16/10/2026
Quo vadis Schulsozialpädagogik?
Immer mehr Schulen setzen Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen (SSP) ein. Und ich finde das grundsätzlich eine gute Entwicklung.
Allerdings beobachte ich, dass vielerorts ziemlich unklar ist, was eigentlich ihr Auftrag ist. Oft läuft es ungefähr so:
«Kannst du dich mal um dieses Kind kümmern? Es hat grosse Schwierigkeiten mit seiner Frustrationstoleranz, Impulskontrolle und Respekt.»
Und dann wird gearbeitet. Gespräche werden geführt, Strategien entwickelt und neue Handlungsmöglichkeiten eingeübt.
Alles wunderbar. Nur gibt es ein Problem.
Das Kind muss das Gelernte irgendwann im Klassenzimmer anwenden können.
Das kennen wir auch aus der Psychomotorik und anderen Förderangeboten. Kinder lernen in einem geschützten Rahmen neue Strategien, können diese aber im Unterricht nicht abrufen. Weil der Transfer fehlt.
Und dieser geschieht selten von alleine. Er muss begleitet, angeleitet und verstärkt werden. Und dafür braucht es zwingend die Lehrperson.
Denn Verhalten entsteht immer auch in einem Kontext. In Beziehungen, Anforderungen, Erwartungen und gruppendynamischen Prozessen.
Herausforderndes Verhalten lässt sich nicht einfach delegieren.
Besonders deutlich wird das bei Lerninseln.
Ich finde solche Angebote sinnvoll. Kinder brauchen manchmal einen anderen Ort und Menschen, die ihnen helfen, wieder zur Ruhe zu kommen.
Aber wenn ein Kind dort erlebt, dass es verstanden, gesehen und wertgeschätzt wird, während es im Klassenzimmer hauptsächlich als Problem wahrgenommen wird, dann wird es zunehmend lieber auf die Lerninsel gehen.
Und zwar aus einem ziemlich guten Grund.
Wir haben dann einen Ort geschaffen, an dem das Kind besser zurechtkommt, aber an der ursprünglichen Situation wenig verändert. Und wenn es das äussert, reagiert die Lehrperson oft trotzig und denkt, die Lernsinsel sei "eine Belohung". Wenn ein freiwilliger Ausstieg aus dem Klassengemeinschaft eine Belohung ist, dann sollte uns das zu denken geben.
Wenn die Lerninsel eine temporäre Massnahme ist, muss das Ziel sein, dass es anschliessend auch im Klassenzimmer funktioniert.
Dafür müssen wir auch mit den Lehrpersonen arbeiten. An ihrer Haltung, ihrer Beziehung zum Kind, ihrer Klassenführung und ihrem Unterricht.
Genau hier sehe ich eine grosse Chance für die Schulsozialpädagogik.
Als Brücke zwischen individueller Förderung und Unterrichtsalltag.
Dafür braucht es klare Konzepte, Aufträge und Zuständigkeiten.
Ich wünsche mir, dass sich die Schulsozialpädagogik als Berufsfeld stärker formiert. Mit einem Berufsverband, einer gemeinsamen Vision und einem klaren professionellen Selbstverständnis.
Denn wir brauchen diese Fachpersonen. Ihre Kompetenzen und ihre Arbeit sind enorm wertvoll.
Aber die Verantwortung für herausforderndes Verhalten darf nicht mit dem Kind aus dem Klassenzimmer geschickt werden.
Sie muss geteilt werden. Und die Lehrperson muss sich als Teil der Lösung verstehen.