsi, das machen wir aber nicht.” Da braucht es einen körperlich unmissverständlichen, massiven Impuls, damit ich beim Pferd überhaupt ankomme. Ja, ich finde es auch blöd, wenn man immer sagt: Guck, Pferde sind auch nicht zimperlich miteinander (Pferde halten uns aber auch nicht für Pferde). Aber so ist es nun mal und in einer solchen Gefahrensituation greife ich zu pferdischen Mitteln - soweit das mein kleiner Körper überhaupt hergibt. Ich nehme das, was ich in der Hand habe, wedle, werfe, schreie und ja - ich haue auch in Richtung Pferd, wenn eine so blöde Situation entsteht, dass entweder ich, ein anderer Mensch oder das Pferd sich jetzt gleich verletzen werden.
Vielleicht ist es manchmal auch die Angst vor einem Konflikt, der nicht “schön” aussieht und nicht zu dieser Reiterwelt, die überall propagiert wird, passt. Wenn es brenzlig wird, muss man in der Lage sein, „grob“ zu werden um Schlimmeres zu verhindern. Sobald die Gefahr gebannt ist, kehrt man sofort wieder zur feinen Kommunikation zurück. Aber wer in der Sekunde der Eskalation die feine Leberwurst sucht, hat den Ernst nicht begriffen und setzt die Gesundheit von Mensch und Tier aufs Spiel.
Foto: Ist selten in diesen Situationen, aber wenn, dann mache ich mich SEHR deutlich.