31/05/2026
Das ist Ferdinand.
Wir nahmen ihn im Februar bei uns auf, um ihn mit unserem geliebten Lorchen zu verkuppeln. Die erste Woche war sehr holprig, doch dann arrangierten sich die beiden miteinander.
Eine Wahl hatten sie ja nicht. Lorchen lebte schon seit vergangenen Sommer bei uns, war wieder bedingt flugfähig, zahm, verwöhnt und superschlau.
Ferdi war vor Kurzem operiert worden, nachdem er sich an Taubenabwehr-Spikes schwer verletzt hatte. Er wurde erfolgreich wieder zusammengeflickt, blieb aber flugunfähig. Traumatisiert, schüchtern, sanftmütig und verunsichert watschelte er durch unsere Wohnung wie eine Wachtel.
Lange Rede, kurzer Sinn: Er zog zum Lorchen in den Käfig ein und nach kurzer Zeit lagen zwei winzige Eier im Körbchen. Lorchen verteidigte ihr Nest wie eine Furie. Sie ging auf alles und jeden los, der es wagte, in den Käfig zu greifen. Ich entschied, dass sie eins behalten dürfen. Ich hatte Plastikeier parat, aber die waren größer als ihre. Zwei unterschiedliche Eier hätte sie bemerkt.
Also behielten sie beide – ich kam ohnehin nicht ran.
Eine Woche vor Ostern schlüpften die Küken. Ferdi erwies sich als hingebungsvoller Vater. Er versorgte die Jungen, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Lorchen nahm ihre alten Gewohnheiten wieder auf. Sie stürzte morgens aus dem Käfig heraus, nahm einen Schluck aus der Kaffeetasse, kam mit ins Bett zum Mittagsschlaf. Ferdi gegenüber benahm sie sich ziemlich nassforsch und ließ ihn irgendwann gar nicht mehr an sich heran. Lorchen wirkte gestresst und verlor allmählich die Bindung zu Ferdi und ihren Kindern.
So kam es, dass sie eines Tages, als die Kleinen begannen, Körner zu picken, vom Balkon abhob und davonflog. Nicht zurückkehrte. Große Trauer um unser süßes Mädchen. Wir vermissen sie sehr. Aber es hat einfach nicht gepasst.
Ferdi trauerte auch, rief stundenlang nach ihr und wartete auf sie. Er tat uns furchtbar leid. Wir konnten es nicht fassen, dass sie ihn und die Kinder im Stich ließ. Das hatte Ferdi nicht verdient. Er versorgte die Kinder jetzt allein, und er war sehr liebevoll und fürsorglich. Wir waren super-stolz auf ihn und kürten Ferdi zum alleinerziehenden Vater des Jahres.
Er ist jetzt hier der Chef im Ring. Er ist selbstbewusster und mutiger geworden. Und ehrgeizig ist er auch, er schafft es, mit Absprung einen Meter weit durch die Luft zu flattern, ohne zu landen wie ein Bruchpilot. Aber mehr ist nicht drin.
Seit ein paar Wochen liegt er frühmorgens im Körbchen und wuht ununterbrochen, wenn der Tag anbricht. Inzwischen geht es um fünf Uhr morgens los: Wuh-wuh-wuh-wuh…!!
Man kann es nicht überhören, nicht ausblenden, nicht ignorieren. Er wuht, während wir telefonieren, fernsehen, uns unterhalten. Irgendwann ruft einer von uns: Ferdiii… halt doch mal den Schnabel!
Dann macht er leise noch mal wuuuh-wuuuh, als müsste er das letzte Wort haben. Kurze Pause. Dann wuht er weiter. Es ist anstrengend. Und er tut uns leid. Die Kinder sind groß, wir haben sie natürlich behalten. Sie sorgen für Ablenkung. Aber er braucht eine ebenbürtige Partnerin, die in sein Domizil einzieht und mit ihm durchs Leben watschelt.